06. März 2018, 16:15 Uhr

HSG Wetzlar

Laut, emotional und hitzig

GAZ-Mitarbeiterin Daniela Pieth beim Pokal-Hit gegen TVB Stuttgart als »Fan-Reporterin« auf der Tribüne.
06. März 2018, 16:15 Uhr
Mittendrin statt nur dabei: GAZ-Mitarbeiterin Daniela Pieth (Zweite von rechts) als grün-weiße Fahnenträgerin des Fanclubs. (Foto: ras)

HSG Wetzlar


Es wurde ein aufregender Tag in der Rittal-Arena beim DHB-Pokal-Viertelfinale der HSG Wetzlar gegen den TVB Stuttgart, das den Grün-Weißen durch das 25:21 erstmals nach 17 Jahren wieder den Final 4-Einzug bescherte.

13.30 Uhr: Die erste quälende Frage stellte sich schon zu Hause: Mirkulovski- oder Hombrados-Dress überziehen? In Würdigung an meinen Torhüter-Kollegen entschied ich mich für das Trikot des Spaniers, der 2013 die Herzen der Wetzlarer Fans im Sturm erobert hatte und in der Saison 2014/2015 noch einmal nach Wetzlar zurückkehrte. In der Arena angekommen, mischte ich mich sofort unter die grün-weißen Anhänger. Ich werde mit offenen Armen empfangen und habe sofort mein »Tagesvisum« für die Wand.

14.52 Uhr: Die Spannung steigt. Ich stehe mit den anderen Fahnenträgern bereit, der Hallensprecher macht die Zuschauer heiß. Unsere Aufregung ist unübersehbar. Ich fühle mich als Neuling von den anderen aber gut vorbereitet. Sportler sprechen ja gern von einem Tunnel, in dem sie sich während des Wettkampfes befinden. In dem stecke ich in diesen Minuten auch. Den Lärm und die Halle um mich herum nehme ich nur am Rande wahr. Umso mehr die Einlaufmusik »Heart of courage« – das Feuer in der Dunkelheit, die einlaufenden HSG-Spieler, das Abklatschen, ihre gegenseitigen Anfeuerungen, die Anspannung und die Konzentration in ihren Gesichtern.

Anpfiff: Mein erster Job ist erledigt, alles gut gelaufen. Schnell stehe ich an der Trommel und habe überhaupt nicht mitbekommen, dass die Partie bereits angepfiffen wurde. Es ist unfassbar laut – und erst mit der richtigen Technik lässt der Schmerz im Handgelenk nach.

8. Minute: Kristian Björnsen macht das 4:0, die Halle tobt und Stuttgart nimmt die erste Auszeit. Wir schreien und trommeln, was das Zeug hält. Der Arm tut weh, aber egal, weiter geht’s. Zwischendurch immer wieder ein Handwechsel. Unkoordinierte Bewegungen meiner rechten Hand lassen mich daran zweifeln, dem riesigen Ding vor meinem Bauch einen annehmbaren Ton zu entlocken.

24. Minute: Wetzlar bekommt einen Siebenmeter zugesprochen, Michael Kraus motzt anhaltend bei den Schiedsrichtern. Um mich herum rufen die Fans ihm »Heul doch!« zu. Max Holst haut den Ball an die Latte und wir uns die Hand im Kollektiv an die Stirn.

28. Minute: Die Fans zittern, weil der TVB besser ins Spiel kommt. Björnsens Treffer per Gegenstoß zum 11:9 beruhigt ein wenig. JAAAA! Benjamin »Benko« Buric nimmt den Gästen den zweiten Ball nacheinander weg, hält die 11:9-Führung zur Pause fest.

Pause: Die ersten 30 Minuten sind rum. Ich bin fix und fertig vom Trommelwirbel. Die Anhänger leisten auf der Tribüne Großartiges. Immer wieder stimmt einer lautstark »HSG!« oder »Wetzlar!« an. Die geben wirklich alles, sind schweißgebadet. Morgen fällt mir wahrscheinlich der Arm ab, denke ich noch. Mein Nachbar gesteht, dass die beiden ersten Spiele nach der Sommerpause in dieser Hinsicht die schwersten seien, da man sich erst wieder daran gewöhnen müsse.

35. Minute: Stefan Salger nietet Maxi Holst um. Ein Aufschrei geht durch die Reihen und der Stuttgarter für zwei Minuten auf die Bank. Im nächsten Angriff schmeißen die Wetzlarer den Ball ins Aus. Verflucht!

36. Minute: Stuttgart hat jede Menge Zeit, wir fordern die Schiedsrichter auf, das zu pfeifen. Hinter mir brüllt es »Zeitspiel«, auf dem Feld gibt es eine Zwei-Minuten-Strafe für ein Allerweltsfoul gegen Anton Lindskog. Der macht eine wegwerfende Handbewegung, kassiert die nächste Strafe und damit verbunden die rote Karte. Schieber-Rufe um mich herum. Ein ohrenbetäubender Lärm. Warum nur habe ich mir keine Ohrstöpsel besorgt?

45. Minute: Es wird still. Stuttgart gleicht aus – 14:14. Entsetzen, aber gleich wieder der »Wetzlar!«-Mutmacher. Und alle machen mit, peitschen das Team nach vorne. Die Anspannung steigt, Zweifel machen sich breit. Werfen die Jungs die gute Ausgangsposition weg? War es das mit Hamburg? Jedes einzelne Tor wird jetzt frenetisch bejubelt. Auch die Spieler feuern sich unaufhörlich an. Jede misslungene Aktion des Gegners wir bejubelt.

53. Minute: Die Volksseele kocht! Für Wetzlar geht ruckzuck der Arm zum Zeitspiel hoch, während sich Stuttgart vor der HSG-Abwehr Zeit lassen darf. Wieder ein Pfiff gegen Wetzlar. Die Fans toben, machen ihrem Unmut lautstark Luft. Einer holt seinen Geldbeutel aus der Tasche, zückt einen Fünf-Euro-Schein und wedelt damit in Richtung Schiedsrichter. »Mimi« Kraus tritt zum Siebenmeter an und versucht es mit einem überheblichen Heber, den Buric mit Leichtigkeit aus der Luft pflückt. In der Wand flippen die Fans aus.

54. Minute: Filip, immer wieder Filip Mirkulovski. Im Alleingang tanzt er die gegnerische Abwehr aus. Buric nagelt hinten die Kiste zu, reißt die Arme hoch, lässt sich feiern und wir uns nicht lange bitten. 21:18 und nur noch fünf Minuten. Leute, Leute. So langsam fangen wir an, daran zu glauben, dass die Jungs es schaffen.

57. Minute: Mirkulovski trifft zum 22:19, das Tor ist leer. Björnsen verhindert einen schnellen Treffer von Manuel Späth, indem er dessen Anwurf blockt. JAAA! Jannik Kohlbacher haut das Ding zum 23:19 rein. Während Stuttgart die Auszeit nimmt, steppt auf der Tribüne der Bär. Hier wird gejubelt und geschrien. Aber es ist noch nicht vorbei. Stuttgart spielt offene Manndeckung. Die Halle steht wie ein Mann hinter der HSG.

59. Minute: Stefan Kneer kloppt das Ding zum 24:20 in die Maschen, Buric hält im Gegenzug. Jetzt ist allen klar – wir fahren nach Hamburg!

60. Minute /Schlusspfiff: Kasper Kvist trifft zum 25:21 und bei uns auf der Stehtribüne brechen alle Dämme. Unglaublich. Oben wie unten fließen die Freudentränen, begreifen alle langsam, was geschafft wurde. »Oh, wie ist das schön!«

16:38 Uhr: Hinsetzen-Rufe dröhnen durch die Arena, die »Humba« kann beginnen. Kollektiver Freudentaumel.

17:30 Uhr: Auf dem Weg zum Auto. Es war ein anstrengender, ein packender Pokal-Tag. Am Montag habe ich wahrscheinlich Muskelkater. Grün-weiße Wand, es war hitzig inmitten von dir. Laut, emotional, heiß. Ich bewundere die Fans, die so viel Energie haben, um Spieltag für Spieltag in der Arena so ein Fest zu ermöglichen. Hamburg kann kommen!

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