25. August 2017, 12:00 Uhr

Fernsehcoup

Was heimische Handball-Fans zum Sky-Vertrag sagen

Ab dieser Saison überträgt Sky die Handball-Bundesliga. Doch die Neuerung gefällt nicht allen. Wir haben bei den Fanclubs der mittelhessischen Vereine TV Hüttenberg und HSG Wetzlar nachgefragt.
Sky ist der große neue Spieler auf dem Handball-Markt. Das werden auch die Spieler zu spüren bekommen, so wie hier (v. l.) Patrick Groetzki, Stefan Sigurmannsson und Mads Mensah Larsen vom deutschen Meister Rhein-Neckar Löwen. (Foto: imago)

Wir werden den Handball medial ganz neu aufstellen«, sagte der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga, Frank Bohmann, in einem Interview mit der »Handball-Woche« zum Saisonstart. Thema ist das, was die Handball-Fans in und um Mittelhessen wohl am meisten polarisiert: der neue Mega-TV-Vertrag mit dem Bezahlsender Sky.

Angeblich vier Millionen Euro soll der den Vereinen pro Saison bringen. Übertragen werden dürfen alle Spiele der ersten und der zweiten Liga sowie des DHB-Pokals. Lediglich maximal zwölf Spiele inklusive eines Halbfinales und des Endspiels des Final-Four werden von den öffentlich-rechtlichen Sendern gezeigt. Sky dagegen überträgt mindestens 200 der insgesamt 306 Spiele live. Dazu gibt es jede Menge Vor- und Nachberichterstattung, Zusammenfassungen und einen Handball-Talk mit Stefan Kretschmar als Moderator – teilweise auf dem frei empfangbaren Sender Sky Sport News HD.


Unter 10 Euro (fast) keinen Handball

Alles andere hat seinen Preis, denn den ultimativen medialen Handball-Genuss gibt es nur gegen Bares: Das Sky-Sport-Abo für Kabel oder Satellit gibt es für 19,99 Euro pro Monat bei einer Laufzeit von einem Jahr, Einzeltickets kosten zwischen 9,99 Euro (Tag), 14,99 Euro (Woche) und 29,99 Euro (Monat) – zum gleichen Preis übrigens auch im Livestream im Internet zu haben. Telekom-Kunden bekommen das Paket bereits ab 9,95 Euro im Monat.

Für Heimspiele finde ich die Anwurfzeiten ganz in Ordnung, für Auswärtsspiele eher schlecht. Da überlegt man schon, ob man sich auf den Weg macht

Steffen Meinke
Die Livestreams der Klubs sind im Gegenzug verboten worden. Dafür soll es neben bis zu sechs Kameras in einer Halle auch Berichterstattungen aus der Kabine oder dem Mannschaftsbus geben, zudem gibt es die Sonntagsspiele auch in einer Konferenzschaltung, die bei Erfolg auf Donnerstagabend ausgeweitet werden soll. Um das möglich zu machen, wird der Spielplan reformiert: Gespielt wird Donnerstag (19 Uhr), Sonntag (12.30 Uhr bzw. das Spiel der Woche um 15 Uhr), Ausweichtermin ist Samstag (20.30 Uhr)


Gemischte Gefühle bei den Fans

Während der Geschäftsführer der HSG Wetzlar, Björn Seipp, bereits im März von einem »Quantensprung für die Sportart« sprach, überwogen bei Lothar Weber, Manager des Aufsteigers TV 05/07 Hüttenberg, die Zweifel. Doch wie sieht der Handball-Fan eigentlich die neue Fernsehwelt? Wir haben bei den Fanclubs der beiden mittelhessischen Bundesligisten nachgefragt.

R. Schargitz
R. Schargitz
»Ich habe das Gefühl, dass das Ganze für Sky selbst eine Nummer zu groß ist. Kurz vor Rundenbeginn sind noch so viele Fragezeichen. Die genauen Spieltermine sind noch immer unklar und auch wer wann was überträgt«, sagt TVH-Edelfan Reinhard Schargitz. Der Organisator der Fanfahrten zu den Hüttenberger Auswärtsspielen, der gleich für den ersten Gastauftritt am Sonntag eine Zugfahrt nach Magdeburg auf die Beine gestellt hat, sieht speziell »für die Spieler eine große Umstellung. Bei den Sonntagsspielen müssen die ja morgens um 8 Uhr schon ihre Spaghetti essen«. Speziell den Sonntags-Spieltermin sieht er auch für die Fans kritisch. »Das ist Mittagessenszeit, wo viele Familien das einzige Mal in der Woche zusammen am Tisch sitzen. Da werden nur die Handball-Verrückten in die Halle kommen. Ich denke, dass die Zuschauerzahlen am Donnerstagabend deutlich höher sein werden.«


Keine Alternative zur Dauerkarte

Dennoch gab es für ihn überhaupt keine Diskussion, ob er sich auch für die kommende Saison eine Dauerkarte holt. Zumal er sich selbst stark engagiert, um möglichst viele Zuschauer zu den Heimspielen in die Gießener Osthalle zu bekommen. »Wir arbeiten an allen Ecken und Enden, um es möglichst vielen Zuschauern schmackhaft zu machen zum TV Hüttenberg zu gehen. Wir wollen viele neue Freunde für den TVH rund um Gießen gewinnen.«

Wir sind Rentner, wir können uns darauf einstellen, denn mir ist das egal, ob ich mittags esse oder abends

Karin und Hans-Günther Bergmann

Gerhard Wurst hat sich ebenfalls wie selbstverständlich seine TVH-Dauerkarte geholt und war bei unserer Nachfrage etwas überrascht über die neuen Anwurfzeiten. »Ich habe kein Sky und habe das zwar in der Zeitung gelesen, aber gar nicht so richtig registriert. Klar kann ich es mir als Rentner natürlich einteilen und fahre daher auch zu Auswärtsspielen mit, wenn es zeitlich passt. Beide neuen Zeiten sind ungewöhnlich. Da muss man sich erst dran gewöhnen. Für das breite Publikum ist das nicht ideal«, findet der Kleinlindener.

Ebenfalls kritisch sehen Familien mit Kindern, die bislang die Hüttenberger Mannschaft zumindest bei Heimspielen unterstützt haben, die neuen Anwurfzeiten. Der Tenor hier: Donnerstagabend wird es zu spät, wenn am nächsten Tag Schule ist, und sonntagmittags sind viele Handballfans noch selbst aktiv oder deren Kinder. Fernsehpräsenz ist für die Fans des TVH also das eine, die Unterstützung in der Halle das andere – Letztere wird sich vermutlich wandeln.


"Jeder schimpft darüber"

K. Bergmann
K. Bergmann
Auch die Fans der HSG Wetzlar, die in den vergangenen Jahren die Rittal-Arena zu einer wahren Heimfestung ausgebaut haben, stehen im Großen und Ganzen den Neuerungen skeptisch gegenüber. So sagt etwa Karin Bergmann, die mit ihrem Mann Hans-Günther gemeinsam mit der HSG Wetzlar das 20-jährige Jubiläum in der ersten Bundesliga feiert: »Wir sind Rentner, wir können uns darauf einstellen, denn mir ist das egal, ob ich mittags esse oder abends. Aber vor allem der Donnerstagabend ist nicht in Ordnung. Die Zuschauer müssen am nächsten Tag arbeiten. Warum sie das gemacht haben, versteht keiner, jeder schimpft darüber. Und auch auswärts werden weniger Fans mitfahren. Das ist schade, weil die Mannschaft gerade da auf uns angewiesen ist.« Ihr Mann fügt an: »Es wird auch Probleme mit den Menschen geben, die sonntags in die Kirche gehen. Es gibt schon Gründe, warum das Publikum ausbleiben kann.«


E. Balodis
E. Balodis
»Nur« die Hälfe an Jahren als Dauerkarteninhaber hat Elmar Balodis bei der HSG auf dem Buckel, aber auch er findet die neuen Anwurfzeiten »sehr gewöhnungsbedürftig«. Der 51-Jährige kann sich allerdings gerade den frühen Anwurf sonntags bei Auswärtsfahrten gut vorstellen. »Du fährst morgens los, hast mittags das Spiel und bist zeitig wieder zu Hause. Wenn man am nächsten Tag arbeiten muss, hat das vielleicht auch etwas Positives.« Er sagt aber auch, »emotional ist die beste Zeit für ein Handballspiel aber Samstagabend um 20:15 Uhr«.

Ich fände es aber besser, wenn Handball bei ARD, ZDF und in den dritten Programmen laufen würde

Elmar Balodis
S. Meinke
S. Meinke
Lokführer Steffen Meinke, der vor zwölf Jahren beim Betreten der Rittal-Arena vom grün-weißen Handball-Virus infiziert wurde sieht es dagegen umgekehrt: »Für Heimspiele finde ich die ganz in Ordnung, für Auswärtsspiele eher schlecht. Da überlegt man schon, ob man sich auf den Weg macht.« Heißt im Umkehrschluss: Auch bei den Fans der HSG Wetzlar könnte sich im Verhalten, in die Rittal-Arena zu pilgern, etwas ändern.


Ehepaar Bergmann nimmt TV statt Zeitung

Wem sie das zu verdanken haben, wissen sie genau – und sparen nicht mit Kritik am Bezahlsender Sky und dem neuen TV-Vertrag mit der Bundesliga. »Alles, was nicht über die Öffentlich-Rechtlichen läuft, halte ich für problematisch. Wenn es bei einem Anbieter bleibt, ist das aber eine Kröte, die man schluckt. Ich kann das wegen des Geldes verstehen, fände es aber besser, wenn Handball bei ARD, ZDF und in den dritten Programmen laufen würde«, sagt etwa Balodis. Auch Karin Bergmann und ihrem Mann gefällt die Tatsache, dass es Handball künftig fast ausschließlich im Bezahlfernsehen gibt, nicht, aber »wir haben uns jetzt durchgerungen, Sky zu nehmen, weil wir die Spiele verfolgen wollen. Dafür haben wir allerdings die Handballzeitung abbestellt«, erklärt die Rentnerin. Ihr Mann Hans-Günter erkennt darin gar einen Ausdruck, dass Handball für die Sender letztlich doch eine untergeordnete Rolle spielt. Das merke er immer wieder.

Einziger Fürsprecher ist der 46-jährige Lokführer Meinke. Er sagt: »Auch wenn ich mir Feinde mache, aber eigentlich finde ich den TV-Vertrag klasse. Ich bin schon ewig Sky-Kunde und finde es super, dass ich jetzt alle Spiele schauen kann. Klar, muss man dafür bezahlen, aber grundsätzlich finde ich das sehr positiv. So wird allen Mannschaften Aufmerksamkeit geschenkt.«

Ob diese den Teams im Vergleich zu den Zuschauerzahlen vor Ort nützt, wird sich zeigen. Fest steht: Der Vertrag läuft so oder so mindestens bis 2021.

Info

Das Sky-Team

Das Sky-Expertenteam bilden Ex-Bundestrainer Heiner Brand, Frank von Behren, Henning Fritz, Michael Kraus und Pascal Hens. Ab 27. August moderiert Handball-Ikone Stefan Kretzschmar frei empfangbar (!) auf Sky Sport News HD ab 17 Uhr den »Handball Talk« mit prominenten Gästen. Die Handball-Bundesliga ist im Sky-Sportpaket zu anfänglich 19,99 Euro pro Monat enthalten, Telekom-Kunden können für 9,95 Euro monatlich deren Sport-Paket mit Bundesliga-Handball buchen. (ra)

 

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