17. August 2018, 16:15 Uhr

FC Gießen

Spitzenspiel: FC Gießen und SG Barockstadt im Vergleich

Zwei Aufstiegsfavoriten der Fußball-Hessenliga treffen am Samstag im Waldstadion aufeinander. Wir vergleichen FC Gießen und SG Barockstadt Fulda-Lehnerz zuvor in zehn Punkten.
17. August 2018, 16:15 Uhr
Michael Fink (am Ball) zählt zu den Führungsspielern beim FC Gießen. (Foto: Friedrich)


FC Gießen und SG Barockstadt Fulad-Lehnerz - zwei neu gegründete Vereine befinden sich in ihrem ersten Jahr, und doch haftet beiden Städten eine große Fußballhistorie an. Am Samstag (15 Uhr) treffen sie im Waldstadion in der Hessenliga aufeinander. Die Kontrahenten im Aufstiegskampf verbindet einiges: Die Zusammenführung zweier Vereine, die Sehnsucht nach sportlichem Glanz und das Ziel Regionalliga-Aufstieg. Wir vergleichen beide Vereine, die ihre Region jeweils auf ihre Art und Weise polarisieren.

 

Bisherige Saison

FC Gießen: Verlief astrein: Vier Spiele, vier Siege. Nach dem Stotterstart gegen Waldgirmes steigerte sich die stark besetzte Mannschaft und wird ihrer Favoritenrolle in der Hessenliga als Tabellenführer mit einer Tordifferenz von 13:2 bislang gerecht. In der Vorsaison sah man unter Trainer Daniyel Cimen in den Top-Spielen allerdings selten gut aus. In Fulda und Alzenau gab’s in der Rückserie Niederlagen, gegen Lehnerz ein schmeichelhaftes Remis.

Patrick Schaaf zählt zu den Führungsspielern bei der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. (Foto: Rolff)
Patrick Schaaf zählt zu den Führungsspielern bei der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. (Foto: ...

SG Barockstadt: Der Saisonstart war okay, allerdings hinkt Fulda durch die unerwartete Derby-Niederlage bei Aufsteiger Hünfeld bereits drei Punkte hinter dem aktuellen Führungstrio Gießen, Kassel und Alzenau zurück. Trainer Alfred Kaminski ist mit der Entwicklung zufrieden, betont stets, dass die neue Gruppe aus zwei Teams erst zusammenfinden müsse: »Es braucht Zeit, bis sich eine Hierarchie findet und die Abläufe auf dem Feld stimmen.«

 

Stärken/Schwächen

FC Gießen: Die Mannschaft ist gefestigt, hat sich unter Daniyel Cimens Führung gefunden. Unter ihm holte das Team saisonübergreifend in allen bisherigen Ligaspielen im Schnitt 2,37 Punkte. Zuhause verlor Cimen mit dieser Mannschaft noch nie. Der ohnehin gute Kader wurde im Sommer sinnvoll ergänzt. Erfahrung durch Akteure wie den Ex-Profi Michael Fink oder Kevin Nennhuber ergänzt sich mit Tempo und Kreativität. Dafür stehen unter anderem Cem Kara und Timo Cecen. Nun muss das Team beweisen, auch Top-Spiele gewinnen zu können.

Trainer Daniyel Cimen hat mit seinem Team zuhause noch nie verloren. (Foto: Friedrich)
Trainer Daniyel Cimen hat mit seinem Team zuhause noch nie verloren. (Foto: Friedrich)

SG Barockstadt: Die Osthessen überzeugten bisher spielerisch, kreierten viele Torchancen, die teilweise noch zu leichtfertig liegen gelassen wurden. Sie verfügen über eine starke Zentrale mit Markus Gröger, Patrick Schaaf und Leon Pomnitz. Der Kader besitzt viel individuelle Qualität, der neue Stürmer Christopher Bieber schoss unter anderem die Würzburger Kickers in der Saison 2014/15 mit 19 Treffern in die dritte Liga. Eine Schwäche: Bisher kassierte die SG Barockstadt alle Gegentore nach Standardsituationen.

 

Trainer

FC Gießen: Der 33-jährige Daniyel Cimen kommt aus dem Profigeschäft und durchlief als Kapitän alle deutschen U-Nationalmannschaften. Danach absolvierte er 29 Partien für Eintracht Frankfurt, der ganz große Durchbruch im Profifußball blieb ihm aber verwehrt. Bereits mit 27 Jahren beendete er seine aktive Karriere, übernahm die U19 der Eintracht, mit mäßigem Erfolg. Besser lief’s danach bei Hessenligist RW Frankfurt, wo er den Regionalliga-Aufstieg zweimal nur knapp verpasste. In Gießen überzeugt er nun durch seine ruhige Mannschaftsführung.

Trainer Alfred Kaminski sieht seine SG Barockstadt Fulda-Lehnerz in der Entwicklung "zwei Jahre hinter Gießen". (Foto: imago)
Trainer Alfred Kaminski sieht seine SG Barockstadt Fulda-Lehnerz in der Entwicklung "zwei ...

SG Barockstadt: Der 54-jährige Alfred Kaminski ist im Fußball bestens bekannt. Von 2003 bis 2004 arbeitete er als Talent-Förderer des DFB, danach als Chefanalytiker unter Trainer Ralph Hasenhüttl beim Zweitligisten VfR Aalen. Seine erfolgreichste Zeit hatte er beim 1. FC Saarbrücken im Jahr 2008, arbeitete danach unter anderem als Sportlicher Leiter in Elversberg und bei den Offenbacher Kickers. Zuletzt wurde er bei den Stuttgarter Kickers im Oktober 2016 in der Regionalliga entlassen.

 

Führungsspieler

FC Gießen: Der 36-jährige Michael Fink bringt Ordnung und Ruhe ins Spiel der Gießener. Sein Wort hat Gewicht – verständlich, spielte Fink immerhin schon vor 70 000 Zuschauern mit Besiktas Istanbul im Old Trafford. Die Gießener Führungsetage überzeugte Fink im Sommer, noch einmal aktiv zu werden, Trainer und Trauzeuge Cimen bezeichnet ihn als »Schlüssel. Er weiß, wann wir Ruhe brauchen und wann Tempo ins Spiel muss.«

SG Barockstadt: Der 29-jährige Patrick Schaaf ist nicht nur Kapitän, sondern im defensiven Mittelfeld auch Antreiber und Leader der Fuldaer. Das Sprachrohr des Teams agiert ruhig am Ball und überzeugte in den bisherigen drei Saisonspielen durch starke Leistungen. Spielte einst in der A-Jugend-Bundesliga für die U23 von Borussia Mönchengladbach und kam nun vom Fusionspartner aus Lehnerz.

 

Ziele

FC Gießen: Der Aufstieg in die Regionalliga Südwest wird angestrebt, das ist intern klar. Auch öffentlich sagt der Coach: »Dass wir das Ziel haben, das zu erreichen, will ich nicht verneinen.« Der Ex-Spieler von Eintracht Frankfurt weiß aber auch, dass so etwas schwer planbar ist, versucht sich zurückzuhalten. Geschäftsführer Jörg Fischer erklärte neulich im Interview mit dieser Zeitung: »Die dritte Liga ist zwar ganz weit weg, aber ein Traum von mir.«

Leon Pomnitz zählt zu den offensiven Aktivposten bei der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. (Foto: Larbig)
Leon Pomnitz zählt zu den offensiven Aktivposten bei der SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. (Fo...

SG Barockstadt: Die Osthessen streben nach der Regionalliga, offiziell spricht bislang aber niemand vom Ziel Aufstieg. Trainer Alfred Kaminski betreibt eher Understatement, sagt: »Für mich ist Gießen mit Abstand der Topfavorit. Ich erwarte, dass wir am Samstag auf den künftigen Meister treffen.« Lehnerz belegte zuletzt Rang drei, Fulda Platz sieben.

 

Trainingsaufwand

FC Gießen: Fünfmal die Woche wird um 17 Uhr trainiert, zudem gibt es am Dienstag eine Vormittagseinheit (10.30 Uhr), am Mittwoch können die Spieler »verletzungsvorbeugend« im Fitnessstudio gemeinsam trainieren. Bis auf Noah Michel befindet sich kein Spieler in einer Festanstellung oder Ausbildung. Das Team besteht also aus Studenten oder jenen, die sich ausschließlich dem Fußball widmen.

Cem Kara (am Ball) zählt zu den gefährlichsten Akteuren in der Offensive des FC Gießen. (Foto: Kuhn)
Cem Kara (am Ball) zählt zu den gefährlichsten Akteuren in der Offensive des FC Gießen. (F...

SG Barockstadt: Viermal die Woche wird abends um 18.30 Uhr trainiert. Trainer Kaminski nimmt unter anderem dieses Beispiel, um sagen zu können: »Gießen ist in der Entwicklung zwei Jahre weiter als wir.« Man habe aus den Regionalligazeiten gelernt. Kaminski meint: »Ich kenne die vierte Liga seit 15 Jahren. So, wie sie sich entwickelt hat, kommst du langfristig nur mit profähnlichen Strukturen zurecht.«+

 

Führungsriege

FC Gießen: Der 55-jährige Jörg Fischer kommt aus der Immobilienbranche, engagiert sich seit rund zwei Jahrzehnten für den heimischen Fußball und ist das Gesicht des Projekts. Dahinter ist der Verein breit aufgestellt, sei es im Organisationsbereich (Andreas Heller), bei den Finanzen (Alexander Schmandt) oder im Jugendbereich (Martin Cholibois, Martin Selmo). Die sportlichen Gesichter sind Trainer Cimen und Michael Fink. Sie tun dem Verein durch ihre Erfahrung, die ruhige Art und die sportliche Kompetenz gut.

SG Barockstadt: An der Spitze des neuen Konstrukts stehen der 36-jährige Peter Enders (vorher Vorstand von Borussia Fulda) und der 60-jährige Martin Geisendörfer (Macher des TSV Lehnerz). Enders ist zudem Geschäftsführer des BMW-Privathändlers Krah & Enders, Geisendörfer stammt aus der Baubranche, der TSV Lehnerz galt als sein Lebenswerk. Beide stammen aus der Fuldaer Region. Das sportliche Sagen hat Trainer Alfred Kaminski.

 

Regionales Prinzip

FC Gießen: Sechs Spieler des 22-Mann-Kaders haben einen direkten Bezug zur Gießener Region, also etwas mehr als ein Viertel. Beim ersten Heimspiel gegen Waldgirmes standen in der zweiten Hälfte vier Gießener auf dem Platz: Christopher Schadeberg, Johannes Hofmann, Barbaros Koyuncu und Brian Mukasa.

SG Barockstadt: Das Bestreben, auf heimische Akteure zu setzen, ist vorhanden. In den bisherigen Partien standen in der Regel drei in der Fuldaerer Region verwurzelten Akteure als Leistungsträger in der Startelf: Patrick Broschke, Leon Pomnitz, Patrick Schaaf. Fünf weitere Akteure gehören zum erweitereten Stamm, sodass fast die Hälfte aus »heimatbezogenen« Spielern besteht.

 

Umfeld

FC Gießen: Die Region hat das Projekt mit Interesse angenommen: Zu den ersten beiden Heimspielen im Waldstadion kamen 2300 und 1000 Zuschauer. Der Etat übersteigt eine Millionen Euro und ist nach Einschätzung aller Hessenliga-Kenner der größte in dieser Klasse. Eine spannende Frage: Bietet die Gießener Region genug potenzielle Sponsoren, um dauerhaft Viert- oder sogar Drittligafußball anzubieten?

SG Barockstadt: Beim ersten Hessenliga-Heimspiel in Lehnerz kamen 900 Zuschauer, normalerweise finden die Partien aber im Sportpark Johannisau in Fulda statt. Die Region verfolgt das Fußballgeschehen, das merkt auch Kaminski: »Ich spüre, dass das Interesse da ist. Aber die Region wartet ab, ob es in Richtung Professionalisierung geht.« Der Etat soll bei rund einer Millionen Euro liegen, Viertligafußball in Fulda soll in den kommenden Jahren zur Gewohnheit werden.

 

Jugend

FC Gießen: Es war neben der neuen Heimspielstätte einer der Hauptgründe für den Zusammenschluss. Die funktionierende Jugend des VfB 1900 Gießen konnte zumindest in Teilen übernommen werden, hinter den Kulissen gab es im Verantwortungsbereich große Umstrukturierungen. Die Voraussetzungen für die Regionalliga sind erfüllt, die Ambitionen groß: »Ziel ist in den nächsten Jahren das Erreichen und die Etablierung in den Hessenligen in A-, B- und C-Jugend«, sagt Martin Selmo vom Trainerteam.

SG Barockstadt: Hier haben die Fuldaer eine Baustelle. Noch spielen die Jugendteams der Stammvereine Borussia Fulda und TSV Lehnerz in seperaten Jugendfördervereinen. Auflage des DFB ist es ab der Regionalliga allerdings, fünf Jugendmannschaften unter eigenem Schirm zu haben, so wie es der FC Gießen nun vorweisen kann. »Das ist noch ein weiter Weg«, meint Kaminski. Im ersten Regionalligajahr wird dieses Nicht-Erfüllen mit einer Strafe »akzeptiert«, danach muss der Verein tätig werden.

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