11. September 2012, 13:13 Uhr

»Alterspräsidentin« Dillmann bleibt nach Gold am Ball

Britt Dillmann war Rollstuhlbasketball-Nationalspielerin und zentrale Figur des RSV Lahn-Dill – in den 80er Jahren. Hätte man ihr vor zweieinhalb Jahren gesagt, dass sie bei den paralympischen Spielen in London vor 20 000 frenetischen Zuschauern in einer ausverkauften Sporthalle nach dem Gewinn der Silbermedaille 1988 in Seoul noch einmal Gold sichert, hätte sie sich bestenfalls ungläubig an die Stirn getippt.
11. September 2012, 13:13 Uhr
Britt Dillmann (r.) und Marina Mohnen (l.) im Finale gegen Australien . (Foto: dpa)

Nach 20 Jahren Abstinenz, mit 35 zusätzlichen Kilos an Körpergewicht?

Im Sommer 2009 kam jedoch der Tag, an dem die EM-Siegerin von 1987 sich zum radikalen Lebenswandel entschied: »Ich musste mein Leben ändern, ich habe mal zur Weltspitze gehört und jetzt hänge ich hier so träge und fett rum.« Der Selbstkritik folgten postum Taten: Zwei Stunden verbrachte Dillmann täglich in der Schwimmhalle, Kohlenhydrate wurden vom Speiseplan gestrichen – die Kilos purzelten, sage und schreibe 30 in 12 Monaten.

Bereits nach den ersten zehn fiel die erste mentale Barriere: Seit Jahren fristete Dillmanns alter Basketball-Rollstuhl im heimischen Keller ein tristes Dasein. »Der war schon total verschimmelt und hat gestunken«, erinnert sie sich. Die Flügelspielerin schickte trotzdem ihren Mann, um dem Sportgerät neues Leben einzuhauchen: »Das ist wie bei einer alten Hose, und er hat zum Glück noch gepasst.« Was folgte, war der Griff zum Telefonhörer, um das Erfolgserlebnis dem damaligen Trainer der zweiten Mannschaft des RSV Lahn-Dill, Hans Groll, mitzuteilen: »Nachdem ich ihm gesagt habe, wer am anderen Ende ist, meinte Hans nur – ›Britt, sag nichts!»« Groll wusste, dass es die Rollstuhlbasketball-Pionierin noch einmal wissen wollte.

Tatsächlich in der Trainingshalle aufzukreuzen, fiel Dillmann dennoch nicht leicht: »Ich wusste gar nicht, dass es neue Stühle gibt und wurde anfangs natürlich beäugt, aber das habe ich ausgeblendet.« Auch das Zweitliga-Comeback bedurfte zunächst verletzungsbedingter Personalnot und viel Bettelei vom designierten Trainer des RSV II, Daniel Stange: »Ich habe Daniel gesagt, er hat doch ein Rad ab, die lachen sich tot.« Doch nach geduldiger Überzeugungsarbeit lenkte Dillmann ein. Auch wenn das Debüt sich wie eine Zeitreise anfühlte: »Die Schiris in München mussten erstmal im Regelwerk blättern, weil sie meinen Stuhl gar nicht mehr kannten.«

Die Einladung von Damen-Bundestrainer Holger Glinicki ließ nicht lange auf sich warten – der suchte damals genauso vergeblich wie Stange nach einer Spielerin im 1-Punkte-Bereich. Zwar war es in der Vorbereitung für London nicht immer leicht, »da zwischen mir und den anderen Mädels Generationen liegen, die Spielweise sich geändert hat«, gesteht die 49-jährige dreifache Mutter ein. Doch irgendwie raufte man sich zusammen – denn Dillmann weiß um ihre Stärken: »Ich kann unheimlich laut sein und den Gegner einschüchtern, außerdem habe ich eine gute Grundschnelligkeit und bin einfach ein Arbeitstier. « Auch Bundestrainer Glinicki überraschte mit der Nominierung: »Viele haben gefragt, wie wir eine Frau in dem Alter noch mitnehmen können«, erzählt der 66-Jährige, der die Kritiker am Ende Lügen strafte: »Sie hat bei der EM 2011 und jetzt in London Gold geholt, mehr kann man nicht machen.«

Wie es sich für Routiniers gehört, kamen Dillmanns Stärken allen voran am Anfang – beim psychologisch wichtigen Auftaktsieg gegen die USA – und am Ende, im entscheidenden letzten Viertel gegen Finalgegner Australien, zum Tragen. Dann blockte sie ihren Center-Spielerinnen den Weg in die Zone frei und zermürbte ihre Gegnerinnen in der Verteidigung. Und wurde dafür mit ihrem persönlichen Highlight-Moment belohnt: »Nachdem uns in den letzten Sekunden gegen Australien Gold sicher war, hatte ich unheimliche Gänsehaut und wie die meisten einfach losgeheult.« Ob sie nach London wieder angefixt sei? »Auf jeden Fall«, grinst die deutsche Alterspräsidentin: »Ich werde am Ball bleiben, nur wo, ist noch nicht klar.« Jan Kampmann

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