22. Mai 2015, 19:33 Uhr

»Und da hat Butler getroffen!«

»Geschwindner hat den Ball, er zögert immer noch, er weiß noch gar nicht, was auf dem Spiel steht, denn er muss treffen…und da hat Butler getroffen! Der MTV Gießen führt, das Spiel ist zu Ende! Dramatischer konnte es nicht mehr zugehen, der MTV Gießen ist durch diesen Korbwurf von Butler deutscher Basketballmeister 1965 geworden.«
22. Mai 2015, 19:33 Uhr
Die Basketball-Meistermannschaft des MTV 1846 Gießen von 1965 (hinten, v. l.): Burkhard Ehrlich (†), Klaus Urmitzer, Ernie Butler, Holger Geschwindner, Klaus Jungnickel, Hans-Georg Rupp, Betreuer Horst Schum; vorne (v. l.): Hermann Schirmer (†), Jürgen Gelling, Bernd Röder, Karl Clausen (†), Heinz Ross, Trainer Peter Nennstiel (†). Es fehlt Co-Trainer Dieter Müller. (Foto: AZ-Archiv)

Nahezu jeder Anhänger des Gießener Basketballs kennt diese Sätze, die Radiomoderator Hajo Rauschenbach am 23. Mai 1965 live aus der Collegehalle in Heidelberg über den Äther sendete und den daheimgebliebenen Basketballfreunden den 69:68-Erfolg ihrer Gießener über den Favoriten aus Osnabrück im Finale um die deutsche Meisterschaft in die Wohnstuben brachte.

Dieses prägende Ereignis für den Gießener Basketball jährt sich heute nun zum 50. Mal, doch für Bernd Röder, einen der Protagonisten der goldenen Gießener Basketballjahre, ist die erste deutsche Meisterschaft seines MTV 1846 nach wie vor allgegenwärtig.

»Die Erinnerung wird beständig hochgehalten. Die Meisterspieler sind in Kontakt – und das zeigt, welch tolle familiäre Atmosphäre den Gießener Basketball damals ausgezeichnet hat. Es war eine wunderschöne Zeit«, schwelgt der 73-jährige in einem Café in der Gießener Plockstraße in Erinnerungen und benennt zugleich die nächste große Zusammenkunft der Gießener Helden: »Wir werden am Wochenende vom 9. bis zum 11. Oktober ein großes Treffen zum Fünfzigjährigen machen. Das Programm steht, die Einladungen sind versendet, und ich freue mich sehr. Toll ist, dass die 46ers wieder erstklassig sind und wir unser Jubiläum bei einem Heimspiel in der Osthalle feiern können, zumal Heiko Schelberg uns bei der Organisation tatkräftig unterstützt.«

Doch wie kam es dazu, dass die Männerturner den Favoriten aus Osnabrück in die Knie zwangen? Nach dem Aufstieg in die Oberliga im Jahr 1962 scheiterte der MTV zunächst zweimal in den Ausscheidungsspielen, ehe man 1965 als Dritter der Hauptrunde Südwest nacheinander Wolfenbüttel, Schwabing und Aachen ausschaltete und sich somit die Zulassung für das Endspiel sicherte. Die unverhoffte Chance auf den großen Coup sorgte in dem verschworenen und über Jahre gewachsenen Teamverbund um Topscorer Klaus Jungnickel jedoch nicht für Nervosität.

»Wir haben nach dem Motto gespielt, dass wir mit Freude dabei sind und einfach unser Spiel spielen. Auch als wir plötzlich Runde um Runde weiterkamen, änderte das nichts. Wir sind ruhig geblieben, denn wir hatten nichts zu verlieren«, berichtet Röder aus dem Innenleben der Meistertruppe. Auch am Tag des Endspiels war bei den Beteiligten keine Nervosität zu spüren, als man sich am Vormittag auf den Weg nach Heidelberg machte. Die Aussicht, dass der norddeutsche Gegner mit Nationalspielern wie Klaus Weinand auflief, sorgte ebenfalls nicht für wacklige Knie bei den Mittelhessen. Getragen von 500 mitgereisten Anhängern, bissen sich die 1846er in die Partie und gingen in Führung. Der VfL schlug zurück und lag zur Halbzeit mit 38:35 in Front. Nach dem Seitenwechsel spitzte sich die Spannung zu, und 20 Sekunden vor dem Ende nahm Gießen eine Auszeit.

»Wir hatten in Peter Nennstiel einen tollen Trainer und Pädagogen, der uns prima angeleitet hat und Ruhe ausstrahlte, sodass wir uns auch von Foulproblemen nicht unterkriegen ließen. Auch in dieser Auszeit blieb er ruhig und erläuterte, wie der Ball in Ernies Hände zu gelangen hatte und schloss mit den Worten: ›Und dann versenkt Ernie den Ball»«, erinnert sich Röder an die entscheidenden Sequenzen, ehe Rauschenbach seine berühmten Worte ins Mikrofon sprach. Überhaupt war Butler ein ganz wichtiger Baustein des Triumphs. Der US-Amerikaner schlief seelig, als seine späteren Teamkameraden in der Kneipe Casanova einkehrten und sich über das vorangegangene Spiel in Offenbach unterhielten, doch unterbewusst nahm er einige Gesprächsfetzen war und tauchte beim nächsten Training in der Pestalozzischule auf. Da er zudem über den Schlüssel zur Miller Hall verfügte, ermöglichte er dem MTV wichtige zusätzliche Trainingseinheiten. »Das war ein großer Vorteil für uns, denn wir wurden dadurch immer besser, und die US-Soldaten hatten meist keine Chance. Daher haben wir hin und wieder taktisch verloren, um es uns nicht zu verscherzen«, sagt Röder schmunzelnd über den Goldjungen aus Indiana, bei dem die gesamte Meistermannschaft des Öfteren des Nachts Spiele der NBA verfolgte – ganz wie die Zweitligameister der Neuzeit, deren außergewöhnlicher Teamgeist sich auch im Wohnzimmer von Benjamin Lischka entwickelte.

An die anschließenden Feierlichkeiten denkt Röder gerne zurück: »Schon auf der Autobahn hat man fast nur Gießener Kennzeichen gesehen. In der Jahnhalle am MTV-Sportplatz ging es anschließend mit 700 Gästen richtig rund. Der Hansa-Musikcorps spielte, der Oberbürgermeister war da, und wir feierten so lange, bis die Tageszeitung des nächsten Tages geliefert wurde und dort tatsächlich stand, dass wir deutscher Meister sind. Erst dann hat man es langsam realisiert.«

Aufs Feiern verstanden sich die Gießener Spieler ohnehin, wurde doch an den Tresen im Vereinsheim, der Ludwigshöhe, der Käsekiste und dem Hawwerkasten der Teamgeist geschmiedet, der den MTV auch über individuell besser besetzte Teams triumphieren ließ. »Wir haben sehr viel zusammen gemacht, beispielsweise gesungen oder Karten gespielt. Uns brachte die Leidenschaft für den Basketball zusammen – und das haben wir zusammen genossen. Wir bekamen kein Geld, aber nach Siegen gab es als Lohn oftmals Schnitzel mit Pommes und Salat. Toll war auch, dass die Eltern von Holger Geschwindner immer mal wieder große Feste für das ganze Team samt Betreuerstab organisiert haben«, gerät der Assistenztrainer des Europameisterteams von 1993 ins Schwärmen. Wohlwollend registriert der dreimalige Meister, dass in den letzten Jahren in Gießen die Tradition wieder mehr in den Vordergrund gerückt ist und sich in der Osthalle eine Meisterbank findet, auf der auch Röder, der von der Entwicklung unter der Ägide von Schelberg und Wucherer (»Es schließt sich ein Kreis, denn sein Vater war Teil des Gießener Meisterteams 1966/67«) sehr angetan ist, regelmäßig Platz nimmt. Zudem erfreut es den ehemaligen Center, wenn in der Osthalle Fangesänge für den MTV angestimmt werden, obwohl der Proficlub schon lange nicht mehr unter diesem Namen firmiert und an anderen Standorten Mannschaften mit dem Namen des aktuellen Hauptsponsors angefeuert werden. »Das zeigt, dass hier auch bei den Jüngeren alles tief verwurzelt ist. Ich treffe in der Halle oft bekannte Gesichter, die damals wie heute eine Dauerkarte haben«, strahlt Röder.

Für all das setzten er und seine Kollegen damals den Grundstein, denn durch den überraschenden Erfolg entfachten sie in der Universitätsstadt einen Basketballboom. Zu einem Schnuppertraining kamen 50 Interessierte, von denen einige die ebenfalls erfolgreichen 70er Jahre prägten. Doch auch die erste Meistermannschaft erlebte in den folgenden Jahren unvergessliches, beispielsweise in den internationalen Duellen mit Mailand und Tel Aviv.

Mit Sicherheit werden die Helden von einst auch im Oktober an diese Reisen denken – und sicherlich wird der ein oder andere dabei auch die Stimme von Rauschenbach im Ohr haben… Lukas Becker

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