05. Mai 2017, 12:00 Uhr

Doppel-Interview

Großes vor mit dem RSV Lahn-Dill

Auf einer Insel wollen sie das Triple perfekt machen. Das wäre der Traum-Abgang von Nicolai Zeltinger, der seinen Platz als Headcoach des RSV Lahn-Dill für Assistent Ralf Neumann räumt.
05. Mai 2017, 12:00 Uhr
Hand in Hand: Der scheidende RSV-Headcoach Nicolai Zeltinger (r.) und sein Nachfolger Ralf Neumann halten den DM-Pokal ganz fest. (Foto: Gärtner)

Mit gutem Gewissen, denn die beiden verstehen sich blendend. Vereint an der Seitenlinie bleiben sie trotzdem – als Trainerduo für das deutsche Rollstuhlbasketball-Nationalteam. Ein Frühlingsabend aus dem Bilderbuch. Sonne pur, laues Lüftchen in Allendorf/Lahn – und zwei gutgelaunte Typen, die sich verstehen. Solche Interviews führt man einfach gerne. Schon beim Eintritt in das von Licht durchflutete Wohnzimmer fällt der Blick auf den Meisterpokal, der auf dem großen Tisch steht. Mit leuchtenden Augen erzählen Gastgeber Nicolai Zeltinger und Ralf Neumann bei einer guten Tasse Kaffe von ihrer Begeisterung für den Rollstuhlbasketball – von ihrem Klub RSV Lahn-Dill, mit dem sie am Wochenende auf Teneriffa das Triple perfekt machen wollen.

Das wäre das i-Tüpfelchen auf eine grandiose Saisonendphase, die mit dem Pokalgewinn startete und mit der deutschen Meisterschaft fortgeführt wurde, – und der Traumabgang von Zeltinger als langjährigem und überaus erfolgreichem Trainer der Lahn-Dill-Rollis. Seinem »Co« Neumann übergibt er sein »Baby«, wohlwissend, dass es in den besten Händen ist.

Elf Jahre lang haben Sie, Herr Zeltinger, als Trainer des RSV Lahn-Dill gearbeitet. Dabei haben Sie alles an Titeln gewonnen, was eine Vereinsmannschaft gewinnen kann. Was können Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?

Nicolai Zeltinger: Ralf macht sicherlich einige Dinge anders als ich – und vielleicht auch ähnliche Sachen. Ich muss ihm keine großen Ratschläge geben, denn er ist ein vollständiger Coach. Er war bei den Fußgängern Headcoach und dankenswerterweise unter mir ein paar Jahre lang Co-Trainer. Wir hätten es an Ralf nicht abgegeben, wenn wir nicht glauben würden, dass er es komplett machen kann.

Das Double schon in der Tasche, das Triple vor Augen. Gehen Sie mit Wehmut?

Zeltinger: Es fällt einem deutlich leichter, wenn man die Erfolge einfährt. Ich will aber nicht bestreiten, dass ich mich mit unserer Sportpsychologin über das Thema besprochen habe. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin noch nicht fertig. Und sie sagte, dass so eine Entscheidung immer irgendwo im Raum stehen bleibt. Dass man glaubt, es ist noch nicht abgeschlossen. Aber diesbezüglich habe ich ein ausgezeichnetes Gefühl, dass Ralf die Dinge fertig machen wird.

Herr Neumann, die Fußstapfen, die Ihr Headcoach hinterlässt, sind ziemlich groß. Aber Sie haben seit Ihrem Wechsel 2012 zum RSV auch schon einige Titel miteingefahren. Dennoch: Wie lange haben Sie überlegt, um Ja zu sagen?

Ralf Neumann: Es ist eine Ehre, den RSV zu trainieren. Das muss man vorneweg sagen. Ich habe zwei Tage lang überlegt. Ich freue mich auf die Aufgabe, habe aber auch Respekt davor. Und das mit den Fußstapfen – ich habe Schuhgröße 47 (lacht).

Und Sie Herr Zeltinger?

Zeltinger: 45 (lacht ebenfalls).

Neumann: Scherz beiseite. Ich werde alles, was ich habe, reinstecken. Und die, die mich kennen, wissen, was das heißt.

Hat Ihnen bei der Entscheidungsfindung jemand geholfen?

Neumann: Natürlich habe ich mit meiner Partnerin Christine gesprochen, dass alles noch zeitintensiver werden wird. Aber es hat alles gut gepasst, es war ein guter Zeitpunkt.

Zeltinger: Ja. Es war der richtige Schritt für den Verein, weil auch der Verein – das ist unsere Philosophie – immer personenunabhängig aufgestellt sein will. Das ist meines Erachtens die Basis für den langfristigen Erfolg, den wir in der Vergangenheit hatten und den wir auch in der Zukunft haben wollen. Man muss in der Führungsposition Verantwortung tragen, aber auch abtreten können. Das haben wir schon immer gut gemacht, auch auf Spielerebene.

Mal ehrlich Herr Neumann: Herrscht nicht doch ein kleiner Bammel davor, alleine an der Seitenlinie in den big games zu stehen und zu denken, hoffentlich mache ich keinen Rookiefehler und habe 15 Punkte auf dem Feld stehen?

Neumann: (lacht mit Zeltinger) Ich hoffe, dass ich diesen Fehler nicht mehr mache. Als Nic mal unterwegs war, haben wir ein Freundschaftsspiel in Lich gegen Hamburg absolviert. Da war auf einmal der Marco (Zwerger) als ein 2,5er auf dem Feld anstatt ein 2,0er. Ich habe zwar gleich wieder gewechselt, aber der Fehler ist passiert.

Zeltinger: Das ist mir aber auch schon passiert (lacht).

Neumann: Wenn wir in den Playoffs sind und du hast die dicken Spiele, genau für die betreibst du doch den ganzen Aufwand. Der Reiz, diese Spiele zu spielen – und zu gewinnen, das ist das, was mich als Basketballtrainer interessiert. Natürlich bin ich davor aufgeregt, kurz vor dem Match muss ich immer noch mal auf die Toilette.. Das war als Spieler so – und ist als Trainer so geblieben. Wenn das Kribbeln mal vorbei ist, dann höre ich auf.

Zeltinger: Eine wichtige Balance, die man als Rollstuhlbasketball-Trainer haben muss, ist, dass man eine klare Vorstellung hat und trotzdem auf die Spieler hört, weil unsere Spieler viele Qualitäten und Erfahrung haben. Das Rollstuhlbasketball-Spiel wird schneller weiterentwickelt als das Fußgänger-Basketball-Spiel.

Wie meinen Sie das?

Zeltinger: Wir haben in den letzten elf Jahren das Spiel dreimal revolutioniert.

In welchen Bereichen?

Zeltinger: Zum Beispiel haben wir zum ersten Mal mit einer Midpointer-Lineup eine deutsche Meisterschaft oder die Champions League gewonnen. Das war, als wir mit drei Guards gespielt haben (Steve Serio, Michael Paye und Thomas Böhme) – und nur mit einem Langen auf dem Feld. Bis dato waren immer zwei 4,5-Spieler auf dem Feld. Die Drei-Punkte-Linie ist miteingebunden worden. Es gab viel mehr Aktionen von dort aus. Es geht aber weiter. Die 4,0-Punkte-Spieler werden athletischer wie zum Beispiel Philipp Häfeli. Sie haben nicht diese baumlange Größe, aber viel Geschwindigkeit. Das sind Entwicklungen, die sich auf die Spielweise übertragen, ob du mehr Insidespiel oder mehr auf die Drei-Punkte-Linie gehst.

Neumann: Das kann ich nur bestätigen. Die Entwicklung ist rasant. Als ich 2012 als Co-Trainer angefangen habe, gab es im Finale gegen Frankfurt vier Dreipunkte-Versuche – in zwei Finalspielen. Jetzt darfst du keinen mehr dort frei stehen lassen.

Ihre Philosophie ist doch das schnelle Spiel.

Neumann: Ich werde mit der Mannschaft reden. Du musst schauen, was das Beste für sie ist.

Herr Zeltinger, Sie werden nun wieder verstärkt im RSV-Managemengt tätig sein. Was ist Ihre Vision?

Zeltinger: 2019 wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit der Vertrag mit Stada auslaufen. Und das ist für uns eine ganz wichtige Weichenstellung. Wir haben ein Top-Produkt. Und falls Stada nicht auf die Brust möchte, sehen wir das nicht als Gefahr, sondern als eine riesige Chance für uns. Diesbezüglich denken wir richtig groß. Ich denke daran, Emirates auf die Brust holen zu können. Oder einen bundesweiten Konzern. Damit können wir neue Wege bestreiten. Wir haben nach der Champions-Legaue-Endrunde ein zweitägiges Management-Meeting auf Teneriffa, bei dem wir uns hinterfragen werden, wo wollen wir den RSV in den nächsten zehn Jahren sehen.

Und wo wollen Sie ihn sehen?

Zeltinger: Meine Theorie ist, dass es nicht reicht, einfach so weiterzumachen, wenn wir das Ziel haben, in Deutschland die Nummer eins zu bleiben und in Europa oben mitspielen zu wollen. Die Rahmenbedingungen werden sich kräftig ändern. Jedes Jahr kommt national ein Topteam dazu. Wir müssen schauen, dass wir da mithalten können.

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