06. Dezember 2018, 07:15 Uhr

Vor 25 Jahren

Vor 25 Jahren: DHB-Frauen Weltmeister

1993 nimmt erstmals eine gesamtdeutsche Frauenhandball-Mannschaft an einer Weltmeisterschaft teil. Die Premiere endet mit einem unerwarteten Triumph.
06. Dezember 2018, 07:15 Uhr
Die DHB-Handballerinnen um die Lützellindener Siegtorschützin Bianca Urbanke (7) feiern die Final-Sensation gegen Dänemark. (Foto: Picture Alliance)

Als Vater des Erfolges gilt Bundestrainer Lothar Doering, der die verschiedenen Charaktere aus Ost und West zu einer Einheit formt. Im Weltmeisterteam stehen mit Bianca Urbanke, Heike Murrweiss und Birgit Wagner auch drei Spielerinnen des ruhmreichen TV Gießen-Lützellinden

Die Erinnerungen an das »Wunder von Oslo« sind bei Lothar Doering auch 25 Jahre danach noch frisch. »Das war, ist und bleibt eine Sensation. Damit hat niemand gerechnet«, sagt der damalige Bundestrainer über den ersten und bisher letzten gesamtdeutschen WM-Triumph der Handball-Frauen.

Rückblende: Im entscheidenden Hauptrundenspiel deklassiert die DHB-Auswahl die damals zur Weltspitze zählenden Österreicherinnen mit 25:10. »Das war unser Husarenstück, weil wir dem psychischen Druck standgehalten haben«, erzählt Doering. »Wir haben uns in einen niemals erwarteten Rausch gespielt.« Im Falle einer Niederlage hätte Deutschland nur um Platz sieben gespielt. Auf Klubebene beherrschte seinerzeit Hypobank Südstadt Wien den europäischen Handball, nahezu identisch mit der österreichischen Nationalmannschaft.

So aber griff die Doering-Truppe am 5. Dezember 1993 im WM-Endspiel gegen den Turnierfavoriten Dänemark um die seinerzeitige Welt-Handballerin Anja Andersen nach den Sternen. 8:8 hieß es zur Pause, kurz vor Schluss traf Sybille Gruner per Siebenmeter zum 17:17 – es folgt die erste Verlängerung in der WM-Geschichte der Handball-Frauen.

Dort geht es ständig hin und her, ehe Lützellindens Rückraum-Ass Bianca Urbanke 30 Sekunden vor Schluss die erste deutsche Führung in der Overtime gelingt. Als Torfrau Sabine Adamik den letzten Wurf der Däninnen entschärft, ist der Titel perfekt. »Dänemark war der große Favorit, aber im Endspiel werden die Karten eben neu gemischt«, sagt Doering.

Dabei läuft es in der Vorbereitung gar nicht rund. Schon die Zusammensetzung der ersten gesamtdeutschen Mannschaft wird zum Politikum. »Es gab von beiden Seiten viel Druck auf mich, was die Nominierungen betraf. Aber ich habe gleich gesagt: Hier zählt Handball und nicht Politik«, berichtet Doering und ergänzt mit einem Grinsen: »Und nach der Weltmeisterschaft gab es auch keine Kritik mehr an irgendwelchen Nominierungen.« Dennoch dauert es eine Weile, bis sich die Mannschaft gefunden hat. »Der Weg zur WM war ziemlich steinig, wir haben in einigen Vorbereitungsturnieren nicht so gut ausgesehen«, erzählt der 68 Jahre alte Olympiasieger von 1980. »Aber mit der Zeit wuchsen die Spielerinnen aus Ost und West immer enger zusammen.«

Mit dabei ist damals Andrea Bölk, deren Tochter Emily derzeit mit der DHB-Auswahl bei der Europameisterschaft im Einsatz ist. Ein Jahr später bei der EM-Premiere im eigenen Land revanchiert sich Dänemark und schnappt der DHB-Auswahl durch ein 27:23 im Endspiel den erhofften Titel weg. Das Silber von 1994 ist bis heute die einzige EM-Medaille für Deutschlands Handballerinnen. Zum Weltmeisterteam zählten seinerzeit auch die Flügelspielerinnen Heike Murrweiss und Birgit Wagner sowie Aufbauspielerin Bianca Urbanke vom TV Gießen-Lützellinden, der unter Dr. Jürgen Gerlach 1991 den Europapokal der Landesmeister und im Frühsommer 1993 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen hatte. Mit Renata Zienkiewicz (TuS Walle Bremen) stand zudem eine ehemalige Lützellindener Akteurin im WM-Team.

Rechtsaußen Birgit Wagner hatte mit ihren 24 Jahren bereits 86 Länderspiele absolviert, entstammte der Rostocker Handball-Schule und feierte ihre größten Kluberfolge im Mittelhessischen. Heike Murrweiss war aufgrund ihrer Deckungsstärke während des Turniers in den Kader gerutscht. Bianca Urbanke zählte als Scharfschützin zu den absoluten Leistungsträgerinnen.

»Es war schon ein traumhaftes Erlebnis, auch wenn ich das Finale von außen ansehen musste«, kommentierte Murrweiss den Triumph. »Ein tolles Gefühl, gerade weil so viele Spielerinnen angeschlagen waren«, beschrieb Birgit Wagner ihre Gemütsverfassung. »Eine Medaille hätte mir eigentlich gereicht«, sagte die damalige Siegtorschützin Bianca Urbanke, » der erste Platz ist natürlich die Krönung.«

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