21. Januar 2018, 22:16 Uhr

Kapitel Gisdol beendet

Der HSV beurlaubt Trainer Markus Gisdol nach der Pleite gegen den Tabellenletzten Köln. Der Neue soll sehr bald kommen. Als Favorit wird ein alter Bekannter gehandelt. Schafft er die Wende?
21. Januar 2018, 22:16 Uhr
Das war’s für Markus Gisdol beim Hamburger SV: Am Sonntag wurde der Fußballlehrer beim Bundesliga-Dino entlassen. (Foto: dpa)

Der beurlaubte Trainer Markus Gisdol war gerade mit feuchten Augen vom Parkplatz gefahren, da stand sein Nachfolger beim wankenden Hamburger SV schon fest. »Wir wissen bereits, wer Trainer wird«, sagte der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen am Sonntag. In den Tagen vor der Pleite gegen den Letzten Köln (0:2) hatte der Vorstand des Fußball-Bundesligisten »Plan B« vorbereitet und mit dem neuen Mann telefoniert. »Unser Ziel war bis zuletzt, den Trainer nicht zu wechseln«, stellte Bruchhagen aber klar.

Den Namen des Neuen wollte er nicht nennen, aber immer lauter wird getuschelt: Bernd Hollerbach wird’s. Nach Informationen der »Bild« ist dessen Verpflichtung bis Sommer 2019 perfekt. Der HSV wollte dies jedoch auf Anfrage nicht bestätigen. Vor der offiziellen Bekanntgabe will Bruchhagen noch Formalien klären. Der Gisdol-Nachfolger soll am Montag um 15 Uhr erstmals das HSV-Training leiten.

Hollerbach trainierte bis zum Sommer 2017 den Zweitliga-Absteiger Würzburger Kickers. Der 48 Jahre alte Franke verfügt über das HSV-Gen. Er war von 1996 bis 2004 beinharter Verteidiger bei den Hamburgern, durchlief später als Co-Trainer die Felix-Magath-Schule.

Bruchhagen betonte, der neue Trainer könne mit Sportchef Jens Todt auch über Transfers reden. Investor Klaus-Michael Kühne sei in den Trainerwechsel nicht involviert gewesen, aber »komplett informiert« worden. Das könnte heißen: Kühne öffnet wieder die Schatulle.

»Vorzeitige Trennungen von Trainern sind grundsätzlich nicht gewollt, aber wir glauben, dass neue Impulse zwingend notwendig sind, um das nach wie vor angestrebte Ziel Klassenerhalt zu erreichen«, erläuterte Bruchhagen. Es sei nicht Absicht, Gisdol in »irgendeiner Weise zu beschädigen«. In der Vorsaison war der Schwabe noch der gefeierte Retter.

Gezeichnet und ergriffen nahm Gisdol Abschied von seiner Mannschaft und seiner Arbeitsstätte der vergangenen 17 Monate. »Ich hätte gerne weitergemacht. Ich muss das akzeptieren«, meinte er, als er mit seinem SUV den Parkplatz am Volksparkstadion verließ. »Ich will erst mal heim.« Er habe sehr gern für den HSV, mit dem Team und mit den Menschen im Verein gearbeitet. »Es war eine sehr intensive Zeit«, sagte der Fußballlehrer. »Die Mannschaft kann es auch diese Saison wieder schaffen. Davon bin ich total überzeugt.« Seine Co-Trainer Frank Fröhling und Frank Kaspari mussten ebenfalls gehen.

Der Neue muss Schwerstarbeit verrichten. Die HSV-Offensivabteilung ist ein Totalausfall. 15 Tore erzielte das Team. Nur der Tabellenletzte Köln (14) hat weniger. Bobby Wood (1), Filip Kostic (2) und André Hahn (2) blieben die gesamte Saison blass. Nur das 18 Jahre alte Toptalent Jann-Fiete Arp (2), der zuletzt wegen Erkältung fehlte, ist ein Lichtblick.

Der Dauerkrisenclub HSV ist im Sturzflug Richtung 2. Liga. Das ist nicht Pech, sondern hausgemacht. 15 Punkte in 19 Spielen sind ein erschreckendes Zeugnis. So wenige Zähler hatte der Traditionsclub nicht mal im Relegationsjahr 2013/14 und in der Katastrophensaison 2016/17 nach 19 Spielen. Im Team war keine Handschrift zu erkennen.

Gisdol hatte zwar eine Spielidee, konnte sie bei dem wild und ziellos zusammengekauften Kader aber nie durchsetzen. Jeder der 15 Cheftrainer dieses Jahrtausends hatte sein System. Gisdol allein hat nicht Schuld an dem Schlamassel. Er hat früh gewarnt, Verstärkungen gefordert. Gekriegt hat er sie nicht. Sportchef Todt steht ebenso am Pranger. »Die Situation hat sich deutlich verschlimmert«, gestand er.

Die Verbindlichkeiten des Vereins haben mit 105,5 Millionen Euro einen Höchststand erreicht. Das abgelaufene Geschäftsjahr endete mit dem zweithöchsten Minus der Clubgeschichte von 13,4 Millionen Euro. Ein Gang in die 2. Liga mit deutlich geringeren Einnahmen aus TV-Topf, Ticketverkauf und Werbeeinnahmen würde die wirtschaftliche Misere nur noch vertiefen, wenn nicht sogar die Existenz bedrohen. »Unsere Mittel sind begrenzt«, bestätigte Todt. In den Jahren von Abstiegskampf und Niveauverfall seit 2013 wurden gut 120 Millionen Euro für zumeist falsche Transfers verbrannt. Sechs Trainer mit unterschiedlichen Spielideen mühten sich mehr schlecht als recht, vier Sportchefs bastelten ziellos am Mannschaftsgefüge. Zweimal Relegation war die Folge. Der Ex-Europacupsieger der Landesmeister verkam durch Misswirtschaft, Selbstüberschätzung, Dilettantismus, Indiskretionen und Eitelkeiten zum Dauerkrisenclub.

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