19. Januar 2018, 22:37 Uhr

Anstoß - der Sportkommentar

19. Januar 2018, 22:37 Uhr
GW

Der Spiegel deckt Skandale auf und leistet wichtige Aufklärungsarbeit. Damit das mal klar ist. Zum Beispiel Messi. Für den eiligen Leser fasse ich eine umfangreiche Enthüllungsstory zusammen: Während Leo trainiert, Fußball spielt und an der Playstation daddelt, jongliert seine Korona, vorneweg Papa Jorge, mit den Fantastillionen des Einmaligen genauso trickreich um die Steuer herum. – Ist ja der Hammer! Na ja, eher ein Hämmerle. Mehr Hund beißt Mann als Mann beißt Hund.

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Aber selbst der Spiegel glaubt noch an Märchen. »Ein Junge, der aus einfachen Verhältnissen stammt und an Wachstumsstörungen leidet, verlässt als 13-Jähriger seine südamerikanische Heimat, um in Europa gesund zu werden – und steigt zu einem der größten Fußballer der Geschichte auf.« Ohne Märchen liest sich das so: Vater Messi brachte den kleinen Sohn zum FC Barcelona, der eine Dauerkur mit Wachstumshormonen finanzierte, die Lionel Messi zwei, drei Zentimeter größer machten, was ihm den Weg zum besten und bestverdienenden Fußballer aller Zeiten ebnete. Nur im Märchen nennt man das nicht Doping. Und: »Um gesund zu werden«? Ist Fabian Hambüchen krank? Messi misst 1,70, Hambüchen 1,63.

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Dennoch ist und bleibt Messi ein Phänomen, keinen Fußballer sehe ich lieber als ihn. Wenn einer die Unsummen zu Recht verdient, dann er. Wenn der so großartige wie eitle Ronaldo sich vor dem Spiegel spreizt und ihn scheinbar rhetorisch fragt, wer der Beste ist, packt ihn die Wut ... immer dieses Schneewittchen!

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Die einen haben Messi, die anderen Ronaldo. Die Eintracht hat Alex Meier, der in hessischer Währung genauso viel wert ist. Er fühlt sich, soeben 35 geworden, wieder fit und »vom Fußball-Rentner weit entfernt«. Er sagt es, er will es glauben, ich kann es verstehen, weil Sportlerherzen nun mal so ticken. Aber ... nein, kein aber. Fossil, verschlissen, passt nicht mehr in den heutigen Fußball-Stil? Weg mit den elenden Gedanken! Ich will an Märchen glauben, wenigstens an das, in dem Alex Meier, den ich schon in seiner Frankfurter Anfangszeit, als ihn die meisten Fans noch gnadenlos auspfiffen, als einmalige, außergewöhnliche Erscheinung mit überragender Spielintelligenz und einem goldenen Fuß gepriesen hatte, zur Krönung und zum Abschluss seiner Karriere in der Schlussphase des Pokalfinales eingewechselt wird und das Siegtor gegen Manuel Neuer schießt, aber leider müsste das Fußball-Schicksal noch verschlungenere Wege gehen als ich mit diesem extrem verbauten Satzgefüge, um den darin enthaltenen Wunschtraum wahr werden lassen zu können.

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Leider geht es im Fußball selten zu wie im Märchen. Dafür aber oft wie im Affenzirkus. Diesen hätte Aubameyang in München nicht aufführen können, schreibt der Kicker und hat damit nicht nur recht, sondern auch einen Rassismusvorwurf an der Backe. Welch ein Affentheater! Warum setzt man »Affen« mit Diskriminierung Dunkelhäutiger gleich? Warum dann nicht auch mit Verunglimpfung stark Behaarter, extrem Langarmiger, O-Beiniger, Breitfüßiger oder von Menschen mit großen Nasenlöchern und ausgeprägten Überaugenwülsten?

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Ich bin nicht breitfüßig, aber wenn ich die Socken ausziehe, werde auch ich verunglimpft. Beziehungsweise ausgelacht. Auch und vor allem von der engsten Angehörigen. Wegen meines Senkspreizknickfußes mit ausgeprägtem Großzehenschiefstand. Ich finde das sehr ungerecht. Was kann denn ich dafür? Das heißt ... die Debatte um die Alterserkennung bei jugendlichen Flüchtlingen, die wegen der Strahlenbelastung umstritten ist, brachte mich auf die Spur des Übels, und die führt in die ferne Vergangenheit. Als Kind war ich fasziniert von dem Durchleuchtungs-Apparat im Schuhhaus Darré im Gießener Seltersweg. Ich schlich oft hinein, steckte meine Füße unten in den Apparat und sah sie von oben als gruseliges Knochengebilde (und schnorrte danach an der Kasse ein Lurchi- Heftchen). Ich tat dies so oft, dass meine entstellten Füße ganz sicher von dem Teufelsapparat kommen. Erspart den 30-jährigen Flüchtlingskindern mein Schicksal!

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Ich hoffe, Ihnen heute nicht allzu viele alternative Fakten aufgetischt zu haben. Beim Unwort des Jahres machen sich manche darüber lustig, dass es nicht ein Wort ist, sondern deren zwei. Lustig daran ist auch, dass mancher den Unterschied zwischen Worten und Wörtern nicht kennt. Daher freue ich mich über diejenigen Leser, die mir freundliche Worte geschrieben haben (wie Walter Müller, der in Hungen ebenfalls mit Lassie aufgewachsen ist und sich über die Montagsthemen »sehr amüsiert« hat) und sage allen nur ein Wort: Vielen Dank! (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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