29. Dezember 2018, 16:00 Uhr

Jahresabschluss-Interview

Die Erfolgstrainer an einem Tisch: Das große Interview mit Wandschneider, Freyer und Cimen

Sie sind die Gesichter des Erfolges der heimischen Top-Klubs: Kai Wandschneider, Ingo Freyer, Daniel Cimen. Zum Jahresabschluss setzten sich die Trainer zum großen Interview an einen Tisch.
29. Dezember 2018, 16:00 Uhr
Jahresabschluss-Interview mit den drei Trainern der Top-Vereine der Region (v. l.): Redakteur Wolfgang Gärtner, Kai Wandschneider (Trainer HSG Wetzlar), Ingo Freyer (Trainer Gießen 46ers), Daniyel Cimen (Trainer FC Gießen) und Sportchef Ralf Waldschmidt. (Foto: Friedrich)

Das ist selten. Ingo Freyer, Kai Wandschneider und Daniyel Cimen, »The Big Three« der regionalen Trainer-Gilde, an einem Tisch. Ein spannendes, ein interessantes, ein aufschlussreiches Drei-Stunden-Gespräch über den Profisport im Allgemeinen und die heimischen Topklubs Gießen 46ers, HSG Wetzlar und FC Gießen im Besonderen. Die Erkenntnis: Basketball, Handball und Fußball haben durchaus Schnittstellen. Die Themen:

  • Die Wechselwirkung zwischen Profisportler und Trainer
  • Das Selbstverständnis von Profisportlern
  • Den Energieaustausch zwischen Trainer und Mannschaft
  • Die Balance zwischen Spaß und Disziplin
  • Die Trainer und der Erfolg
  • Die Entwicklung des Profisports
  • Die Regeneration
  • Die Belastung der Trainer
  • Der Aufwand, Spielzüge und -systeme zu vermitteln und zu verinnerlichen
  • Die gegenseitigten Lerneffekte der verschiedenen Sportarten

 

Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über die Wechselwirkung zwischen Profisportler und Trainer

Daniyel Cimen, der Trainer FC Gießen, will trotz Erfolg nicht bequem werden. (Foto: Friedrich)
Daniyel Cimen, der Trainer FC Gießen, will trotz Erfolg nicht bequem werden. (Foto: Friedr...

Daniyel Cimen: Wenn du dir auf einem bestimmten Niveau Dinge angeeignet hast, können die schon ausschlaggebend sein. Das ist aber nicht alleine entscheidend. Zum großen Faktor ist heute Führung geworden. Der Fußball hat sich gewandelt. Früher gab es Typen, die fehlen heute. Der Fußball an sich ist schon etwas softer geworden, früher musstest du dich mehr durchsetzen. Heutzutage kommt die Komponente Berater dazu. Ich war letztens bei einem C-Jugend-Spiel der Eintracht. Da waren 200 Zuschauer, davon 100 Berater. Ich habe einen Neffen, der spielt bei Borussia Dortmund, der ist erst 17, kann aber schon im Jahr für 10 000 Euro bei Nike einkaufen gehen. Das ist Wahnsinn, mit was die Jungs heute konfrontiert werden. Du bekommst dann viele verwöhnte Spieler, nicht selbstständig, sondern hochsensibel. Damit musst du als Trainer umgehen. Du musst als Trainer zugleich Psychologe sein, um die Charaktere zu erkennen und eine funktionierende Mannschaft, die Erfolg hat, auf den Platz zu bringen.

Kai Wandschneider: Die sozialen Medien kommen dazu. Da hast du als Trainer keinen Einfluss.

Ingo Freyer: Das musst du neu lernen als Trainer. Wenn man selbst gespielt hat, weiß man in etwa, wie Spieler denken und ticken. Das hilft schon. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite wirst du anders wahrgenommen und respektiert. Wenn du was »out of the box« erklärst, wird dir eher geglaubt. Dann schauen die zu einem hoch. Das muss sich ein anderer erst alles erarbeiten. Das ist schwieriger. Im Fußball habe ich nicht das Gefühl, dass die Topspieler auch Trainer werden. Im Basketball ist das aber so.

Ich finde es nicht gut, wenn die Topjobs abgeschottet werden über Berater und Manager – jeder, der was draufhat, muss die Möglichkeit haben, einen Topjob zu bekommen

Kai Wandschneider

Wandschneider: Das ist ein Thema, das mich interessiert. Wir haben im Fußball geradezu eine Revolution gehabt nach der EM in Portugal vor 15 Jahren, wir haben mehr Wert auf die Nachwuchsarbeit gelegt. Der Fußball ermöglicht es, völlig unabhängig von der Herkunft, Trainern wie Thomas Tuchel, wie Ralf Rangnick, wie Jose Mourinho, in die absolute Spitze zu kommen. Im Handball ist das nahezu ein Ausschlusskriterium. Man hat nur dann eine Chance, einen Erstliga-Job zu bekommen, wenn du ein Erstliga-Handballer warst. Das liegt am Management, ehemalige Mitspieler zu Trainern zu machen. Ich z. B. hatte und habe nie ein Angebot eines Spitzenklubs. Im Fußball ist das positiv anders. Ich finde es nicht gut, wenn die Topjobs abgeschottet werden über Berater und Manager – jeder, der was draufhat, muss die Möglichkeit haben, einen Topjob zu bekommen. Einen Thomas Tuchel würde es im Handball nicht geben. Der Fußball ist die einzige professionelle Sportart auf diesem Niveau. Die Management-Ausbildung hinkt da im Handball weit hinterher. Arrigo Sacchi hat mal gesagt: »Man muss nicht Pferd gewesen sein, um ein guter Jockey sein zu können.« Im Basketball fällt mir auf, dass die Topklubs nicht von deutschen Trainern trainiert werden. Wir haben aber ganz hervorragende deutsche Trainer, die sind keinen Deut schlechter als die ausländischen.

Cimen: Seit der EM in Portugal hast du im Fußball den Mut gehabt, dem eigenen U 19-Trainer eine Chance zu geben.

Wandschneider: Das ist im Handball unmöglich.

Freyer: Wir haben im Basketball nicht die Revolution, dass sich die Topmannschaften trauen, das mit jungen Leuten zu probieren.

Cimen: Nagelsmann ist ein anderes gutes Beispiel.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über das Selbstverständnis von Profisportlern

Freyer: Ein Profi muss in seinem Tun, um überhaupt dahin zu kommen, technische Qualitäten haben, muss Talent haben, muss einen Körper haben, muss vorher gelernt haben, wie wichtig Training ist. Trotzdem kommt dann noch einmal ei n Riesenschritt. Dann spielt irgendwann das Talent eine immer geringere Rolle. Der Hauptpunkt wird der, das du die richtige Arbeitseinstellung hast. Da zählen nicht allein die zwei oder vier Stunden in der Halle, da zählt dein ganzes Leben dazu. Wann stehe ich auf? Wie esse ich? Wie gehe ich abends aus? Mal nicht auf eine Party. Da gibt es Spieler, die können das gut, andere werden es nie schaffen – bei allem Talent. Pünktlichkeit beim Training. Wie komme ich in die Halle, wenn ich verletzt bin? Was hat er an? Macht er seine Aufgaben alleine? Einfach Profi sein, sonst hast du keine Chance. Bei uns ist Party machen kein Thema, das ist lange aus den Köpfen. Die Hälfte trinkt keinen Alkohol.

Wille und Mentalität sind das A und O

Daniyel Cimen

Wandschneider: Im Handball entscheidet sich das mit 18, 19, 20 – da steht man vor einer großen Ungewissheit im Sport und im Beruf, deshalb ist das immer eine individuelle Entscheidung. Mein Herz muss brennen, um gegen alle Widerstände anzukämpfen und diese Ziele zu erreichen. Ma n kann einen Hund eben nicht zum Jagen tragen. Wir können begleiten, bereitstellen – letzten Endes entscheidet der eiserne Wille. Daran scheitern viele Talente.

Cimen: Wille und Mentalität sind das A und O. Ich habe schon viele Talente erlebt, die daran gescheitert sind. Um ein richtig guter Profi zu werden, muss man mit eiserner Disziplin sein Potenzial ausschöpfen. Denn man muss sich immer aufs Neue beweisen. Der Fußball ist extrem schnellle big, das Spiel von gestern ist schnell vergessen. Man muss sich als Profi Woche für Woche bestätigen, am besten noch steigern.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über den Energieaustausch von Trainer und Mannschaft

Kai Wandschneider von der HSG Wetzlar (l.) spricht offen über die Burnout-Problematik als Trainer. (Foto: Friedrich)
Kai Wandschneider von der HSG Wetzlar (l.) spricht offen über die Burnout-Problematik als ...

Wandschneider: Das Schlimmste, was einem als Trainer passieren kann, ist, wenn er feststellt, ich erreiche die Spieler nicht, oder man spürt Tendenzen, wo gegen dich gearbeitet wird. Aber auch davon muss man sich frei machen. Die Kommunikation muss immer aufrechterhalten bleiben. Es nutzt schon, wenn du ein, zwei erwachsene Spieler hast, die einen Arsch in der Hose haben, die genauso führen wie du als Trainer. Das sind bei mir ein Michael Müller, ein »Ebbe« Klesniks, ein Filip Mirkulovski, da herrscht immer höchstes Vertrauen. Die erledigen viele Dinge, wo du als Trainer nicht dabei sein kannst. Ich höre ja nicht den Physio aus, um zu erfahren, was der oder der gesagt hat. Das darf mich nicht interessieren. Aber ich muss spüren, wie die Stimmung ist. Da habe ich mit Jasmin Camdzic einen super Co-Trainer, dem das so ähnlich geht.

Freyer: Es gibt Kollegen in der Liga, die haben alle zwei Jahre einen neuen »Co«. Mein »Co« und ich sind wie ein altes Ehepaar. Das mit der Ener gie ist so: Du musst das auch komplett vorleben. Du musst der erste beim Training sein, du musst länger bleiben, du musst Small Talk suchen – du musst während des Spiels vorangehen, musst wissen, wann braucht die Mannschaft dich und wann nicht. Manchmal mache ich ein technisches Foul, weil ich ein Zeichen setzen will. Um dem Team beizustehen. Ich habe ganz oft schon in meiner Laufbahn ein technisches Foul direkt nach dem technischen Foul für meinen Spieler gemacht, nur um ihm zu zeigen: Hey, wir gehören zusammen!

Wandschneider: Gelb hole ich mir auch bewusst ab, um den Schiedsrichtern zu zeigen: Stopp, ihr überschreitet hier eine Grenze! Die nächste Stufe, zwei Minuten, geht aber nicht, weil ich damit ja der Mannschaft schade. Das mit der Symbiose sehe ich genauso, die Mannschaft trägt die Handschrift eines Trainers im doppelten Sinne. Der Tr ainer trägt die Mannschaft, die Mannschaft trägt den Trainer. Das ist eine Wechselwirkung. Du trainierst ja nicht passive Objekte, du inspirierst zur Selbstführung, zur Selbstverantwortung – umgekehrt führen die Spieler dich auch. Das ist ein permanenter Austausch. Was ist mit dir selber, mit Deiner eigenen Wahrnehmung, Deinen blinden Flecken, mit den Schatten Deiner Wahrnehmung, wer spiegelt dich? Bist du in der Lage, dich selber zu reflektieren – rational und emotional? Da ist bei mir zum Beispiel der Co-Trainer wichtig, der auch mal sagt: Kai, das sehe ich anders!

Die Mannschaft muss Spaß haben, du musst sie unter Druck setzen, sie muss hart trainieren – das sind alles unterschiedliche Ansätze für verschiedene Charaktere

Ingo Freyer

Freyer: Wenn Steve und ich zu zweit sind, kacken wir uns auch mal an. Das kannst du mit einem Neutralen nicht machen. Danach gehen wir raus und alles ist o kay. Man achtet schon darauf, was der Co-Trainer sagt. Auch meine Frau zu Hause sieht das aus ganz anderen Perspektiven. Das gibt mir manchmal ein Feedback, welches mich weiterbringt.

Wandschneider: Es geht viel um Motive: Freude, Macht oder Kohle. Da gibt es ganz unterschiedliche Spieler. Macht ist nur ein vorübergehendes Mittel, was aber legitimiert s ein muss, um Entscheidungen zu treffen. Ich empfinde aber grundsätzlich keine Freude daran, anderen Leuten Befehle zu geben.

Cimen: Man bekommt als Trainer schnell ein Gefühl für seine Mannschaft. Es ist wichtig, eine Balance zu finden zwischen totaler Fokussierung und dosiertem Druck. Gerade vo r bedeutsamen Partien ist eine Fokussierung wichtig, aber man darf sich davon auch nicht erdrücken lassen. Mit dem Erfolg läuft man Gefahr, zuweilen bequem zu werden. Andererseits erreicht man mit Freude und Spaß an seinem Tun ein noch höheres Leistungslevel, das lässt sich aber wohl auf jeden Beruf oder Sport der Welt transferieren. Wichtig ist eben eine steigende Eigenmotivation.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über die Balance zwischen Spaß und Disziplin

Freyer: Da sieht man, wie vielfältig der Beruf ist. Das rein Taktische ist auch wichtig, aber das andere ist genauso elementar. Die Mannschaft muss Spaß haben, du musst sie unter Druck setzen, sie muss hart trainieren – das sind ja alles unterschiedliche Ansätze für verschiedene Charaktere.

Wandschneider: Es ist permanentes Zwickmühlen-Management. Du musst Deinen Spielern eigentlich sagen, das sie unersetzlich sind. Einmalig, einzigartig. Gleichzeitig musst du dich von dem Spieler irgendwann trennen. Trotzdem meinst du das ehrlich in dem M oment, in dem du das sagst. Das ist ein Mobile – wenn du eine Figur berührst, verändert sich alles andere mit. Du musst immer aufmerksam sein, welchen Auftrag gibt dir die Mannschaft? Zu mir sind schon Spieler gekommen, die gesagt haben: Kai, du musst mehr sanktionieren! Die gehen mit sich selber manchmal strenger um als du. Wobei ich immer mit dazugehöre. Wenn du als Trainer diesen oder jenen Spieler kritisiert, du kritisierst dich immer mit. Du bist ein Teil der Mannschaft. Ich kann nicht sagen, die können das nicht. Damit sagst du, ich hab es nicht geschafft, denen das zu vermitteln.

Freyer: Man muss immer sehen, dass die Teamchemie stimmt. Ich bespreche viel mit dem Team zusa mmen, bin kein Freund von Strafen, sondern von Lösungen im Team. Ich möchte ein Wir-Gefühl schaffen.

Wandschneider: Der optimale Fall wäre, wenn sich eine Mannsch aft selbst organisiert.

Freyer: Da ist Hierarchie ganz wichtig. Du musst dein Team so stellen, das sich die Hierarchie der Mannschaft selbst entwickelt.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über Trainer und Erfolg

Wandschneider: Mich interessiert nicht, wie viele Titel wer hat. Meine Auszeichnungen sind die wertvollsten im Handball, zweimal als »Trainer des Jahres« gewählt worden zu sein. Es gibt die Trainer des Meisters und die Meistertrainer – das sind verschiedene Paar Schuhe. Ein Trainer benötigt einen unverwechselbaren Kern. Es gibt Trainer, wo die Titel nichts zu bedeuten haben.

Freyer: Welcher Trainer ist denn überhaupt erfolgreich? Ist das der Trainer, der als Aufsteiger mit Crailsheim in die Playoffs kommt oder mit Alba Berlin gegen Bayern München siegt und deutscher Meister wird. Oder aber der Münchner Coach, weil er in das Halbfinale der EuroLeague kommt? Wie kann man Erfolg bemessen?

Spieler wünschen sich Trainer, die authentisch sind, die Rückgrat haben. Spieler folgen Trainern, die sie auch mal vor Mächtigeren verteidigen

Kai Wandschneider

Wandschneider: Derjenige, der es schafft, aus sich und der Mannschaft das Optimum herauszuholen, ist erfolgreich. Bei allen S tolpersteinen, die einem in den Weg gelegt werden.

Freyer: Bei uns reden alle von den Playoffs. Ich muss dann immer erklären, es gibt zehn Klubs in der Liga, die die b esseren Möglichkeiten haben. Wenn wir in die Playoffs kommen, haben wir überperformed, aber dazu müssen gleichzeitig zwei, drei andere unterperformen. Ich kann ja noch so eine gute Arbeit machen, es müssen ja erst mal zwei, drei da sein, die schlechtere Arbeit machen.

Wandschneider: Die Leistung des Schwächeren ist nicht unbedingt die schwächere Leistung. Du hast einen permanenten Kampf um die Deutungshoheit, wie das einzuordnen ist. Wir haben totale Intransparenz in den Etats. Bei der HSG Wetzlar würde man sonst sehen, dass wir die erfolgreichste Bundesliga-Mannschaft der letzten sechs Jahre sind in Relation zum Etat. Was ich in Wetzlar festgestellt habe: Spieler wünschen sich Trainer, die authentisch sind, die Rückgrat haben. Spieler folgen Trainern, die sie auch mal vor Mächtigeren verteidigen. Das zahlt sich aus.

Freyer: Die Traineraufgabe ist es, den Spielern so ehrlich wie möglich ins Gesicht zu sagen, was du denkst. Es gibt keinen Spieler, der sagt, es stimmt nicht, sondern sie setzen sich damit auseinander. Am Ende der Saison kannst du in den Spiegel schauen und kannst auch damit leben, wenn du einen Spieler entlassen musst.

Wandschneider: Du brauchst eine gewisse Furchtlosigkeit und Unerschrockenheit. Man braucht eine Haltung. Ich habe mich hier anfangs – überspitzt gesagt – un ters Auto gelegt und geschaut, ob die Bremsleitung nicht angeschnitten ist. Ich hatte hier in Wetzlar extreme Anfeindungen.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über die Entwicklung des Profisports

Ingo Freyer (Trainer Gießen 46ers) erklärt seinen Standpunkt. (Foto: Friedrich)
Ingo Freyer (Trainer Gießen 46ers) erklärt seinen Standpunkt. (Foto: Friedrich)

Freyer: Rein physikalisch ist das, was Geschwindigkeit und Körperlichkeit anbelangt, irgendwann zu stoppen. Wir sind ja schon auf einem hohen Level. Ich glaube, wo noch unheimlich Potenzial vorhanden ist, ist die Arbeit mit Mentaltrainern. Das traut sich derzeit nur noch keiner im Basketball. Im Fußball gibt es das schon. Wir aber haben nicht genug Geld, um jemanden vollkommen reinzuholen. Auch die Spieler brauchen viel Zeit, um das anzunehmen. Alles andere ist schon ausgereizt. Jeder hat Kraft- und Athletiktrainer sowie Ärzte und Physios.

Wandschneider: Durch Regeländerungen gibt es im Handball immer wieder mal taktische Veränderungen. Die Zeitbeschränkung im Angriff ist aktuell ein Thema der Großen, weil wir Kleinen das Tempo verschleppen und den Rhythmus zerstören. Das ist unsere einzige Chance. Bei uns könnte man schon noch viel ausbauen, mehr Trainer, mehr Digitalisierung – überall mehr Support. Dem Mentaltraining kommt, da pflichte ich Ingo bei, immer größere Bedeutung zu. Hier haben wir aber noch den Makel, das man in Deutschland nicht zum Psychologen geht. Für den mentalen Bereich bin ich offen, aber dafür gibt es gar kein Geld im Handball.

Freyer: Der Mentaltrainer muss ein vollwertiges Mitglied der Mannschaft sein und 100 Prozent auf der Wellenlänge des Trainers liegen.

Das Problem ist die mentale Bereitschaft, nach drei, vier schweren Spielen Pausen zu schaffen für den Kopf/h3>

Ingo Freyer

Cimen: Wir haben insgesamt schon einen Highlevel erreicht. Das geht gar nicht mehr mit 14, 15 Akteuren, man muss mit einem weit breiteren Kader durch die Saison gehen und geschickt rotieren. Die Jungs wollen die Kugel am Fuß und nicht unter dem Arm haben. Deshalb arbeiten wir im konditionellen und athletischen Bereich so viel wie möglich mit dem Ball. Gegenseitig neue Reize zu setzen, jeden Tag, das ist eine Herausforderung. Der Trainer ist nicht nur Coach, sondern auch Psychologe und muss auch seine Fähigkeiten – wie vorhin ausführlich erörtert – in der Menschenführung haben.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über Regeneration

Wandschneider: Im Handball fehlen die Pausen, vor allem die für den Kopf. Wir haben in dieser Saison in der Bundesliga so viele Schwerverletzte wie noch nie in ihrer Geschichte. Das ist die Konsequenz des Ignorierens der Pausen durch die Entscheidungsträger. Es ist eine absolute Grenze erreicht. Eigentlich müsste man stärker differenzieren. Ein 35-Jähriger braucht mehr Zeit als ein 20-Jähriger. Wie war die Belastung im Spiel für den oder den? Dazu bleibt jedoch keine Zeit. Wir haben zudem eigenartige Pausen: Drei-Wochen-Löcher, ein Spiel, wieder drei Wochen nix, dann plötzlich drei Spiele in wenigen Tagen. Das ist ein Problem für die Teams, die nicht international Spielen. Wir haben im Training eine höchstmögliche Intensität. Ich mache es den Spielern im Training schwer, damit sie es im Spiel leichter haben. Das passiert in Absprache mit dem Athletiktrainer. Ich habe aber keinen Einfluss auf Spieler, die permanent bei den Nationalteams sind, wie unser Kristian Björnsen, der acht Spiele in zwölf Tagen über 60 Minuten macht. Wenn er ohne Verletzung zurückkommt, ist er aber für die nächsten Wochen körperlich und mental im Eimer. Dann hat er nach der Saison eine Pause von nur drei Wochen, in denen er auch noch die Liste mit Kraft- und Ausdauerplänen abarbeiten muss. Das geht gar nicht. Wir brauchen eine längere Pause. Ganz klar. Die Basketballer fangen später an und hören früher auf, weil sie die Löcher nicht haben. Wer im Abstiegs- oder Titelkampf steckt, schaltet in den Löchern ja auch mental nicht ab.

Freyer: Der Spielplan bei uns ist total locker. Mich nervt sogar, dass wir so wenig Spiele in so langer Zeit haben. Wir könnten die Saison noch enger machen. Das gilt natürlich für die internationalen Teams nicht. Deshalb können wir das gut mit der Regeneration regeln. Bei uns geht es eher um das Thema Trainingssteuerung für die Jungs, die auch bei den Rackelos zum Einsatz kommen. Das ist aber kein Problem. Das größere Problem ist die mentale Bereitschaft, nach drei, vier schweren Spielen Pausen zu schaffen für den Kopf.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über die Belastung der Trainer

Freyer: Ich musste erst lernen, mich selbst zu schützen. Du brauchst Rituale, wie du nach Spielen – ob gewonnen oder verloren - wieder runterkommst. Oder nach einer Zeit, wo du nix gemacht hast, wieder rein kommst. Da hat jeder andere Mechanismen. Du machst beruflich aber das, was dir Spaß macht, deswegen fällt es dir einfacher.

Wandschneider: Wir haben alle eine Burn-out-Problematik. Ich habe gelernt, mich zu schützen, auf Abstand zu gehen, etwas ganz anderes zu machen. Ich war auch nicht beim Länderspiel Deutschland gegen Israel in Wetzlar, das war völlig wertlos für mich als Trainer. Ich ziehe mir manchmal einfach eine DVD rein, wobei ich am nächsten Tag gar nicht mehr weiß, um was es ging.

Freyer: Man muss auch mal unterhalten werden, ohne tiefgründiger zu ein. Dann lese ich auch mal die »Gala«.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über den Aufwand, Spielzüge und - systeme zu vermitteln und zu verinnerlichen.

Cimen: Das hängt von der Wucht des Umbruchs zwischen den Spielzeiten ab und ob Leistungsträger geblieben sind oder nicht. Die spieltaktische Arbeit ist natürlich sehr intensiv, aber wenn sich einige Dinge bereits automatisiert haben und Spieler mit Verantwortung geblieben sind, fällt das natürlich leichter. Mann reflektiert ja auch als Trainer stark, ob man das eine oder andere System anpassen muss, zum Beispiel weil man jetzt in einer anderen Liga spielt. Da kommt einiges zusammen, das ist sehr komplex. In der Vorbereitung gilt es, die richtigen Schlüsse zu ziehen und optimalerweise den Prozess dahin zu entwickeln, dass beim ersten Spiel alles - was nie der Fall ist - passt.

Wandschneider: Die Anzahl der Systeme spielt keine Rolle. Es geht immer um die Handlungsschnelligkeit, optimale Entscheidungen zu treffen unter hohem Zeitdruck. Viele Dinge sind automatisiert. Ob aber der Linksaußen frei steht oder der Kreisläufer, du selbst oder der Rechtsaußen, das ist eine besondere Fähigkeit. Das können nicht so viele und macht so den Unterschied.

Jeder Spieler kann in dieser Philosophie spielen, du musst es ihm nur beibringen. Und wenn der das nicht kann, dann hole ich ihn nicht

Ingo Freyer

Freyer: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, der ausmacht, ob du ein guter oder ein sehr guter Spieler bist. Du spielst ja nicht 5 gegen 0, sondern da ist immer noch einer, auf den du reagieren musst. Aber nicht nur einer, sondern viele, viele mehr. Wenn der Gegenspieler irgendwas macht, mit dem du nicht rechnen kannst, musst du eine Entscheidung treffen. Wer gute und schnelle Entscheidungen trifft und gut lesen und gut antizipieren kann, der ist immer im Vorteil.

Wandschneider: Bei mir ist der Ball sofort dabei, im Trainingslager sofort Taktik im Spiel. Das ist so komplex und so vielschichtig. Und wenn du dann permanent neue Spieler hast, fängst du immer wieder bei null an. Meine Taktik richtet sich immer nach den Fähigkeiten der Spieler. Ich schaue mir das für jeden Spieler neu an und muss die Stärken der Spieler so klug kombinieren wie es irgendwie geht. Ich beschäftige mich mit Stärken, nicht mit Schwächen. Ich habe z. B. den Spielzug »Jugo 2«, womit ich im Vorjahr 50 Tore gemacht habe, nun habe ich aber zwei Spieler nicht mehr dabei und muss erkennen, dass »Jugo 2« nicht mehr geht. Also spiele ich ihn nicht mehr. Dann gehe ich eben in eine andere Richtung. Auch muss man sich innerhalb einer Saison weiterentwickeln.

Freyer: Ich hab meine eigene Philosophie, Basketball spielen zu lassen. Trotzdem machst du je nach Spieler immer wieder Anpassungen. Alle haben zu mir gesagt, John Bryant kann bei dir nicht spielen, weil ich immer sehr schnell spielen lasse. Aber jetzt haben alle gesehen, dass es doch geht. Jeder Spieler kann in dieser Philosophie spielen, du musst es ihm nur beibringen. Und wenn der das nicht kann, dann hole ich ihn nicht. In der Vorbereitung beschäftigen wir uns intensiv mit Automatismen und Spielsystemen. Du hast zwar Systeme, die auf bestimmte Spieler ausgelegt sind, aus denen können diese aber immer ausbrechen. Für jedes Spiel wenden wir aber nicht alle Systeme an, sondern ausgerichtet am Gegner. Ist der besser unter dem Korb, hat er Vorteile von der Dreierlinie – diese Sachen machst du eigentlich jedes Training. Immer wieder und wieder. Wir simulieren permanent Spielsituationen.

Wandschneider: Man muss versuchen, Nervensysteme zu verändern. Ich arbeite sehr komplex, wenn ich Spielabläufe automatisiere – Rückzug, Abwehr, Gegenstoß. Man muss das kombinieren und neue Anreize schaffen. Man muss seine Spieler dauernd in allen Bereichen fordern.

Freyer: Gute Spieler bleiben fokussiert, anderen brechen sofort aus, wenn ihnen etwas querkommt.

Wandschneider: Eine Mannschaft muss sich während einer Saison immer wieder neu erfinden. Man muss als Trainer auch strategisch denken, dass der Gegner Video schaut, meist die zwei, drei Spiele vorher. Deshalb wende ich manche Sachen in den Spielen davor gar nicht an, um sie dann gezielt zum Einsatz zu bringen. Das bringt oft ein Tor.

Freyer: Wir üben meist sechs bis acht Systeme für ein Spiel ein.

Wandschneider: Die Frage ist, wie viel Vorgaben gibst du als Trainer? Wenn du alles permanent vorgibst, verlieren die Spieler an Selbstständigkeit und können keine Entscheidungen mehr treffen. Das ist tödlich. Du unterscheidest unter Spielzug, da kommt ein bestimmter Spieler am Ende zum Wurf; oder Auslösehandlung mit kreativen Folgehandlungen – danach ist das Spiel völlig frei.

Ich habe mir fest vorgenommen, mit meiner Mannschaft mal ein komplettes Handball- oder Basketball-Training mitzumachen, auch um meinen Spielern zu verdeutlichen, was z. B. Körperlichkeit im Sport tatsächlich bedeutet

Daniyel Cimen

Freyer: Das ist beim Basketball auch so. Da geht der Trend hin. Ich lass das schon seit zehn Jahren so spielen, keine exakt vorgegebenen zehn Pässe. Wir müssen Verteidigung lesen lernen und dann schnell Entscheidungen treffen.

Freyer: Die Physis ist wichtig und auf diesem Niveau selbstverständlich. Aber das Mentale gewinnt immer mehr an Wert.

Wandschneider: Björn Borg war so ein Mental-Monster, der konnte sich in sich selbst versenken.


Wandschneider, Freyer und Cimen im Interview: Über gegenseitige Lerneffekte der Sportarten

Wandschneider: Da wir in meiner Zeit ja noch echten Sportunterricht hatten, hatten wir eigentlich auch Bezug zu allen Sportarten. Man kann sich permanent etwas abschauen, die komplexen Abläufe haben Profis ohnehin schnell drauf. Ivano Balic hat zum Beispiel ein paar Moves, die Beschleunigung aus dem Stand reingebracht. Alle Spiele sind schneller geworden, das alles bewegt sich in immer kleineren Räumen. Man muss vor der Ballannahme schon wissen, wo ich den Ball hinspiele. Das haben alle gemein. Beim Vorwegnehmen der Handlung des Gegners könnten wir uns im Handball etwas vom Basketball abschauen bezüglich der Steals und der Beinarbeit.

Cimen: In der Tat ergeben sich bei Standardsituationen Möglichkeiten, sich etwas vom Basketball oder auch American Football anzuschauen. Die Blocks etwa beim Basketball, die Strategien beim Handball gegen kompakt verteidigende Abwehrreihen. Im Handball und Basketball stehen die oft geordnet defensiv vor dem eigenen Korb oder Tor, da ist es interessant zu sehen, wie sie Lücken reißen. Auf den Fußball projiziert heißt das: Was mache ich, wenn ich im letzten Drittel bin? Ich habe mir fest vorgenommen, mit meiner Mannschaft mal ein komplettes Handball- oder Basketball-Training mitzumachen, auch um meinen Spielern zu verdeutlichen, was z. B. Körperlichkeit im Sport tatsächlich bedeutet.

Freyer: Die Sportarten an sich haben im ganz jungen Alter viel miteinander gemein. Einmal, wie Kinder Mannschaftssport lernen; einmal dieses räumliche Sehen. Wo laufe ich hin in den freien Raum? Das ist überall gleich. Auf unserem Niveau halte ich auch das Thema Führung für sehr bedeutsam. Wie ist die Ansprache des Trainers, wie gehen die Spieler damit um. Es ist interessant, wie andere Kollegen das angehen. Taktisch und technisch würde ich nicht sagen, dass ich mir was abgucken könnte.

Wir wollen ein schnelles, ein hartes Spiel – aber durch gute Aktionen

Kai Wandschneider

Cimen: Gewisse Dinge kann man sich bestimmt ansehen. Vor allem die Blocks bei Standards aus dem Basketball sind wichtig für uns. Beim Handball ist für uns interessant, wie man sich gegen extrem defensiv organisierte Teams verhalten kann. Wo sind die Lücken, in die man die Pässe spielen kann. Auch American Football bietet strategisch-taktisch viele interessante Varianten. Was sich bei den Fußballern verbessern muss, ist, das es nicht zu oft Spieler gibt, die, wenn sie mal härter angegangen werden, sich zwei Minuten auf dem Boden wälzen. Ich wünsche mir, das da nicht so viel gejammert wird. Wenn ich das mit Handball vergleiche, welche Härte da angenommen wird und wie selbstverständlich diese ist. Auch der Basketball hat eine enorme Körperlichkeit.

Freyer: Ich wünsche mir im Basketball auch so toughe Spieler wie im Handball. Es geht nicht um Foul. Es geht um Präsenz. Um den Körpereinsatz. Als Basketballer musst du mit den Händen sehen.Vor, hinter und neben dir.

Wandschneider: Entscheidend sind die unausgesprochenen Regeln. Zu meiner Zeit war Handball brutal. Wenn du von außen reingesprungen bist, war es normal, mit dem Ellbogen einen in den Solarplexus zu bekommen. Die Schlagwürfe über den Kopf, durch die man oft die Nase gebrochen bekam, waren Standard. Das hat sich total geändert. Mit Absicht die Verletzung des Gegners in Kauf nehmen, ist heutzutage komplett weg. Wir wollen ein schnelles, ein hartes Spiel – aber durch gute Aktionen.

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