14. April 2018, 15:55 Uhr

HSG Wetzlar

Geburtsstätte des Dutenhofener Erstliga-Handballs

Sie haben für den legendären Thekendienst gesorgt, stundenlang Schmalzbrote geschmiert und den Ordnungsdienst organisiert. Die Zeitzeugen in unserer Serie 20 Jahre Bundesliga.
14. April 2018, 15:55 Uhr
Über Jahre hinweg Kultstätte des grün-weißen Handballs: Die Sporthalle Dutenhofen – im DHB-Pokal sogar bis heute. (Foto: Friedrich)

HSG Wetzlar


Die Ursprünge des Dutenhofener Handball-Aufschwungs reichen bis in den Beginn der 80er-Jahre mit den DM-Titeln der A- und B-Jugend der Inderthal, Klimpke, Kraft und Co. zurück. Mit dem Zweitliga-Aufstieg 1985 und der ersten Erweiterung der Sporthalle in der Wingertenstraße nahm die Erfolgsstory Fahrt auf, zu der in nicht unerheblichen Maß auch die Leute am Spielfeldrand und hinter den Kulissen beigetragen haben, die Schmalzbrote schmierten, Getränke ausgaben und für eine unverwechselbare Logistik sorgten.

Horst Knorz , noch immer Vorsitzender des TSV Dutenhofen und der HSG D/M Wetzlar, blickt weit zurück. An die Zweitliga-Euphorie im Ort »mit den Inderthals, Ralf Kraft und den Klimpkes«, die 1997/98 schließlich im lang ersehnten Erstliga-Aufstieg mündete. Aus dieser Zeit stammt auch das Erlebnis, welches dem Vorzeige-Ehrenamtler bis heute am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben ist, trotz DHB-Pokal-Final-Four, trotz Erstliga-Aufstieg in Aue, trotz Kieler und Magdeburger Gastspielen in Dutenhofen. »Unsere Europapokalreise nach Cheljabinsk, mitten in den Ural, das war zu dieser Zeit etwas ganz Außergewöhnliches«. Als DHB-Vizepokalsieger hinter TBV Lemgo hatte man den internationalen Platz im Pokalsieger-Wettbewerb erhalten – als Zweitligist. »Wir hatten die schlimmsten Befürchtungen. Franz Büchler und Berthold Volk haben uns deshalb mit Essen, Trinken und vielem anderen ausgestattet, damit wir dort bestens versorgt sind«, blickt Knorz zurück, »aber unsere Ängste waren umsonst. Wir wurden am Flughafen von einer Kapelle empfangen, die russische Gastfreundschaft war enorm, wir hatten ein Rundum-Sorglos-Paket.«

Seit 20 Jahren, exakt seit dem Erstliga-Aufstieg, ist Horst Knorz, mittlerweile im Ruhestand, als Nachfolger von Dieter Gümbel TSV-Vorsitzender. Er hat die sportlichen und wirtschaftlichen Existenzkämpfe in Dutenhofen mit vielen langen Nächten durchgestanden, den Umzug in die Arena nach Wetzlar begleitet und hautnah die zunehmende Professionalisierung erlebt. »Der Umzug nach Wetzlar war eine Schnittstelle, da fielen schon viele Aufgaben weg, vom Catering bis zur Security«, blickt Knorz zurück, der Zeitaufwand für das eigene Engagement habe sich dadurch natürlich erheblich reduziert, »der Umzug der Geschäftsstelle gehörte zwingend dazu.« Mittlerweile ist der Vorsitzende überwiegend Zuschauer in der Rittal-Arena, im Klub leistet er aber weiter herzlich gerne Basisarbeit, in der zweiten Osterferienwoche z. B. beim Handball-Camp in Münchholzhausen.

Wenn man von den grün-weißen Zeitzeugen spricht, kommt man an der guten Seele des Klubs nicht vorbei. Ruth Klimpke , geborene Agel, einst selbst Handballerin aus Leidenschaft und Ehefrau von TSV-Urgestein Wolfgang »Wolle« Klimpke, ist seit zwei Jahrzehnten das Gesicht der Geschäftsstelle. Erst in der Postfiliale im Ort, mittlerweile schon über Jahre hinweg im Zentrum von Wetzlar. Mit zwei ganz persönlichen Ereignissen verbindet Ruth Klimpke ihre Anfänge als Mitarbeiterin. Im Aufstiegsjahr 1997/98 saß sie beim Triumph in Aue hochschwanger mit Sohn Till auf der Tribüne, im Jahr 2001 beim DHB-Pokal-Finalfour in Hamburg war sie mit Sohn Ole schwanger. Wegen der Kinder arbeitete Ruth Klimpke zunächst Teilzeit (»Da habe ich die Kinder manchmal aber mit ins Büro nehmen können«), später zwei bis drei volle Tage in der Woche und seit dem Abschied von Marco Seeman 2013 ganztags auf der HSG-Geschäftsstelle.

»Mädchen für alles« ist Ruth Klimpke durch die personelle Aufstockung der letzten Jahre nun nicht mehr, »aber dennoch kann jeder mit seinem Anliegen zu mir kommen«. Selbstverständlich hilft sie den Spielern (»Ich habe immer einen guten Draht zu ihnen«) weiter bei Behördengängen, Wohnungsproblemen und Kontoangelegenheiten. »Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht«, schwärmt die Zweifach-Mutter von ihrer Tätigkeit, »auch wenn ich morgens am Telefon mal was abbekomme, wenn die Mannschaft verloren hat. Als ob ich mitgespielt hätte.« Aus dem einstigen Eineinhalb-Personen-Team (Dotzauer/Klimpke) sind mittlerweile vier Festangestellte auf der Geschäftsstelle geworden – aber auch die Aufgabenbereiche im medialen Zeitalter nehmen zu.

Untrennbar mit dem Aufstieg des TSV Dutenhofen zur HSG Wetzlar und in den deutschen Handball ist der Name Hans-Joachim Weber verbunden. »Lumbo«, heute 55 Jahre jung und noch immer Dauergast bei den Erstliga-Heimspielen in der Arena, hat seit seinem 15. Lebensjahr mitgeholfen, das der Spielbetrieb am Laufen blieb. Von 1985 an hat der gelernte Maurer den Ordnungs- und Thekendienst in der Dutenhofener Spielstätte (mit)organisiert, hat dafür gesorgt, dass vor allem die brisanten Heimduelle in Ruhe ablaufen und die Thekenteile nach Spielschluss so schnell es ging aufgebaut werden konnten. »15 Personen umfasste unser Ordnerteam«, blickt Weber zurück, »jeder wusste, wo er zu stehen und was er zu tun hatte. Wir waren ein eingespieltes Team.« Die Einteilung und die Absprachen erfolgten zwei Stunden vor jedem Spiel, der Tätigkeitsbereich erstreckte sich von der Karten- und Einlasskontrolle bis zum Zurückdrängen der stehenden Zuschauer an der Seitenlinie. In den Anfangsjahren, erinnert sich Weber, »war der Getränkeverkauf noch gegenüber der Halle in der ›Hasenkiste‹, dann erfolgten der erste und zweite Anbau, da wurde dann nach Spielen schon mal bis halb vier in der Halle gefeiert.«

25 Jahre hat »Lumbo« Weber das mit seinem Team gemacht, und noch immer sagt der Ur-Grünweiße, dass er »nicht eine Minute davon missen möchte. Denn: Schön war die Zeit.«

Für die Kultstatus erlangten Schmalz- und Hackbrote in der engen Dutenhofener Sporthalle waren vor allem Margit Agel und Christel Weber verantwortlich. Fünf TSV-/HSG-Frauen übernahmen aus Verbundenheit mit dem Klub den Einkaufs- und Thekendienst. »Zwei von uns haben immer kräftig geschmiert«, sagt Christel Weber, »wir haben uns auf einem Bauernhof in Münchholzhausen immer richtig große Laibe Vierpfünder backen lassen«, hat dem Quintett viel am leiblichen Wohl der Zuschauer gelegen. Zwei Stunden vor Spielbeginn ging es los, später kamen Käsestangen und Schlachtwurst dazu, vor der Partie und während der Halbzeit standen die Hungrigen Schlange, so dass nach Spielschluss schon fast alles weggeputzt war. »Wenn die Halle voll war, haben wir 1000 Euro gut gemacht«, ist Weber noch heute stolz auf die erzielten Einnahmen, die ja dem Verein zugute kamen. Und wenn die Dutenhofener Bundesliga-A-Jugend noch heute zu besonderen Spielen lädt, gibt es immer wieder mal die legendären Schmalzbrote. Nur nicht mehr geschmiert von Christel Weber, die als mittlerweile 78-Jährige längst an Jüngere übergeben hat.

Margit Agel und ihr Ehemann Gerd lebten in der Familie die keineswegs chauvinistische Aufteilung »Männer an die Theke, Frauen in die Küche«. Margit Agel gehörte zum von Christel Weber angesprochenen Küchenteam, das »anfangs sogar noch die Schiedsrichter bekochte«; Gerd Agel war einer der fleißigen Thekenhelfer, die auf- und abbauten und über Stunden hinweg für reichlich Nachschub sorgten. Die Versorgung in der »größten Kneipe Mittelhessens« war somit stets gesichert.

Als Zeitzeuge schlechthin gilt Uli Rinn , seit 38 Jahren Handball-Abteilungsleiter beim TSV Dutenhofen und zu Hochzeiten der »Mann für alle Fälle«, wenn es darum ging, kurzfristig etwas zu organisieren oder Probleme zu lösen. Anfangs, als sich Dutenhofen mit Lützellinden und Holzheim noch in der Regionalliga duellierte, gab es Getränke beim Spiel nur Gegenüber in Allendörfers Garage und Keller, später im Vorraum der Halle. 15 bis 20 Mann kümmerten sich um die legendäre Theke (»Jeder hat seine Aufgabe gehabt«), die zwei Minuten nach Spielschluss mitten in der Halle stand und auf der nur Sekunden später die ersten Kronkorken den durstigen Seelen zum Opfer fielen. »Die Theke haben wir von einem Schreiner auf Rollen bauen lassen, die hat den Bierverkauf in die Höhe schnellen lassen«, weiß Uli Rinn um die guten Umsätze, die an den Spielabenden gemacht wurden und mit deren Hilfe ein nicht unwesentlicher Teil des Spielbetriebs finanziert werden konnte. Ohne diese Theke gäbe es den Wetzlarer Bundesliga-Handball vielleicht gar nicht mehr. Leider ist sie später den Renovierungsarbeiten in der Dutenhofer Sporthalle zum Opfer gefallen, heute hätte man sie bestimmt bei Ebay versteigern oder bei Bares für Rares anbieten können.

»Den Fitnessraum haben wir schnell in einen Kühlraum verwandeln müssen«, klärt Rinn auf, »einmal gegen Hüttenberg zu Zeiten eines Piotr Przybecki haben wir 220 Kisten Licher am Abend verkauft. Das ist bis heute Rekord. Allerdings mussten wir zwischen durch in den Ort ausschwärmen und aus jedem Keller noch eine Kiste holen, da unser Vorrat von 170-180 Kisten früh aufgebraucht war.« Hochgerechnet wurden an diesem Abend ohne Wasser, Cola, Fanta oder Apfelwein 5288 (!) Flaschen Bier verkauft. Abschließende Kommentar von Uli Rinn: »Von da an hatten wir immer Angst, das es nicht reicht.«

 

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