06. März 2018, 18:05 Uhr

Bärbel Waßmut (76, Gießen, vielfältig aktiv) Heidrun Neidel (70, Leihgestern, Laufen/Gehen) Manfred Diehl (73, Ruppertsburg, Tischtennis) Günter Sikorski (69, Gießen, Basketball)

Es erhöht meine Lebensqualität So lerne ich die Welt kennen Aktiv im hohen Alter Mit den Jüngeren mithalten Sport ist gelebte Freundschaft

Alter Schwede! Mit rund 70 Jahren noch Wettkampfsport betreiben? Ungewöhnlich, aber keine Rarität. Wir stellen vier Sportler aus dem Kreis Gießen vor, die im fortgeschrittenen Alter eine Motviation für andere darstellen. Ihre eigenen Beweggründe? Gesund bleiben, Geselligkeit erfahren und sportlich das Ausland erkunden.
06. März 2018, 18:05 Uhr

Mit Anfang 70 spielte Bärbel Waßmuth noch in der Tennis-Hessenliga der Damen 50, mit 76 Jahren stand sie im September letzten Jahres noch auf dem Sandplatz. Im November folgte dann der Rat des Internisten, den Schläger an den Nagel zu hängen. Die vergrößerte Aortenwurzel drohe weiter zu wachsen und zu platzen – »gesagt zu bekommen, dass man kein Tennis mehr spielen soll, ist natürlich nicht schön. Aber die Vernunft siegt in meinem Alter schnell«, sagt Bärbel Waßmuth.

Nun geht die Gießenerin regelmäßig zum Zumba und sporadisch ins Fitnessstudio. »Und ich freue mich auf das Frühjahr. Dann mache ich wieder ausgiebige Radtouren. Ich war schon immer sehr für Sport zu haben. Jede Stunde durfte früher in der Schule ausfallen, nur der Sportunterricht nicht.« Erst Leichtathletik, ab den 80ern dann Tennis – und nun, im Sinne der Gesundheit, auch Ausdauersport. Der Verzicht auf die gelbe Filzkugel, der sie bis September 2017 nachjagte, fällt nicht leicht, denn: »Ich habe vor allem die Gemeinschaft gemocht.«

Nun müssen andere Sportarten herhalten – seit sechs Jahren besucht die 76-Jährige das Fitnessstudio. »Die Unterschiede habe ich absolut gemerkt. Man wird agiler. Dass man auch im Alter was machen sollte und sonst steif wird, ist ja bekannt.« Auf die Frage nach der sportlichen Aktivtität von Gleichaltrigen antwortet Waßmuth: »Meine Umgebung sagt immer, mit mir könne man keinen vergleichen.« Eine derartige Offenheit ist bei 76-Jährigen in der Tat selten. »Sport erhöht meine Lebensqualität«, sagt Waßmuth – und ganz verzichten möchte sie auf die Vorteile des Tennis dann doch nicht. »Ich spiele zwar nicht mehr, aber beim Zusammensitzen danach bin ich immer noch gerne dabei. Dann komme ich eben mit dem Fahrrad nach Wißmar«, sagt sie – und lacht.

• Eine Sportart geht nicht mehr? Dann eben eine andere!

• Bewegung und Krafttraining erhöhen die Lebensqualität

• Spaß und Gemeinschaft beim Sport

Das Laufen half Heidrun Neidel, den Tod ihres Ehemanns vor zehn Jahren zu verarbeiten. »Ich sagte mir: Jetzt geht es weiter und jetzt läufst du dir alles ab. Im Wald die Natur zu erfahren und zu sehen, wie der Frühling, der Sommer und der Herbst kommen, das tut der Seele gut«, sagt die 70-Jährige, die von den Medaillen her die erfolgreichste Athletin der TSG Leihgestern ist.

Seit etlichen Jahren tourt Neidel wegen EM oder WM im Gehen durch die Welt. Der Sport half ihr auch in diesem Punkt, selbstständiger zu werden. »Ich musste irgendwann meinen ersten Flug alleine buchen und habe danach am Flughafen angerufen und gefragt, ob alles in Ordnung ist«, erzählt sie lachend. Mittlerweile managt sie Buchungen souverän, hat bereits Flüge nach Madrid (März) und Alicante (Mai) organisiert. »Auf diese Art und Weise lerne ich die Welt kennen.«

Martin Seipp, Abteilungsleiter Laufen und Walken der TSG Leihgestern, meint: »Heidrun ist für den Verein ein Vorbild.« Die 70-Jährige leitet eine Nordic-Walking-Gruppe, geht dreimal in der Woche ins Fitnessstudio und ist »eigentlich täglich auf den Füßen unterwegs«.

Worauf sie ihre körperliche Fitness zurückführt? »Auf kontinuierliche Bewegung und gesundes Essen.« Sie habe sich schon immer bewusst ernährt, »jedes Vierteljahr mal ein Rumpsteak, ansonsten esse ich kein Fleisch. Dafür ganz viel Gemüse und Obst – in meinem Gepäck habe ich immer Haferflocken dabei.«

Neidel schwört zudem auf das Dehnen und betont: »Man muss sich bewegen, auch wenn man mal Beschwerden hat. Dann muss man kurz über den Schmerz hinausgehen – mir tut das weh, mir tut dies weh – wenn man die Schulter gar nicht bewegt, wird’s immer weniger.«

• Beim Laufen in der Natur Erlebtes verarbeiten

• Sport als Antrieb für Auslandsreisen

• Gesundes Essen als Basis

Der Körper von Manfred Diehl hat schon einiges mitgemacht: Eine künstliche Hüfte, zwei Operationen an der Wirbelsäule, eine an der Schulter und eine am Knie. Trotzdem spielt der 73-Jährige noch regelmäßig Tischtennis, steht zweimal in der Woche an der Platte und fährt vor allem im Sommer seine 15-Kilometer-Touren mit dem Fahrrad. »Ich würde so weit gehen und sagen, dass Tischtennis mein Leben ist«, erklärt Diehl, der in den 80ern und 90ern der Spitzenspieler in Ruppertsburg war. »Heute spiele ich, weil ich immer noch Ehrgeiz und Spaß habe und somit mein Gewicht und den Kreislauf kontrolliere.« An den Spruch seines Arztes, so lange Sport zu treiben, wie es ihm möglich ist, hält sich Diehl also.

In der zweiten und dritten Mannschaft des VfB Ruppertsburg spielt der 73-Jährige in der Kreisklasse und trifft dabei auch auf 16-Jährige. »Bislang habe ich noch nie gemerkt, dass jemand Hemmungen hat, gegen mich anzutreten.« Da Diehl mit altem Material spielt, ist seine Spielweise für junge Gegner ungewöhnlich. »Das müssen sie lernen.« Spätestens beim anschließenden Austausch findet man aber wieder zusammen. »Der gesellige Teil nach dem Sportlichen ist für mich ein entscheidender Faktor«, sagt Diehl. Früher sei das mit anschließenden Kneipenbesuchen zwar noch ausgeprägter gewesen, aber auch heute gilt: »Egal welche Mannschaft zu uns nach Ruppertsburg kommt, sie sind unsere Gäste – Getränke und ein Würstchen gibt’s umsonst.«

Im Juni nach Las Vegas

Ziele hat Diehl auch noch: Im Juni findet in Las Vegas die Senioren-WM statt. »Seit 1994 habe ich daran zu 80 Prozent teilgenomen. Das Reizvolle ist nicht, unter den 5000 Teilnehmern vorne dabei zu sein, sondern Leute aus aller Welt wiederzusehen, die man von den Jahren zuvor schon kennt. Zum Beispiel freue ich mich auf einen Bekannten aus Indien. Außerdem möchte ich noch möglichst viel von der Welt sehen.«

• Gewicht und Kreislauf kontrollieren

• Geselligkeit genießen

• Ausländische Freunde treffen

Als 69-Jährige spielt Günter Sikorski in der Kreisklasse noch regelmäßig gegen 20-Jährige. Der Spaß am Spielen und die gelebte Freundschaft haben Sikorski auf dem Court gehalten. Alte Kumpels zusammen auf dem Platz – das hat im Basketball Tradition. »Es gibt eine große Basketball-Familie, das ist typisch für Gießen. Die Verbindung ist unheimlich stark und das motiviert« – zum Weiterspielen. Die gelebte Freundschaft am Korb sei ein ganz entscheidender Punkt dafür, dass Sikorski kurz vor der 70 noch regelmäßig Sport treibt. »Man muss dranbleiben«, sagt der Gießener, der gerne Ski fährt, wandern geht und einmal im Jahr mit den Basketballern eine viertägige Fahrradtour unternimmt, bei der täglich rund 100 Kilometer zurückgelegt werden. »Wenn du einmal aufgehört hast, fällt der Wiedereinstieg schwer.«

Ski, Wandern und Rad fahren

Man müsse akzeptieren, dass manche Bewegungen im fortgeschrittenen Alter eben nicht mehr möglich seien. »Für manche ist das schwierig, sie hören dann auf. Da verändert sich einiges, die Motorik wird schlechter, die Regeneration dauert länger. Aber vieles geht eben trotzdem noch. Und es macht weiterhin Spaß.«

Freude machen dem 69-Jährigen auch immer wieder die Ausflüge zu internationalen Wettkämpfen mit den Altersklasse-Teams: Italien, Serbien, Griechenland, USA, Brasilien – begeistert spricht Sikorski von Turnieren mit »Riesenstimmung und 5000 Teilnehmern«. Zum Nachdenken brachten ihn Begegnungen in Litauen. »Die Menschen, die in Deutschland jammern, können sich ja mal Frauen ohne Rente in Litauen ansehen, die unter der Brücke Brombeeren verkaufen. Man sieht, wie Menschen in anderen Ländern das Leben meistern.«

• Gelebte Freundschaft dank Basketball

• Freude am Spiel auch im hohen Alter

• Neue Begegnungen dank internationaler Wettkämpfe

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