08. Juni 2018, 06:15 Uhr

Konkurrenz überrascht

HSG Wetzlar, ein starkes Team

Den Abgang vonPhilipp Weber verkraftet, die Newcomer Olle Forsell Schefvert und Alexander Hermann zu Leistungsträgern aufgebaut. Die HSG Wetzlar hat auch im 20. Erstliga-Jahr überrascht. Den Abgang vonPhilipp Weber verkraftet, die Newcomer Olle Forsell Schefvert und Alexander Hermann zu Leistungsträgern aufgebaut. Die HSG Wetzlar hat auch im 20. Erstliga-Jahr überrascht – sich selbst und das komplette Oberhaus.
08. Juni 2018, 06:15 Uhr
Die HSG Wetzlar hat erneut eine Spielzeit hingelegt, in der Glückwünsche und Umarmungen die Regel waren. (Foto: Eibner)

HSG Wetzlar


Was war gut? Der sensationelle Saisonstart mit den Auswärtserfolgen beim VfL Gummersbach und bei TuS N-Lübbecke sowie dem heute schon legendären Heim-30:22 gegen den THW Kiel. Es war noch nicht einmal ein Monat rum und die HSG Wetzlar hatte mit ihren 8:4 Punkten bereits den Grundstein zum Klassenerhalt gelegt. Trainer Kai Wandschneider hatte es binnen kürzester Zeit geschafft, den Verlust von Philipp Weber vergessen zu machen, nach der Verletzung von Evars Klesniks den Innenblock zu stabilisieren und Anton Lindskog als echte Alternative zu Jannik Kohlbacher am Kreis aufzubauen. Den Durchbruch schaffte der Schwede beim Wetzlarer Rückspiel-Coup in Kiel, als dieser beim 26:25-Triumph für den verletzt fehlenden Kohlbacher in die Bresche sprang und mit sieben Treffern den Rekordmeister überraschte. Dank der starken Abwehr entwickelten die Grün-Weißen endlich auch wieder über die erste und zweite Welle Torgefahr, bis zum Saisonende entwickelte sie hier Woche für Woche mehr Qualität.

Was war schlecht? Handballspezifisch ist auf der halbrechten Rückraumseite die fehlende Kontinuität zu beklagen. Im Konzepthandball von Trainer Kai Wandschneider werden sowohl Joao Ferraz als auch Stefan Cavor immer wieder zu Risikofaktoren, selbst nach zuvor herausragenden Leistungen. An dieser Baustelle werden Trainer und Spieler in der Vorbereitung intensiv arbeiten müssen, auf Dauer muss dort die Anzahl der individuellen Fehler runtergefahren werden. Auf Rechtsaußen gab es trotz der Volentics-Nachverpflichtung kaum Entlastung für Kristian Björnsen, dem so in einigen bedeutsamen Partie - vor allem beim DHB-Pokal in Hamburg – die körperliche und mentale Stärke fehlte. Bei aller mannschaftlichen Geschlossenheit und dem immer wieder propagierten herausragenden Charakter darf nicht übersehen werden, dass die Konkurrenz auf vielen Position eine größere individuelle Klasse besitzt. Auf der Rückraum-Mitte ist Filip Mirkulovski sicher ein guter Stratege und für Trainer Kai Wandschneider ein bedeutsamer Faktor, ihm fehlen zuweilen aber Kreativität und Durchschlagskraft.

Welches waren die herausragenden Ereignisse? Eigentlich sollte das Final Four in Hamburg zum Saison-Höhepunkt werden. Das Halbfinal-19:24 gegen TSV Hannover-Burgdorf mit dem deklassierenden Pausen-4:15 wurde aber eher zum Rohrkrepierer. Deshalb bleiben am nachhaltigsten die beiden Triumphe über Rekordmeister THW Kiel in Erinnerung - vor allem das historische 26:25 im Februar diesen Jahres in der Ostseehalle. Das Heim-30:22 im September letzten Jahres in der Rittal-Arena war ohnehin schon zu einem einzigartigen Triumphzug geworden.

Hätte man personell nach den langfristigen Ausfällen von Evars Klesniks und Alexander Hermann nicht nachbessern müssen? Wäre die HSG Wetzlar - was letztmals in der Vor-Wandschneider-Ära der Fall war – im Winter noch absehbar in Abstiegsnöten gewesen, hätten die weiter umsichtig handelnden Verantwortlichen sicher noch einmal die eine oder andere Personalie überdacht. In Anbetracht der Tabellenkonstellation und der bis zum Winter einmal mehr überragenden Teamleistung konnte man von einem solches Invest aber getrost Abstand nehmen und musste so die Finanzen nicht zusätzlich belasten. So hart es klingt: In Anbetracht der gezeigten Schwächen der Aufsteiger sowie des VfL Gummersbach und des TVB Stuttgart bestand akut kein Handlungsbedarf.

Was sagen Management und Umfeld? Für Den Klub wie für die Zuschauer war es einmal mehr eine beeindruckende Saison. Trotz Sky-Vertrag strömten über 4200 Zuschauer regelmäßig zu den Heimspielen, in denen 20 der 30 Saisonpunkte eingefahren wurden. Mit Olle Forsell Schefvert und Alexander Hermann spielten sich zwei Newcomer gleich in die Herzen der Fans, die weiter zu den besten der Liga gehören. Selbst das brutale Pokal-Erlebnis von Hamburg hat die gute Saison nicht in Frage gestellt. Aufsichtsrat Martin Bender, Geschäftsführer Björn Seipp und Marketing-Leiter Alexander Finke wissen um die eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten und die daraus resultierenden Handlungszwänge.

Die 6:0-Deckung war trotz des Klesniks-Ausfall eine der stärksten Abwehrformationen der Liga. Wie ist das gelungen? Der Bandscheibenvorfall von Evars Klesniks und dessen danach zwingend notwendige Rücken-OP versetzten die HSG keineswegs in Schockstarre. Das Trainertandem Wandschneider/Camdzic steckte nicht den Kopf in den Sand, arbeitete mit dem Team sofort an Lösungen und fand diese auch. Bildeten zunächst Stefan Kneer/Anton Lindskog den Innenblock, so war spätestens mit seinen starken Auftritten gegen den THW Kiel sowie gegen SC DHfK Leipzig der antizipativ starke Olle Forsell Schefvert neben Anton Lindskog gesetzt. Die Leistungen und die Ergebnisse haben das Selbstbewusstsein enorm gestärkt, als dann im Spätherbst auch noch die Muss-Heimspiele gegen HC Erlangen, Eulen Ludwigshafen und TVB Stuttgart gewonnen wurden und noch vor Weihnachten mit dem Heim-30:25 über den VfL Gummersbach der Ligaerhalt zum 20. Mal praktisch sicher war, machte sich auch in den Köpfen eine gewisse Leichtigkeit breit. Was dazu führte, dass auch Stefan Kneer endlich auch in der Offensive einige gute Partien abliefern konnte und seinen Vertrag verlängert bekam.

Welche Gefahren birgt der neuerliche Umbruch mit sieben Ab- bei nur fünf Neuzugängen? Es sind ja nicht nur die Abgänge der zentralen Leistungsträger wie Benjamin Buric, Jannik Kohlbacher oder Evars Klesniks in dieser Saison, sondern vom Verlust der Müller-Brüder über die Tönnesen/Balic-Abgänge bis hin zu den Fäth/Wolf-Demissionen der permanente Aderlass, der auf Dauer zermürben kann. Ein Tibor Ivanisevic hat selbst als serbischer Nationalkeeper noch keine Bundesligaerfahrung, vom jungen Lenny Rubin aus der Schweiz kann man nicht sofort das Niveau seiner Vorgänger Steffen Fäth oder Philipp Weber erwarten, Nils Torbrügge tritt am Kreis in große Kohlbacher-Fußstapfen.

Welche Perspektiven ergeben sich aus dieser Situation heraus für die kommende Saison? Die HSG Wetzlar muss wirtschaftlich bedingt einmal mehr eine Saison-Rechnung mit vielen Unbekannten aufmachen. Eine davon wird sicherlich sein, wie schnell sich Till Klimpke bei als seinem Torhütertalent dauerhaft im Oberhaus zurecht findet. Nikolai Weber ist zum TV 05/07 Hüttenberg weitergezogen, hier wäre eine zusätzlich Absicherung durch den Torwart-Routinier eventuell als Drittliga-Keeper eine denkbare Option gewesen. Das Risikopotenzial bleibt hoch, vor allem bei langwierigen Verletzungen von Leistungsträgern.

Weshalb gelingt es nicht, Backups aus der eigenen Nachwuchsschmiede nach oben zu bekommen? Torwart-Talent Till Klimpke soll nach und nach an das Erstliga-Niveau herangeführt werden. In dieser Saison hatte er erste Einsatzzeiten, im kommenden Jahr wird der »Wolle«-Sohn direkt Backup von Buric-Nachfolger Tibor Ivanisevic. Das birgt ein gewisses Risiko, zeigt aber, dass die Mittelhessen gewillt sind, diesen Weg nach jahrzehntelanger Flaute wieder konkreter anzugehen. Wenn es mittel- und langfristig wieder mehr Spieler aus den eigenen Reihen auf das Erstliga-Parkett schaffen sollen, muss jedoch bereits ab der U 15 gezielt begonnen werden, daran zu arbeiten. Vor allem was Dynamik und Körperlichkeit anbelangt.

Der Trainerstab: Björn Seipp, der Geschäftsführer, hat in einem HBL-Interview kurz vor Weihnachten letzten Jahres bekräftigt, dass »die Rittal-Arena die Überlebenversicherung der HSG Wetzlar« sei. In wirtschaftlicher Hinsicht stimmt das. Sportlich hat der Klub vor über sechs Jahren eine andere Police gezeichnet: Kai Wandschneider. Der Hamburger ist zusammen mit seinem Co-Trainer Jasmin Camdzic die Lebensversicherung auf dem Handball-Parkett. Einmal durch nahezu perfektes Scouting, nicht umsonst haben beispielsweise in den letzten Jahren bei der HSG mit Hombrados, Wolf und Buric immer Top-Torhüter zwischen den Pfosten gestanden. Zum anderen durch eine 24 Stunden am Tag gelebte und bewiesene Handball-Kompetenz, die selbst in den schwierigsten Situationen alle mitzunehmen versteht. Und sei es in letzter Konsequenz auch einmal durch eine vorzeitige Trennung wie bei Guillaume Joli oder Magnus Dahl. Spannung wirft bereits jetzt die Frage auf, ob und wann Kai Wandschneider seinen 2019 auslaufenden Vertrag verlängert. Bei seinem vorherigen Arbeitgeber Bayer Dormagen hatte es der 58-Jährige auf ein komplette Jahrzehnt gebracht, zu einem solchen würden noch drei weitere Jahre fehlen.

Wie ist es um die wirtschaftliche Zukunft bestellt? »Mit unserem Etat von rund 3,5 Millionen Euro stehen wir im unteren Tabellendrittel der Liga. Wenn man die wirtschaftlichen Möglichkeiten in Bezug zu den sportlichen Leistungen unserer Mannschaft setzt, sind wir der erfolgreichste Verein in der Bundesliga«, hat Björn Seipp im angesprochenen HBL-Interview verdeutlicht, auf welch dünnem finanziellen Eis sich die HSG Wetzlar im Oberhaus bewegt. Etatmäßig sind einige Aufsteiger der letzten Jahre wie HC Erlangen, TVB Stuttgart oder DHfK Leipzig bereits an der HSG Wetzlar vorbeigezogen. Gelingt es dem Klub in Mittelhessen nicht, in den nächsten zwei, drei Jahren einen noch größeren teil der Wirtschaft hinter sich zu bringen bzw. Zugang zur nur 45 Minuten entfernten Rhein-Main-Region zu finden, wird der sportlich und wirtschaftliche Existenzkampf in der Rittal-Arena wieder Einzug halten. Schon eine einzige Neuverpflichtung, die nicht wie erwartet einschlägt, kann fatale sportliche Auswirkungen haben; um mit der Konkurrenz aus Göppingen, Hannover oder Lemgo mithalten zu können, muss schnellstmöglich und dauerhaft ein von Saison zu Saison steigender Etat jenseits der 4-Millionen-Euro-Grenze realisiert werden.

 

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