28. Juli 2018, 07:00 Uhr

Fußballauftakt

Gießens aramäische Fußballgesichter

Daniyel Cimen und Daniyel Bulut treffen am Samstag (15 Uhr) im Waldstadion beim Fußball-Hessenliga-Auftakt aufeinander Die beiden heimischen Fußballgesichter verbindet viel.
28. Juli 2018, 07:00 Uhr
Auf ein gutes Spiel: Daniyel Bulut (l.), Trainer des SC Waldgirmes, und Daniyel Cimen, am Donnerstag in der Gießener Innenstadt. (Foto: sno)

Tur Abdin verbinden die Gießener mit dem Vereinsnamen des arämisch geprägten Clubs FC Turabdin/Babylon Pohlheim. Tur Abdin ist aber auch die Heimatregion der Familien von Daniyel Cimen und Daniyel Bulut. Ihre Eltern wohnten im Südosten der heutigen Türkei nur rund 20 Kilometer entfernt voneinander. »Das sind einfache Dörfer mit sechs Häusern, wo unsere Familien Stein auf Stein selbst gebaut haben«, sagt Cimen.

Die beiden Daniyels sind Trainer der besten heimischen Fußballvereine und in der Region fest verwurzelt. Der 33-jährige Cimen heiratete eine deutsche Frau, wohnt in Rodgau, war sogar von der U15 bis zur U20 durchgehend Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und sagt: »Das Miteinander sollte immer im Mittelpunkt stehen.«

Integration ist unabhängig davon, dass du deine Identität nie verlieren solltest

Daniyel Bulut

Der 37-jährige Bulut ist in Gießen geboren, sagt dass er diese Stadt liebt und zählt zu den bekanntesten Fußballern im Kreis. Auf ihre aramäischen Wurzeln sind beide stolz: »Integration ist unabhängig davon, dass du deine Identität nie verlieren solltest«, sagt Bulut. »Wir haben in Gießen vier Kirchen gebaut. Wir haben kein Land, die Kirche ist sozusagen unser Zuhause.«

Das Volk orthodoxer Christen ist in Gießen weit verbreitet. Bei unserem Gespräch am Donnerstagnachmittag sitzen wir im Türmchen, deren Besitzer ebenfalls Aramäer ist: Pedro Bulut. »Im Landkreis Gießen leben ungefähr 1200 arämische Familien«, weiß Bulut.

Sportredakteur Sven Nordmann (Mitte) unterhält sich im Türmchen mit Daniyel Bulut (l.) und Daniyel Cimen.	(Foto: sno)
Sportredakteur Sven Nordmann (Mitte) unterhält sich im Türmchen mit Daniyel Bulut (l.) und...

Was bedeutet aramäisch sein für Sie? Sind Sie gläubig?

Daniyel Cimen: Ich bin gläubig, gehe aber nicht immer in die Kirche. Das Gläubigsein ist eine private Sache. Ich bin so erzogen worden, ich kann viel Kraft daraus schöpfen.

Daniyel Bulut: Ich gehe schon jeden Sonntag in die Kirche. Deswegen bist du aber nicht automatisch ein Heiliger. Der Glaube kommt vom Herzen. Wenn du die in der Bibel angepriesene Liebe und Barmherzigkeit ernst nimmst und verinnerlichst, kann dir das wirklich helfen.

Was verbinden Sie jeweils mit Gießen?

Bulut: Ich bin hier in Gießen geboren. Jeder sagt immer, Gießen ist eine hässliche Stadt. Aber wer hier ist, will nicht mehr weg. Ich habe immer schon gesagt: Gießen ist eine der geilsten Städte Deutschlands. Du hast hier alles: Kurze Wege, Krankenhäuser, Cafés, alles Mögliche. Ich liebe diese Stadt.

Cimen: Nach kurzer Zeit fühle ich mich sehr wohl. Ich verbinde mit Gießen aramäisch. Mein Bruder hat eine Frau aus Wettenberg geheiratet. Man ist früher immer von der einen aramäischen Feier zur nächsten in Deutschland gefahren, unter anderem um zu tanzen. Und Gießen war eines der Zentren.

Daniyel macht als Trainer aus wenig viel

Daniyel Cimen

Sie sind Freunde, was schätzen Sie am jeweils anderen?

Cimen: Wir sind ähnliche Typen, die Chemie stimmt. Ich mag seine Bodenständigkeit. Als Trainer macht er aus wenig viel.

Bulut: Ich war bei seinem letzten Bundesligaspiel in Frankfurt als Zuschauer im Stadion. Daniyel ist bescheiden. Jemand anderes, der diese Mittel beim FC Gießen zur Verfügung hätte, würde vielleicht den Star machen. So ist er nicht. Das macht mir aber auch Sorge für das Spiel (beide lachen)

Eine weitere Gemeinsamkeit: Sie liebäugeln mit dem Profigeschäft als Trainer.

Bulut: Er ist ja schon Vollzeit-Profitrainer (beide lachen).

Cimen: Das will ich gar nicht leugnen. Ich konnte mein Hobby Fußball als Profispieler zum Beruf machen und danach als Trainer nahtlos weitermachen. Ich hätte mit 27 Jahren nach der Eintracht nochmal in die zweite türkische Liga wechseln können, habe mich aber für die Trainerscheine in Deutschland entschieden und bin dann so über kleine Umwege zur U19 der Eintracht gekommen.

Nach der Station RW Frankfurt sind Sie jetzt beim FC Gießen. Wie sehen Ihre mittelfristigen Ziele aus?

Cimen: Ich würde gerne in ein, zwei Jahren meinen Fußballlehrer machen, wenn ich zugelassen werde. Der ist ja Voraussetzung, um in erster oder zweiter Bundesliga zu arbeiten, mittlerweile sogar für viele Posten in den Nachwuchsleistungszentren.

Ich persönlich habe durch den Sport auch viel gelernt, wie ich mich zu verhalten habe

Daniyel Bulut

Wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Bulut?

Bulut: Man sollte niemals nie sagen. Ich sollte nach meiner elfjährigen Jugendtrainerzeit in Wieseck die erste Mannschaft übernehmen, nachdem einiges mit dem damaligen Trainer Ottmar Wagner nicht ganz sauber ablief. Da sagte ich: Das mache ich aus Loyalität ihm gegenüber nicht. Dann wurde Wagner das Angebot vom FSV Fernwald gemacht, er lehnte ab und schlug mich vor. So kam ich wie die Jungfrau zum Kind zum Hessenligajob. Ich glaube schon an Schicksal, wenn sich etwas ergibt, ist es so.

Warum sind Sie gerne Fußballtrainer?

Cimen: Fußball hat mich immer begleitet, ich kann mir aktuell nichts anderes vorstellen.

Bulut: Ich wurde als 17-Jähriger in Wieseck gefragt: Willst du nicht mal deinen Bruder trainieren? So wie das früher halt war...aus dem Aushelfen sind jetzt 20 Jahre geworden. Das Interessante ist, zu sehen, wie sich Kinder entwickeln. Erdinc Solak stand als Sechsjähriger vor mir und jetzt ist er Familienvater. Johannes Hofmann, was ein kleiner Junge und jetzt ist er ein richtiger Mann geworden. Die Psychologie des Menschen ist interessant, die verschiedenen Spielertypen.

Das gibt’s aber in vielen Sportarten.

Bulut: Im Tennis hast du höchstens zwei Spieler, im Volleyball fünf, im Handball sieben. Nirgends ist diese Gruppendynamik so groß wie im Fußball mit elf Spielern. Ich persönlich habe durch den Sport auch viel gelernt, wie ich mich zu verhalten habe. Die Vereine in diesem Land sind sehr wichtig. Für das Soziale, die Integration, die Kinder von der Straße zu holen. Und letztlich muss ein Trainer Werte vermitteln und gleichzeitig ein Team formen. Daniyel hat es zum Beispiel jetzt beim FC Gießen geschafft, eine funktionierende Mannschaft zusammenzustellen. Das ist nicht immer so einfach, wie man denkt. In der Regionalliga hat der Teamgeist nicht gestimmt, im letzten Jahr klappte der Aufstieg nicht. Daniyel hat jetzt sehr auf die menschliche Ebene geachtet.

Cimen: Du musst ehrlich und authentisch sein. Die Mannschaft erkennt, wann ein Trainer schauspielert und wann nicht. Und du musst den Glauben an den Erfolg vermitteln. Über den Teamgedanken ist sehr viel möglich, das hat ja auch die WM gezeigt.

Was gibt es denn Geileres, als in der höchsten Amateurklasse nach Kassel ins Stadion zu fahren?

Daniyel Cimen

Außenstehende könnten sich beim starken Kader des FC Gießen fragen: Was ist die große Schwierigkeit für Daniyel Cimen?

Cimen: Du hast 20 Feldspieler, die alle die Ambition haben, in der ersten Elf zu stehen. Bei RW Frankfurt hatte ich meine erste Elf und die anderen haben das akzeptiert. Hier habe ich noch neun Spieler, die bei vielen anderen Hessenligisten in der Stammelf spielen würden. Aber ich rede von meinem Naturell her gerne mit den Spielern.

Es gibt schlimmere Schwierigkeiten, oder?

Bulut: Die hätte jeder Trainer gerne. Aber ich finde es super, dass wir mit Gießen, Kassel und Fulda drei Mannschaften haben, die die diese Hessenliga pushen. Ich kann mich erinnern, dass zu meiner Fernwälder Zeit niemand aufsteigen wollte und selbst der Vierte plötzlich geschwitzt hat: Oh shit, jetzt müssen wir uns dazu äußern, warum wir nicht aufsteigen wollen. Jetzt bringen mindestens drei Teams die Qualität mit, dazu Alzenau und Baunatal. Ich wünsche dem FC Gießen jedenfalls den langfristigen Erfolg.

Cimen: Was gibt es denn Geileres, als in der höchsten Amateurklasse nach Kassel ins Stadion zu fahren?

Bulut: In dieser Hessenliga ist es Fakt, dass es die stärkste seit vielen, vielen Jahren ist.

Was spricht für den FC Gießen?

Bulut: Der Kader ist sehr gut, Daniyel ist bodenständig. Mit Michael Fink hat er einen, dem er blind vertrauen kann. Und ich glaube, die Vereinsführung ist ruhiger geworden. Wobei das ja auch verrückt ist: Jörg Fischer investiert so viel in dieses Projekt und muss sich dann von manchen noch Verunglimpfungen anhören. Als Gießener sage ich: Dieses Projekt verdient Unterstützung, auch wegen der Jugend. Und ich glaube, ohne Fischer hätte es im Waldstadion in 100 Jahren noch keine neuen Sitzschalen gegeben. Gießen ist eine Fußballstadt, das tut allen gut.

Cimen: Als Nicht-Gießener muss ich sagen. Es wird wirklich viel über Fußball gesprochen. Ich habe das Gefühl, dass sich viele wünschen, sagen zu können: Okay, wir gehen am Samstag mal wieder ins Waldstadion.

Abschließend: Was erwarten Sie für ein Derby zwischen Gießen und Waldgirmes?

Bulut: David gegen Goliath (beide lachen)

Welche Rolle wird die Hitze spielen?

Cimen: Sie wird ein großer Faktor sein. Wir werden an die Seitenlinien viele Eimer stellen. Trinkpausen werden sehr wichtig sein.

Bulut: Ich hoffe, dass es jede fünf Minuten eine Trinkpause gibt, dann kommt kein Spielrhythmus zustande. Da muss ich mit dem Schiedsrichter mal reden (beide lachen).

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