07. Februar 2014, 21:48 Uhr

Defensiv-Anker aus der Hansestadt

Hamburg, Urspringschule, US-College und nun Gießen. Thierno Agne kennt Weltstadt und Provinz. Derzeit lernt der 46ers-Forward Französisch.
07. Februar 2014, 21:48 Uhr

Für viele Basketballprofis ist es eine Glaubensfrage, doch Thierno Agne ist nicht wie die meisten Basketballer – »Xbox oder Playstation?«. Der Zweitligaprofi der Gießen 46ers lernt momentan lieber Französisch. »Meine Schule in Hamburg hat sogar das Abitur auf Französisch angeboten, aber in den letzten Jahren habe ich es kaum genutzt. Als ich meine Schwester letztens reden hörte, war das für mich das letzte Quäntchen, das ich noch gebraucht habe, um auch wieder richtig anzufangen.« Und so beschäftigt sich der Forward neben Basketball derzeit auch mit Bonjour, Baguette und Boulangerie, ließ sich von seiner Schwester aus Frankreich Bücher mitbringen und überlegt, an der Justus-Liebig-Universität einen Sprachkurs zu absolvieren.

Groß wurde Agne in Hamburg, um genau zu sein: in Altona. Und wenn man sich die Beschreibungen über sein Viertel anhört, dann klingt der Teil der Weltstadt wie Kleinstadt im positivsten Sinne: »In den einen Laden kannst du im Sommer hingehen, sagen ›Ich schau mal für zehn Minuten vorbei», und am Ende ist es drei Uhr morgens, weil da immer jemand ist, den man kennt«, erzählt er und erinnert sich mit einem Lächeln an seine Rückkehr vom College im Sommer: »Ich hatte extra allen Leuten gesagt, dass ich einen Tag später ankomme, damit ich mich von der Reise erholen konnte. Meine Schwester holte mich am Bahnhof ab, und ich hab ihr gesagt: ›Lass uns nicht die Einkaufsstraße nehmen, sondern außen rum gehen, auch wenn das ein Umweg ist», weil man sonst alle zehn Meter jemanden trifft und stehen bleibt.« Es bedarf kaum der Erwähnung, dass der Trick nichts brachte: Kaum aus dem Bahnhof, lief er dem ersten Bekannten in die Arme – und es sollte nicht der letzte auf dem eigentlich nur zehnminütigen Heimweg bleiben. »An dem Tag hat es mich ein bisschen genervt, einfach, weil ich müde war«, lacht er, um sofort hinzuzufügen, dass ihn dieses Gefühl ansonsten begeistert.

In seiner Jugend spielte der 24-Jährige auch für Altona 93 Fußball, kickte unter anderem an der Seite des heutigen Bundesligaprofis Eric-Maxim Chupo-Moting (FSV Mainz 05), doch dann ging es für den 2,03-Meter-Mann nur noch um Körbe. In seiner Jugend hatte er die Hamburg Tigers in der BBL spielen sehen, ging später noch mit Mark Suhr für die Regionalliga-Truppe auf Korbjagd – doch so groß Hamburg auch ist, basketballerische Perspektive war kaum zu finden. Also ging es an die Urspringschule, eine der Kaderschmieden des Jugendbasketballs in Deutschland, Kulturschock inklusive. Statt »Tor zur Welt« auf einmal Scheklingen, gelegen in der Nähe von Ulm. Beschaulich statt Millionen-Metropole. »In der ersten Zeit habe ich meine Mutter angerufen und gesagt, dass ich zurück nach Hause will«, erinnert sich Agne, aber am Ende blieb er. Heute schwärmt er von seiner Zeit im Internat. NBBL-Meisterschaften, erste Einsätze in der ProB, vor allem der Zusammenhalt: »Wir waren jeden Tag zusammen, haben zusammen gewohnt, zusammen Basketball gespielt, zusammen Schule gehabt – das schweißt zusammen. « Agne erzählt, wie ihn Benjamin Lischka mit einem Buzzerbeater von der Mittellinie in den NBBL-Playoffs schockte, als das BBLZ Mittelhessen die hoch favorisierte Urspringschule im ersten Spiel besiegte. »Ich war damals verletzt und übers Wochenende zu Hause in Hamburg. Einer meiner Teamkollegen rief mich an und sagte: ›Wir haben verloren, Buzzerbeater von der Mittellinie», und ich nur: ›Jaja, klar». Dann rief der nächste an: ›Wir haben verloren, Buzzerbeater von der Mittellinie», und ich wieder ›Jaja, ihr habt euch abgesprochen.»« Erst als sein Coach ihn kurze Zeit später informierte, glaubte er es, spielte im nächsten Spiel wieder mit und beendete so alle Träume von Lischka, Falko Theilig und Co., für die große Überraschung zu sorgen.

Flache Hierarchien

Heute ist er, der zwischen Urspring und Gießen vier Jahre am College in Florida spielte und seinen Master in International Business absolvierte, mit beiden in einer Mannschaft, für die er nur gute Worte findet. Man versteht sich: Die Gießen 46ers scheinen in dieser Saison kein reiner Zweckverbund zu sein, sondern Spaß an der Sache zu haben. Kein Spieler ist abgehoben, alle ziehen an einem Strang, scherzen nach dem Training noch miteinander. Mit TJ DiLeo, der im gleichen Haus wohnt, fährt Agne zusammen zur Halle, nach dem Training geht es gemeinsam in die Mensa und danach auch mal für einen Kaffee in die Stadt. Auch auf dem Feld passt es: »Vor dem Spiel sind Joshiko Saibou und Steven Bennett diejenigen, die etwas sagen«, doch auf dem Parkett sind die Hierarchien flach. Jeder kommuniziert mit jedem, keiner nimmt dem anderen etwas übel: »Wenn Benni mir sagt, ich soll beim nächsten Mal etwas anders cutten, dann mache ich das, und wenn wir mal anderer Meinung sind, reden wir auf der Bank oder in einer Auszeit darüber.« Trainer Denis Wucherer lobt den Forward für sein großes Spielverständnis und seinen Basketball-IQ. Für ihn ist Agne der Defensivanker aus der Hansestadt: »Er ist jemand, der unsere Verteidigung zusammenhält.«

Kein Wunder also, dass die 46ers auch nächstes Jahr mit dem Forward planen möchten. Erste Gespräche gibt es, bestätigt Agne, doch noch ist nichts konkret. Sein Agent, der aus dem Umfeld der Urspringschule kommt, besucht ihn in zwei Wochen, dann werden aus den Gesprächen langsam Verhandlungen. Einer Vertragsverlängerung ist er, der in Florida mit dem Wettenberger Patrick Horstmann zusammenspielte, auf keinen Fall abgeneigt. Er will spielen, das ist ihm wichtig, und unter Wucherer kommt er in dieser Saison auf 27 Minuten, die er für 7,2 Punkte nutzt.

Nicht einmal ein Angebot aus seiner Heimatstadt, wo Pascal Roller und Marvin Willoughby mit den Hamburg Towers an einem Projekt arbeiten, das per Wildcard ab kommender Saison Erstliga-Basketball bieten soll (»Hamburg braucht einfach Bundesliga-Basketball«, meint Agne), könnte ihn ohne Spielzeit überzeugen. Da wäre ihm ein Szenario lieber, in dem die Towers in der ProA beginnen und er mit den 46ers ein Auswärtsspiel bestreitet. »Danach würde ich den Jungs sagen ›Wir bleiben noch eine Nacht in Hamburg» und ihnen meine Stadt zeigen, da wäre ich schon stolz. « Zudem stellt der HSV-Fan 50 oder mehr Sympathisanten in Aussicht, die Gießen unterstützen würden. Schon beim Saisonauftakt gegen Leverkusen hatten sich einige seiner Freunde auf den Weg von der Elbe an die Lahn gemacht, heute Abend gegen Essen (20 Uhr, Osthalle) sind ebenfalls Hamburger anwesend.

Am Ende sind es vier Stunden, die Agne im Restaurant bei Lammpfanne und Apfelschorle über sein Leben und mehr geplaudert hat. Als es um kurz vor Mitternacht dann nach Hause geht, wirkt er nicht so, als hätte er den Abend lieber an der Playstation verbracht.

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