09. Juni 2018, 05:45 Uhr

Abstieg

Emotional, aber auch richtig brutal

Der TV 05/07 Hüttenberg konnte nach seinem einzigartigen Durchmarsch die erste Liga diese nicht halten und kehrt nach einer ereignisreichen Saison zurück in die 2. Handball-Bundesliga.
09. Juni 2018, 05:45 Uhr
Auf Wiedersehehen 1. Liga! Die Hüttenberger mit u. a. Tomas Sklenak (5) und Moritz Zörb (15) verabschieden sich nach der Niederlage in Berlin aus dem Oberhaus zurück in die 2. Liga. (Foto: Eibner)

TV 05/07 Hüttenberg


Natürlich war durch die Reduzierung auf nur noch zwei Absteiger die Chance auf den Ligaerhalt schlagartig gestiegen, wie Aufstiegstrainer Aðalsteinn Eyjólfsson vor Rundenbeginn süffisant bemerkt hatte. Mit dem Hüttenberger Rekordetat (!?) von 1,2 Millionen Euro waren die TVH-Handballer gemeinsam mit Mitaufsteiger Eulen Ludwigshafen allerdings weit abgeschlagenes Finanz-Schlusslicht in der stärksten Handball-Liga der Welt, in der sich die »Kirmestruppe« mit nur vier Vollprofis natürlich erst einmal akklimatisieren musste.

Doch schon am vierten Spieltag gelang überraschend der erste Punktgewinn beim Nachbarn HSG Wetzlar, dem man im nächsten Auswärtsspiel in Erlangen und direkt danach auch mit dem ersten Heimpunkt gegen FrischAuf Göppingen weitere Zähler folgen ließ. Der erste Heimsieg gegen die Eulen Ludwigshafen brachte nach dem neunten Spieltag das positive Zwischenfazit von 5:13 Punkten. Der TVH schien in der Liga angekommen, doch da ereilte ihn der erste herbe Rückschlag: Aðalsteinn Eyjólfsson verließ die Blau-Weiß-Roten nach der knappen 30:31-Niederlage beim TBV Lemgo, um direkt zum Ligakonkurrenten nach Erlangen zu wechseln. Zwar wurde mit dem Erstligaerfahrenen Emir Kurtagic schnell Ersatz gefunden. Dennoch gingen die nächsten wichtigen Spiele gegen Stuttgart und in Gummersbach verloren. Die Veränderung hatte, völlig normal in solch einer Situation, zur Verunsicherung geführt. Mannschaft und Trainer mussten sich neu kennenlernen, Gewohntes musste wieder zur Gewohnheit, gegenseitiges Vertrauen musste aufgebaut werden.

Ohne sowohl Kurtagic und der Mannschaft einen Vorwurf zu machen, hat diese plötzlich neue Lage vielleicht die zum Ligaverbleib am Ende fehlenden Punkte gekostet. Nach fünf Niederlagen gelang dann aber Anfang Dezember gegen Mitauf- und nun auch -absteiger TuS N-Lübbecke der erste Sieg mit dem neuen Mann auf der Bank. Die EM-Pause brachte dann allerdings den nächsten personellen Nackenschlag. Sommer-Neuzugang Vladan Lipovina, bis dato schon 79-facher Torschütze, fiel erkrankt bis zum Saisonende genauso aus wie die polnische Leihgabe Szymon Sicko verletzungsbedingt. Da sich auch noch Tim Stefan verletzte, fehlte dem TVH auf einen Schlag nicht nur eine komplette Rückraumreihe sondern auch die dringend benötigten Shooter für die einfachen Tore.

Und das, obwohl speziell Lipovina und Sicko, der allerdings auch die meiste Zeit verletzt war, schon unter Eyjólfsson zu wenig ins Spiel integriert worden waren, um hier noch effektiver zu sein. Am bittersten war allerdings der Zeitpunkt der Ausfälle, da sich gerade, als das Ausmaß absehbar war, das Transferfenster geschlossen hatte. Wäre die Zeitschiene eine andere gewesen, hätten die Verantwortlichen um TVH-Manager Lothar Weber vielleicht doch noch einmal ihre Planungen überdacht. Weber hatte nach dem Kiel-Spiel, dem ersten nach der Pause, Nachverpflichtungen eine Absage erteilt. »Jetzt noch einen Schnellschuss für die aktuelle Saison wird es nicht geben. Wir sehen niemanden, der uns weiterhelfen könnte.«

Die Handballer aus Hochelheim und Hörnsheim lebten ihren Traum trotzdem weiter und erkämpften sich so viele Sympathien, die sich aber nicht immer in Punkten niederschlugen. Sieben Niederlagen mit maximal drei Toren Differenz bei sieben Unent-schieden sind auch eine Summe aus fehlender Qualität und Erfahrung. Was normal ist für einen finanziell nicht auf Rosen gebetteten Sensations-Aufsteiger. Zudem aber auch dem Kräfteschwund geschuldet, der bei den Dauerbernnern wie der Rückraumreihe Dominik Mappes, Tomáš Sklenák und Ragnar Jóhannsson sowie Rechtsaußen Daniel Wernig unvermeidbar war. Zwar behalf sich Kurtagic mit den U 23-Spielern Tim Lauer und Johannes Klein, dem speziell in der Deckung der Sprung aus der Oberliga gelang. Warum aber hier die eigentlich im Kader stehenden Jan Wörner und Jonas Müller oder auch Routinier Sebastian Roth keine Chance bekamen, zumindest für kurzzeitige Entlastung zu sorgen, bleibt ungeklärt.

»Einsatzzeiten muss man sich bei mir täglich erarbeiten«, lautete die Antwort von Kurtagic. Dennoch brachten im März drei Unentschieden in Serie in Lübbecke, gegen Wetzlar und in Stuttgart die Hüttenberger wieder dicke ins Rennen um den Klassenerhalt. Und mit einem Sensationssieg in Melsungen setzte man sechs Spieltage vor Saisonende ein Ausrufezeichen. Durch die bitteren Niederlagen gegen Erlangen und in Ludwigshafen sowie nur einen Punkt gegen Lemgo verpuffte dieses Momentum aber genauso schnell, sodass am vorletzten Spieltag das vorentscheidende Heimspiel gegen den mitgefährdeten und angeschlagenen VfL Gummersbach mit 22:23 verloren wurde. Eine Niederlage, die sich letztlich als entscheidend herausstellte.

Blickt man auf die nackten Statistiken, so hätte man trotz der genannten Ausfälle mit dem viertschlechtesten Angriff die Liga halten können. Die schlechteste Defensive allerdings reichte letztendlich aber nicht zu mehr als dem letzten Tabellenplatz. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Neben den bereits genannten Schwierigkeiten stieß das Torhütergespann Matthias Ritschel/Fabian Schomburg in der ersten Liga an seine Grenzen und Fehler im Angriff »werden in dieser Liga sofort gnadenlos durch Tempogegenstöße bestraft« (Kurtagic). Aber auch der hohen individuellen Qualität der Gegner, gepaart mit körperlicher Überlegenheit und Passgeschwindigkeit, waren die größtenteils nur eineinhalb Jahre zuvor noch in der 3. Liga spielenden Hüttenberger nicht immer gewachsen.

Dennoch können Trainer und Mannschaft zu Recht Stolz sein. »Wir haben trotz Abstieg eine überragende Runde gespielt, wenn man bedenkt, was uns in der Runde alles weggebrochen ist«, hat auch die scheidende Identifikationsfigur Dominik Mappes erkannt. Und Emir Kurtagic ergänzt. »Ich kann den Jungs keinen Vorwurf machen. Sie haben alles gegeben und überragend gekämpft. Ich hoffe, dass sie Erfahrungen gesammelt haben, die ihnen für die Zukunft helfen.«

Für eine schwierige Zukunft nach den Abgängen von gleich neun Spielern, u. a. der Stammkräfte Matthias Ritschel und Dominik Mappes. Mit Torwart Nikolai Weber von Nachbar HSG Wetzlar und den Eigengewächsen Johannes Klein und Tim Lauer stehen bestens bekannte Neuzugänge fest. Zudem kommen mit dem 22-jährigen tschechi-schen Nationalspieler Dieudonne Mubenzem und dem gleichaltrigen ehemaligen Jugend- und Juniorennationalspieler Björn Zintel Ergänzungen für die Rückraumpositionen Mitte und Halbrechts. Da nun Gewissheit über die Ligazugehörigkeit des TVH in der kommenden Saison besteht, wird sicherlich auch bald noch die eine oder andere Personalie folgen, die zumindest auf der Königsposition im linken Rückraum auch sein muss. Zudem müssen durch den Abschied von Matthias Ritschel, Sebastian Roth, Jannik Hofmann und nicht zuletzt Dominik Mappes neue Hierarchien innerhalb der Mannschaft geschaffen werden.

Um aber auch im sportlichen Bereich den in dieser Saison ins Allstar-Team berufenen Dominik Mappes zu ersetzen, muss der TVH noch weitere Neuzugänge realisieren. Denn die 2. Liga wird kein Selbstläufer, dessen ist man sich beim TVH bewusst. Mit den Aufsteigern HSV Handball und TV Großwallstadt kehren große Namen zurück. Auch die Duelle gegen Mitabsteiger TuS N-Lübbecke, Rückkehrer TuS Ferndorf mit Jan Wörner, Jonas Müller und Jonas Faulenbach, Eintracht Hagen mit Tim Stefan und den HSC 2000 Coburg mit Jan Gorr, Sebastian Weber, Florian Billek und Konstantin Poltrum haben ihren Reiz.

Ein Riesenkompliment gebührt auch den handelnden Personen der Hüttenberger Handball-Marketing GmbH & Co. mit allen ihren ehrenamtlichen Helfern. Wie die Herkules-Aufgabe Handball-Bundesliga bewältigt wurde, beginnend von der anstrengenden Hallensuche im letzten Sommer über das Neuland Fernsehübertragung bei Sky mit allen logistischen Herausforderungen, ist nicht selbstverständlich. »Es ist überragend, was so ein kleines Dorf auf die Beine stellt«, wusste auch Dominik Mappes nach dem letzten Spieltag die Leistung hinter den Kulissen inklusive der Fans nur allzu gut einzuschätzen. Eine Verdoppelung des Zuschauerschnittes auf knapp 2100 Zuschauer war die Belohnung dafür, dass man die Herausforderung angenommen hat. »Der Standort Gießen ist sehr gut angenommen worden. Als Dank an die vielen Fans aus Gießen und Umgebung, die uns auch mit Dauerkarten unterstützt haben, werden wir in der kommenden Saison einige Top-Spiele wieder in der Osthalle austragen«, planen die TVH-Macher eine Symbiose zwischen der Hüttenberger Handball-Tradition und den neuen Errungenschaften der zurückliegenden Saison. Zumal die Abstimmung mit den Gießen 46ers hervorragend gelaufen ist.

Es besteht also die Hoffnung, dass auch in der 2. Liga das Sportzentrum Hüttenberg wieder öfter ausverkauft sein wird als noch im Aufstiegsjahr. Zwar kommen dann nicht mehr die namhaften Gegner aus Flensburg, Mannheim, Kiel oder Wetzlar. Engagierter, ehrlicher und stimmungsvoller Handball wird aber sicher weiterhin geboten.

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