Sport ja, aber wo?

Wie Gesundheitssport-Angebote das Gießener Land erobern

Viele Sportvereine klagen über sinkende Mitgliederzahlen, andererseits verbucht der Fitness- und Gesundheitssport seit geraumer Zeit einen Hype. Haben traditionelle Angebote noch eine Chance?
11. Mai 2017, 16:00 Uhr

Innerhalb von fünf Jahren hat die TSG Blau-Gold Gießen ihre Mitgliedszahl um 140 Prozent gesteigert. In 30 Jahren sammelte der Tanzsportverein 500 Mitglieder, besaß bis zum Jahr 2012 keine Fitness- und Gesundheitsangebote. »Dann sind wir von der reinen Tanzszene weggegangen«, sagt Vorsitzender Bernhard Zirkler. Nach und nach wurden Zumba, Yoga, später Bokwa, Tabata oder Faszientraining eingeführt. Heute hat der Verein über 1200 Mitglieder. »Wir haben andere Wege beschritten – und vieles richtig gemacht«, sagt Zirkler und muss lachen.

Beim TV Lich gab es 2002 genau eine Turngruppe am Abend. Peu à peu breitete sich das Gesundheitsangebot aus, nahm seit 2008 an Fahrt auf. Mittlerweile gibt es täglich zig Angebote, von Yoga-Pilates-Entspannung über Linedance bis hin zum Bodystyling – »da platzt die Geschäftsstelle aus allen Nähten«, sagt Vorsitzende Brigitte Freitag. Für alle, die mit so mancher Kursbezeichnung wenig anfangen können: Es gibt auch noch Frauengymnastik oder Rücken-Fit. »Der Bedarf an Gesundheitssport ist riesengroß«, sagt Freitag. Zwischen 1988 und 2006 bewegten sich die Mitgliedszahlen des TV Lich um die 1500. Kurz nach der Einführung der Fitness- und Gesundheitskurse folgte der Anstieg auf aktuell knapp über 2000 Mitglieder. »Wir wollen eigentlich gar keinen Zuwachs, haben eher Platzprobleme. Aber die Leute kommen«, sagt Freitag.

Das Vereinsangebot ist überholt. Wo sie Mitglied sind, ist völlig egal

Bernhard Zirkler

Auch im Gießener Land hat sich der Fitnesstrend endgültig durchgesetzt. Eine Welle von neuen sportlichen Einflüssen schwappt durch die Region. Und eine gegensätzliche Entwicklung ist zu erkennen: Auf der einen Seite haben die wettkampforientierten Sportvereine, beispielsweise im Fußball oder Tennis, mit Mitgliederschwund und sinkendem Spielerpersonal zu kämpfen (zunehmende Anzahl an Spielgemeinschaften), auf der anderen Seite erfahren die breitensportorientierten Vereine, die ihr Fitness- und Gesundheitsangebot ausweiten, großen Zulauf – sie wachsen.

In der Turnhalle der Friedrich-Feld-Schule in Gießen dröhnt elektronische Tanzmusik aus den Boxen. Über 20 junge Frauen springen unter Anleitung von Denise Pöltl auf dem Trampolin herum. »Jumping Fit« nennt sich der Kurs, der nahezu jeden Mittwoch voll ausgelastet ist. »Wir haben mit fünf Trampolinen angefangen, es waren aber 30 Leute da«, erinnert sich Übungsleiterin Pöltl. Mittlerweile hat der Verein 24 Trampoline für je 150 Euro gekauft. Häufig kommen solche Vorschläge von den Übungsleitern der TSG. »Ich verwirkliche die Trends. Die Ideen kommen von meinen 54 Übungsleitern«, sagt Zirkler. Als ihm die 33-jährige Denise Pöltl vorschlug, Kettle Bell in das Programm aufzunehmen, antwortete Zirkler: »Kuhglocken? Im Ernst?« Auch dieser Kurs füllte am Mittwoch das Vereinsheim.

»Ich habe ehrlich gesagt von vielen Dingen keine Ahnung. Ich lasse mir das von meinen Mitarbeitern zeigen und vertraue ihnen. Sie sind in der Szene drin. Dann beraten wir im dreiköpfigen Vorstand, da gibt’s kurze Entscheidungswege.« Manche Ideen würden aber auch schiefgehen. »Hula Hoop ging total in die Hose. Jetzt haben wir Hula-Hoop-Reifen und verwenden die eben für andere Zwecke«, erklärt der 69-Jährige. »Wenn niemand kommt, schaue ich mir das zwei Monate an. Dann betreiben wir Werbung, wenn das nicht klappt, lassen wir es auslaufen. Manchmal haben wir kein Glück, meistens haben wir Glück.« Warum hat die TSG Blau- Gold so oft Glück, warum erfährt der Fitness- und Gesundheitssport auch im Gießener Land einen derartigen Zulauf?

Die erste Antwort lautet: Unabhängigkeit. Bei der TSG zahlt jedes Mitglied 25 Euro Monatsbeitrag, kann dafür beliebig viele Kurse nutzen und wechseln. »Die Kettle-Bell-Teilnehmer gehen danach vielleicht zum Ballett«, erklärt Zirkler. »Wir haben nicht das typische Vereinsangebot. Ich kam 1982 aus dem Rot-Weiß-Club mit Gesellschaftsabenden, Arbeitseinsätzen. Das ist aus meiner Sicht überholt. Ich sehe mich als Dienstleister im Freizeitangebot.

Die Leute interessiert es nicht, wo sie Mitglied sind. Ob sie bei der TSG Blau-Gold Gießen oder bei der Tanzschule Zirkler Mitglied sind, ist ihnen egal.« Über die Hälfte der TSG-Mitglieder ist unter 18 Jahre alt, generell ist es ein junger Verein, bei dem dieses Modell aufgeht. Junge Menschen werden auch von der Musik angesprochen, »alle Sachen bei uns haben damit zu tun«, sagt Zirkler, der zudem viel Wert darauf legt, seine Übungsleiter nach dem Motto »Leistung muss honoriert werden« zu bezahlen. »Sie bekommen je nach Ausbildungsgrad zwischen 20 und 30 Euro pro Stunde. Dafür erwarte ich, dass sie nicht nur 60 Minuten lang den Kurs halten, sondern sich auch mit unseren Zielen identifizieren.«

Der vielleicht wichtigste Grund für den Fitnesstrend aber ist vereinsunabhängig: »Jeder achtet doch mittlerweile mehr auf seine Gesundheit«, sagt Margeta Häuser. Die 73-Jährige hat zuletzt an diesem Dienstag eine Stunde »Yoga zur Entspannung« gemacht. Seit zehn Jahren ist die Reiskirchenerin Mitglied beim TV Lich, seit diesem Zeitpunkt etwa achtet sie auch bewusst mehr auf ihr Wohlbefinden. Warum? »Weil ich muss.« Die Überschrift des Kurses lautet: »Gutes für Leib und Seele« – »der Titel ist Programm: sich selbst etwas Gutes tun. Auf jeden Fall gehen die Teilnehmer idealerweise mit einem besseren Körpergefühl, entspannter und flexibler aus dem Kurs«, sagt Übungsleiterin Dr. Bettina Wurm. Im Yoga-Kurs geht es um mehr als nur Sport. Das merkt man, wenn Dr. Wurm Dimensionen wie diese anspricht: »Lass mit jedem Ausatmen Wurzeln durch deine Füße in die Erde wachsen und strebe mit dem Einatmen zum Himmel. Nimm dies als Anregung und finde deinen Weg.« Die 60 Minuten können aber auch anstrengend sein, Kraftelemente werden eingebaut. Auch dieser Kurs ist gut besucht, »wir fühlen uns total wohl«, sagt Margeta Häuser. Das Durchschnittsalter beim TV Lich ist deutlich höher als das bei der TSG Blau-Gold Gießen. 1126 Mitglieder fasst die Turnabteilung der Licher, darunter fallen alle Fitness- und Gesundheitsangebote. 87 Prozent davon sind mindestens 40 Jahre alt.

Ich hoffe, dass Wettbewerbsgedanke und Leistungsdruck geringer werden

Dr. med. Bettina Wurm

Damit erklärt sich auch, warum der Verein wöchentlich über 20 (!) Reha-Gruppen hat. Kurse für chronisch Lungenerkrankte, Diabetiker oder Menschen mit Hüftproblemen – das Angebot ist groß und begeistert auch Dr. Bettina Wurm. Sie fragt sich dennoch: »Warum werden von den Krankenkassen deutlich mehr Reha-Kurse als Präventivkurse gefördert? Als Ärztin hoffe ich doch, dass die Menschen gesund leben können.«

Auch zum generellen Gesundheitstrend hat die 50-Jährige eine klare Meinung: »Ich hoffe, dass der Wettbewerbsgedanke und der Leistungsdruck im Sport geringer werden. Ich würde mir wünschen, dass die Leute mehr auf sich achten.«

Was für die eigene Gesundheit und das Wohlbefinden einleuchtet, ist zugleich aber auch eine Gefahr für die Vereinsstruktur, wie wir sie kennen. Unabhängige Kursbesuche statt feste Trainingszeiten. Keine Verpflichtungen statt Clubhausdienst. Diese Entwicklung hat vor allem bei Frauen eingesetzt. Sie haben mit dem Fitness- und Gesundheitssport eine Fülle an Möglichkeiten gefunden, fernab von Wettkampf oder Stammtisch. »Nur ab und zu verirrt sich mal ein Mann hierher – leider«, sagt Dr. Wurm zur Verteilung beim Yoga-Kurs. Bei drei der vier besuchten Kurse (Kettle Bell, Jumping Fit, Yoga-Pilates-Entspannung) waren ausschließlich Frauen vertreten. Das lässt den Schluss zu: Der Trend des Fitness- und Gesundheitssports ist aktuell vor allem ein weiblicher.

Info

Bodystyling, Faszientraining, Tabata und Co.

»Mit Zumba fing es an«, erinnert sich Denise Pöltl, Übungsleiterin der TSG Blau-Gold Gießen. Mittlerweile gibt es eine schier unglaubliche Vielzahl an Angeboten – in verschiedenen Ausführungen bei vielen der großen heimischen Sportvereine.

Bodystyling: Ganzkörpertraining, das viel angeobten wird und auf Fettverbrennung und Ausdauerstärkung abzielt.

Faszientraining: Faszien sind dünne Hüllen des Muskels – sie umschließen ihn und halten ihn zusammen. Durch das Training mit Ausrollen auf der Schaumstoffrolle sollen sie elastischer und die Muskeln leistungsfähiger werden.

Bokwa: Fitness, Aerobic, Tanz, Boxen und Training mit Gewichten sollen zusammen bis zu 1200 Kalorien in einer Stunde verbrennen.

Aqua-Fitness: Ganzkörpertraining im flachen Wasser. Durch Wasserauftrieb- und widerstand werden Gelenkentlastung, Muskelkraft und Ausdauer gefördert.

Pole-Dance: Ganzkörpertraining an der Stange, größte Fitness-Abteilung der TSG Blau-Gold Gießen mit rund 400 Aktiven.

Jumping Fit: Auf dem Trampolin wird das Herz-Kreislauf-System beansprucht und das Gleichgewicht trainiert. Dabei sollen rund 400 Muskeln beansprucht werden.

Capoeira: Mischung aus Tanz, Kampftechnik und Akrobatik aus Brasilien. Hilft bei der Körperbeherrschung.

Linedance: In Reihen und Linien wird vor- oder nebeneinander getanzt. Die Musikrichtung ist meistens Country und Pop.

Kettle Bell: Training mit Kugeln und Hanteln fördert mehrere Muskelgruppen und verbessert die Ausdauer.

Tabata: Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit werden mit und ohne Geräte in Belastungsintervallen trainiert.

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