29. Juni 2018, 07:00 Uhr

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Heimische Fußballer fordern Löw-Abgang

Nach dem Vorrundenaus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM sagen drei heimische Fußballkenner, wie der Umbruch beim DFB aussehen könnte.
29. Juni 2018, 07:00 Uhr
Schnelle, hungrige Spieler sollen in der Nationalmannschaft künftig häufiger auflaufen, wünschen sich die heimischen Fußballer. (dpa) (Foto: Uwe Anspach (dpa))

Ein anderes Spielsystem weg vom Ballbesitzfußball hin zu jüngeren, schnelleren Spielern wird ebenso vorgeschlagen wie ein grundsätzliches Überdenken der Ausbildung im Jugendbereich: »Wir bilden zu viele gleiche Spieler aus«, meint beispielsweise die mittelhessische Torhüter-Ikone Jörg Kässmann.

»Löw sollte zurücktreten«

Stefan Frels (Der Fußballtrainer von Verbandsligist SV Bauerbach wohnt in Lich und war jahrelang bei der TSG Wieseck aktiv): Ich finde es richtig, wenn Joachim Löw von sich aus zurücktritt, der DFB wird ihn kaum entlassen. Die Mannschaft war keine, irgendetwas hat nicht gestimmt. Wenn man mit diesem Kader verdient als Gruppenletzter ausscheidet, weiß ich nicht, ob man noch weitermachen sollte. Dieses historische Ausscheiden hat auch Löw zu verantworten. Man dachte immer: Er macht das schon irgendwie. Aber die Entwicklung war seit Längerem nicht wirklich gut. Er war jetzt zwölf Jahre Cheftrainer, da kann man auch mal etwas Neues ausprobieren. Das große Problem ist, dass die drei geeignetsten Kandidaten mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann bei ihren Vereinen fest unter Vertrag sind und wohl auch kaum raus wollen. Ich würde schon einen deutschen Trainer bevorzugen.

Beim Spielerpersonal würde ich einen kleinen Umbruch vollziehen. Beim Confed Cup haben wir gesehen, dass wir viele gute junge Spieler haben: Alleine im Mittelfeld und Angriff kommen mit Emre Can, Leon Goretzka, Julian Brandt, Serge Gnabry und Leroy Sané genug Spieler nach. Ich glaube nicht, dass man viele Weltmeister von 2014 nicht mehr auf das Niveau von damals bringen wird. Ich hätte nichts dagegen, wenn Sami Khedira, Mesut Özil und Mario Gomez aufhören. Die Qualifikation für die EM sollte man nutzen, um junge Spieler mehr zu integrieren.

»Brauchen andere Ausbildung«

Jörg Kässmann (Der frühere Keeper von Borussia Mönchengladbach wohnt in Lindenstruth und ist Torwarttrainer beim FC Gießen und dem FSV Fernwald): Es ist besser, dass wir jetzt auf diese Weise ausgeschieden sind, als wenn wir uns durchgemogelt hätten und das Fiasko bei der EM 2020 gekommen wäre.

Der deutsche Fußball muss sich insgesamt hinterfragen, ob alles richtig ist. In den U-Mannschaften sind wir auch nicht überall gut aufgestellt. Wir müssen über die Inhalte in den Nachwuchsleistungszentren nachdenken: Passsicher, schöne Ballstaffetten schön und gut, aber da kommt nichts bei rum. Ich sehe es im Jugendbereich: Wir bilden zu viele gleiche Spieler aus. Die meisten können nur eine einzige Position spielen, sind nicht mehr flexibel.

Spieler wie Leroy Sané hätten wir gut gebrauchen können, wirklich gefährlich wurde es doch meistens nur, wenn Timo Werner über außen ins eins gegen eins ging. In der Nationalmannschaft sollte es Veränderungen geben, ich sehe im Kader aber keinen Riesenumbruch auf uns zukommen. Die meisten sind im besten Fußballeralter und können locker noch eine Europameisterschaft spielen, viele sogar eine WM.

Anders sehe ich das beim Bundestrainer. Ich habe mich satt gesehen an Joachim Löw. Im Vorfeld wurden viele Fehlentscheidungen getroffen, Mats Hummels hat selbst gesagt, dass das letzte überzeugende Spiel bald ein Jahr her ist. Während des Turniers gab es größtenteils Schlafwagenfußball. Die vielen Veränderungen in der Aufstellung waren meiner Meinung nach Ausdruck von Hilflosigkeit. Jürgen Klopp ist immer ein Kandidat, im Moment wird er aber wohl noch zu heiß auf die tägliche Arbeit sein. Matthias Sammer ist vielleicht ein Kandidat, er ist jemand, der den Finger in die Wunde legt.

»Schnellere, hungrigere Spieler«

Denis Weinecker (Der Kinzenbacher spielte einst mit Watzenborn-Steinberg in der Regionalliga und läuft mittlerweile für den Verbandsligisten FSV Fernwald auf): Der Zeitpunkt für einen Wechsel auf der Trainerposition und beim Spielsystem ist gekommen. Joachim Löw konnte mit der Generation rund um Khedira, Özil und Müller das Niveau hoch halten und hat uns den Weltmesitertitel 2014 geschenkt. Aber diese WM hat deutlich gezeigt, dass es frischen Wind benötigt.

Die Spielweise von Özil, Khedira und anderen Altbewährten ist zu langsam, pomadig und unkreativ. Trotz Ballbesitz kommt zu wenig dabei herum, es fehlen Eins-gegen-Eins-Situationen, schnelles Flügelspiel und Pässe in die Tiefe. Mit der Nicht-Berücksichtigung von Sané hat Löw das Zeichen gesetzt, dass er auf bewährte Kräfte gesetzt. Er scheint feste Strukturen und Ansichten zu haben. Daher ist Löw nicht mehr der richtige Mann. Es braucht mehr Spielertypen wie Marco Reus, Werner, Sané oder Julian Brandt, die schnell, dribbelstark und beweglich sind. Neben dem Gerüst von Neuer, Boateng, Hummels und Kroos muss mehr auf diese jungen, hungrigen Spieler gesetzt werden. (Fotos: fro (2), hf)

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