25. Mai 2018, 17:37 Uhr

Ich bin blutleer, wenn es losgeht

Vom Kinzenbacher Fußballer zum Edelfan der Handballer des TV 05/07 Hüttenberg. Für Reinhard Schargitz hat dabei das Singen eine große Rolle gespielt. Aber auch sein beruflicher Werdegang ist nicht ganz schuldlos. Wie es zu dem außergewöhnlichen Wechsel gekommen ist, verrät der 69-Jährige im Interview.
25. Mai 2018, 17:37 Uhr
Hüttenbergs Handball-Edelfan Reinhard Schargitz hat für die Anhängerschar schon die Auswärtskarten für das Spiel in Berlin besorgt, aber sein Fokus ist ganz auf das Do-or-die-Heimspiel am Sonntag in der Osthalle gegen den VfL Gummersbach gerichtet. (Foto: gae)

TV 05/07 Hüttenberg


500 Fußballspiele hat Reinhard Schargitz für die SG Kinzenbach absolviert – erst als Linksaußen, dann als Libero. Seit 2007 hat aber auch der Handball einen Platz beim in Steinbach wohnenden Schargitz eingenommen. Der TV 05/07 Hüttenberg ist ihm ans Herz gewachsen. Er ist glühender Fan des TVH. Er organisiert die Auswärtsfahrten und vieles mehr. Er sieht sich als Kümmerer. Hüttenbergs Handball-Chef Lothar Weber ist ein guter Freund von ihm.

Am Sonntag um 12.30 Uhr fiebert er dem Do-or-die-Spiel in der Gießener Sporthalle Ost gegen den VfL Gummersbach entgegen. Wer verliert, steigt ab. Wer gewinnt, bleibt drin. Das weiß Schargitz, der in seinem angestammten Block G zusammen mit seiner Ehefrau Ingrid und den weiteren TVH-Anhängern alles geben wird, damit Hüttenberg Grund zum Feiern hat.

Was hat Sie als Kinzenbacher nach Hüttenberg verschlagen?

Reinhard Schargitz : Über einen guten Bekannten bin ich im Jahr 2000 zum Gesangverein nach Hüttenberg gekommen. Ich singe sehr gerne. Das ist mein zweites Hobby. Und damals wie heute sitze ich im ersten Tenor neben meinem guten Freund Lothar Weber, dem Chef der Hüttenberger Handballer. Ohne ihn wäre das beim TVH alles nicht so, wie es da aktuell läuft.

Wie sind Sie vom Fußballer zum HandballFan geworden?

Schargitz: In den 90er Jahren hatte ich durch meinen Arbeitgeber Rovema die Gelegenheit, nach Spanien zu gehen. Das kam uns gelegen, da unsere Tochter stark rheumakrank war und ihr das Klima guttat. In Barcelona war ich Technischer Leiter und habe als solcher das Verpackungsmaschinenwerk geleitet. Durch einen Zufall lernte ich Leute vom FC Barcelona kennen, unter anderem den langjährigen Handballspieler Xavier O’Callaghan und späteren Manager des Clubs. Ich bemühte mich, Barcelona für ein Turnier zu gewinnen, was 2007 gelang. Lothar Weber hat mich damals dabei sehr unterstützt. Und von diesem Tag an bin ich beim Handball gewesen und ein eingefleischter Fan des TV Hüttenberg geworden.

Sie sind schon ein spezieller Fan?

Schargitz: Ich war als Maschinenbauer auf der ganzen Welt unterwegs. Durch meinen Beruf hatte ich gute Beziehungen, die ich für den Handball genutzt habe. Seit 2015 organisiere ich zudem die Fanfahrten. Das war für uns damals ein bitteres Jahr, da wir in die dritte Liga abgestiegen waren. Ich fing an, Leute zu finden, die das Team mit zu den Auswärtsspielen begleiteten. Mittlerweile habe ich eine Datei von 120 Fans, die abwechselnd mitfahren. Ich habe für unseren Fanbus ein Logo entworfen, und wir besitzen extra Trikots. Das ist eine tolle Truppe, und das sind alles Fans, die sehr verständnisvoll sind.

Schafft Ihr Team den Klassenerhalt?

Schargitz: Wir wären alle froh, wenn wir drinbleiben würden. Allen war klar, wenn es nicht reicht, gehen wird wieder in die 2. Liga. Wichtig ist, dass wir in dieser Saison ein gutes Bild abgeben – als Mannschaft, als Verein und auch als Fan.

Was passiert, wenn es nach unten geht? Man hätte frühzeitig personell nachlegen können?

Schargitz: Es wird hundertprozentig keinen Schnitt geben, wenn es wieder zurückgeht. Die Hüttenberger Führungsetage mit Martin Volk, Heiko Czech und Lothar Weber geht kein großes Risiko. Sie wissen, das fehlende Geld lässt sich später nicht auftreiben. Wir hatten Pech, dass Szymon Sichko nicht eingeschlagen hat und dauernd verletzt war, und dass Vladan Lipovina aufgrund einer Krankheit für den Rest der Saison ausgefallen ist. So ist uns der Rückraum flöten gegangen . Vielleicht hätte man auf unserer allerersten Position noch einen dritten Tormann nehmen sollen. Da muss ich aber ganz vorsichtig sein. Denn: Fabian Schomburg und Matthias Ritschel – das sind Topjungs. Sie tun ihr Bestes. Aber im Ligadurchschnitt gesehen, muss man sagen, dass wir dort nicht so überragend besetzt sind.

Hüttenberg fehlen einfach die finanziellen Mittel.

Schargitz: In der 2. Liga haben wir es im Schnitt auf 1005 Zuschauer gebracht, obwohl wir eine Supersaison gespielt haben. Das wurde nicht so honoriert, wie es der Verein finanziell gebraucht hätte. Wenn 200 bis 300 mehr gekommen wären, hätten wir in der nächsten Saison einen teureren Spieler kaufen können. In diesem Jahr sind 1800 kalkuliert, und wird sind im Moment bei 2055. Das ist eine Verdopplung im Vergleich zum vorigen Jahr.

Aber dennoch ist die Osthalle nicht immer ausverkauft.

Schargitz: Es stellt sich wohl heraus, dass die Gemeinde Hüttenberg das nicht so verinnerlicht, wie sich das der TVH wünscht. Ich habe von Anfang an gesagt, wir müssen verstärkt im Südosten und Süden von Gießen werben. Hier ist für uns ein Riesenpotenzial an Zuschauern. Und ich glaube, ich habe recht behalten, denn es sind sehr viele neue dazugekommen, keine Hüttenberger, sondern welche aus dem Gießener Raum oder Gießen selber. Unter dem Gesichtspunkt wäre es gut, wenn Hüttenberg in Gießen bleiben würde. In der ersten Liga sowieso. Und wenn es die zweite Liga wird, muss man sich überlegen, ob man das eine oder andere Knallerspiel nicht wieder in Gießen austrägt.

Wie sehen Sie in der Nachbetrachtung den plötzlichen Weggang des Trainers Aðalsteinn Eyjólfsson während der Saison nach Erlangen?

Schargitz: Als er in Eisenach entlassen worden war und zu uns kam, bin ich mit ihm gleich auf Wohnungssuche gegangen. So begann meine Beziehung zu Adli. Er ist ein sehr akribischer Trainer und besitzt große Anteile daran, dass Hüttenberg in Liga eins ist. Aber Adli hat Familie, und in Hüttenberg wachsen die Bäume finanziell nicht in den Himmel. Er hat sich überlegt, wenn Hüttenberg absteigt, sinkt auch mein Marktwert. Sein Weggang hat uns ein paar Punkte gekostet. Das kann man nicht beweisen, aber ich fühle das. Wir hatten Glück, dass wir mit Emir Kurtagic so schnell einen guten Trainer gefunden haben. Aber ich werde Adli noch einmal per E-Mail schreiben: Denke bitte bei deinem letzten Saisonspiel bei den Eulen Ludwigshafen in Friesenheim daran, wo du die letzten zweieinhalb Jahre gearbeitet hast.

Am Sonntag ist für Hüttenberg das Spiel der Spiele. Wie beurteilen Sie dieses wichtige Kellerduell gegen Gummersbach?

Schargitz: Ich persönlich bin blutleer, wenn es losgeht. Ich hoffe, dass unsere Buben schnell ins Spiel finden, dass der Gegner uns nicht überrascht und mit vier oder fünf Toren wegzieht. Wir müssen gleich präsent sein. Nerven haben unsere Jungs genügend. Sie spielen mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit. Wir als Fans können nur Radau machen. Aber eines ist klar, wenn wir verlieren, stehen wir alle auf und klatschen trotzdem. Wir Fans sind zuversichtlich. Aber dass wir von vornherein sagen, wir gewinnen, das ist nicht gegeben. Wenn wir mit 26 Toren dabei sind und es schaffen, sie bei 23 zu halten – dann sind wir auch im nächsten Jahr in der ersten Liga.

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