09. November 2018, 06:00 Uhr

Trauer

Hannes Neumann ist tot: Trauer um eine Ikone des Gießener Basketballs

Professor Dr. Hannes Neumann hat durch sein Wirken die Gießener Sportgeschichte geprägt. Besonders die der Basketballer des MTV 1846 Gießen. Am Mittwoch ist er im Alter von 79 Jahren verstorben.
09. November 2018, 06:00 Uhr
Hannes Neumann war als Trainer ein Kumpeltyp (hier 1993 mit Armin Andres und Doug Roth) und bestach mit seiner Fachkompetenz. (Foto: Archiv)

Gießen 46ers


Die Basketballer des MTV 1846 Gießen coachte Hannes Neumann in 148 Bundesligaspielen, so viele wie kein anderer Gießener Trainer. Am Mittwoch haben die Familie, die Universitätsstadt Gießen und die Basketballer eine große Persönlichkeit verloren. Hannes Neumann ist im Alter von 79 Jahren verstorben.

Als es Neumann 1977 nach Gießen verschlug, war das ein Glücksfall für den Basketball in der Lahnstadt. Eigentlich hatte sich der Professor für Sportwissenschaften mit dem Schwerpunkt Trainingswissenschaft an der Uni Karlsruhe beworben. Doch dann kam die Offerte aus Gießen, die der frühere Schwimmer, Top-Handballer der SG Leutershausen und Spitzen-Basketballer des USC Heidelberg (in einem Jahr wurde er mit den USC-Basketballern deutscher Meister und mit den Leutershausener Handballern Vizemeister) annahm.

 

Auf Anhieb Meister mit dem MTV 1846

Zuvor hatte er in seiner Zeit als Professor in Braunschweig so ganz nebenbei den MTV Wolfenbüttel gecoacht. Eine Kolumne in dieser Zeitung machte die Verantwortlichen des MTV 1846 Gießen um Manager Heinz-Ewald Hirsch auf ihn aufmerksam, und mit dem Einzug in die Räume des sportwissenschaftlichen Institutes am Kugelberg hatte Neumann einen Trainervertrag beim MTV in der Tasche. In seiner ersten Saison 1977/78 sicherte sich Neumann mit dem Team gleich die Meisterschaft, insgesamt die fünfte für den MTV – und bislang auch die letzte. In der Meistermannschaft standen damals unter anderen Ulrich Strack, Ted Hundley, Matthias Strauss, Robert Minor, Günther Lindenstruth, Roland Peters, Hans Heß, Ingo Froese und Karl Ampt.

 

Kumpeltyp mit hoher Fachkompetenz

»Hannes war ein eloquenter Trainer mit einer hohen Fachkompetenz. Aber auch ein lockerer Typ«, erinnert sich Heß, der unter Neumann Mannschaftskapitän war. Und er ergänzt: »Hannes war immer auf Harmonie bedacht, hatte aber seinen eigenen Kopf, den er auch durchgesetzt hat.« Fast mit der identischen Truppe setzte der Mann mit Ecken und Kanten eine Spielzeit später mit dem Gewinn des Pokals noch einen drauf und scheiterte nur knapp an einer erneuten Meisterschaft.

Dann endete vorerst seine Zeit beim MTV. Neumann wechselte nach Berlin und wurde dort mit dem DTV Charlottenburg Vizemeister, ehe er 1982 an die Seitenlinie der Osthalle zurückkehrte, aber nach der Hauptrunde sein Engagement beendete. 1993 übernahm er erneut das Amt des Trainers beim MTV 1846 Gießen, der in dieser Spielzeit unter Gießen Flippers firmierte. Nach Querelen mit einem US-Spieler trat Neumann zurück, sodass seine bemerkenswerte Trainerkarriere an der Lahn 1994 endete.

 

Systeme mit Tassen und Pfefferstreuer erklärt

Neumann hatte eine besondere Gabe. Er konnte die Menschen mit seinem Charisma und seinen Worten einfangen, als Professor an der Universität oder als Coach in der Halle. Im Trainingsalltag kam ihm sein fundiertes Wissen zugute, beim Coachen seine Erfahrungen als Nationalspieler, zudem pflegte der Kumpeltyp die Nähe zu seinen Spielern. Der Kontakt zu seinen Meisterspielern riss nie ab.

Noch heute erzählt man sich Geschichten von Neumann, wenn er in seinem Haus am Oberhof bei Linden seiner Ehefrau Uta und den Söhnen Stefan und Heiko in seiner witzigen Art mit Tassen, Salz- und Pfefferstreuern auf dem Küchentisch basketballspezifische Systeme erklärte.

 

1982 Basketball-Buch geschrieben

In seiner Zeit an der Universität in Gießen war er der erste Vizepräsident. 1967 wurde Neumann zum Dr. phil. in Geschichte promoviert. 1971 wurde er an der TU Braunschweig zum Professor für Sportwissenschaft ernannt. Im Wintersemester 1985/86 war er als Gastprofessor an der FU Berlin tätig. Neumann arbeitete viele Jahre in verschiedenen Ämtern der akademischen Selbstverwaltung – als Geschäftsführender Direktor seines Instituts, als Dekan seines damaligen Fachbereichs sowie als Mitglied des Konvents.

Bei einer Skifreizeit mit der Uni Gießen lernte Neumann in früheren Zeiten den Lektor des BLV-Buchverlages kennen, der ihn bat, ein Lehrbuch über Basketball zu schreiben. 1982 wurde »Richtig Basketballspielen« aufgelegt. Im Januar 2012 erschien eine neu bearbeitete Auflage. Wertvoll sind darin besonders die Tipps, die Neumann in »Mein Rat« oder in »Gut zu wissen« gibt.

An der Justus-Liebig-Universität nahm der emeritierte Professor für Sportwissenschaften bis ins hohe Alter noch Prüfungen zum Staatsexamen ab. Auch dort war seine Meinung immer gefragt.

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