Aufsichtsrat Martin Bender. ARCHIVOTO: VOGLER
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Aufsichtsrat Martin Bender. ARCHIVOTO: VOGLER

Handball-Interview

"Das W in Wetzlar steht für Wir"

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Turbulente Tage liegen hinter den Verantwortlichen der HSG Wetzlar. Die Ankündigung, den Vertrag von Trainer Kai Wandschneider über Juni 2021 hinaus nicht zu verlängern, hat für Wirbel gesorgt.

Im Exklusiv-Interview nehmen Aufsichtsrat Martin Bender und Geschäftsführer Björn Seipp ausführlich Stellung.

Haben Sie die teilweise ausufernden Reaktionen in den sozialen Medien auf die Ankündigung, mit Trainer Kai Wandschneider über 2021 nicht verlängern zu wollen, überrascht?

BENDER: Das war ja zu erwarten. Kai Wandschneider genießt eine hohe Popularität, da ist solch eine Entscheidung für Außenstehende schwer nachzuvollziehen. Überrascht hat mich die Art und Weise mit Beschimpfungen und Beleidigungen. Hier gibt es keine Grenzen mehr.

Bei allen Emotionen, die im Sport nun einmal dabei sind und mit denen man leben muss, bietet sich an dieser Stelle die Gelegenheit, das Thema etwas zu versachlichen. Was also steckt hinter den Verklausulierungen wie "strategischer Natur", "zukunftsorientiert" und "Neuausrichtung"?

SEIPP: Strategie ist, das Trainerteam langfristig so aufzustellen, dass zukünftig möglichst alle Belange rund um das Thema Sport eigenständig abgedeckt werden - allen voran vom Cheftrainer. Bei vielen Themenfeldern geht es derzeit ohne die Mithilfe der Geschäftsstelle kaum. Das bindet Ressourcen, die wir bei einem so kleinen Team im Office anderweitig brauchen. Der Handball entwickelt sich rasend. Vielleicht nicht so sehr auf, aber abseits des Spielfeldes: Digitalisierung, Videostudium, Scouting, Datenerhebung. Deshalb haben wir uns für eine Neuausrichtung in anderthalb Jahren entschieden. Wir haben ein klares Anforderungsprofil für den neuen Cheftrainer entwickelt und durch die neuen Aufgaben für Jasmin Camdzic und Filip Mirkulovski den Veränderungsprozess bereits eingeleitet.

BENDER: Es ist wichtig, die integrative Arbeit wieder mehr in den Fokus zu rücken. Von der B- und A-Jugend über die U 23 bis zur Bundesligamannschaft. Dazu gehört auch eine noch engere Kooperation mit dem TV Hüttenberg sowie eine wieder bessere Vernetzung innerhalb unseres Vereins, die zuletzt nicht optimal gewesen ist. Dazu gehört auch, dass Jasmin Camdzic gegenüber dem Club den Wunsch geäußert hat, nicht mehr nur Co-Trainer sein zu wollen. Er macht seit Jahren auch tolle Arbeit im Scouting und ist einer der wesentlichen Bestandteile des Systems Wandschneider.

Weshalb sind Aufsichtsrat und Geschäftsführung zu der Überzeugung gekommen, dass nach neun erfolgreichen Jahren Kai Wandschneider dafür nicht mehr der richtige Trainer sein soll?

BENDER: Kai Wandschneider ist ein super Trainer für die erste Mannschaft, ein Glücksfall. Das ist doch unbestritten. Aber nach so einer langen Zeit stellt man sich schon die Frage, was wollen wir, was müssen wir tun, um zukunftsfähig zu bleiben. Wir haben an dieser Stelle entschieden, dass wir diesen Prozess von uns heraus herbeiführen und nicht irgendwann in eine Drucksituation geraten wollen, in der wir eventuell vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Wir wollen das proaktiv machen und mit jemand anderem etwas aufbauen, das - wie bislang mit Kai - für die nächsten zehn Jahre Bestand hat.

SEIPP: Die Anforderungen steigen und wir haben nicht die wirtschaftlichen Mittel, um das Trainerteam dahingehend zu erweitern, dass wir für allen Notwendigkeiten Experten anheuern können. Es ist aber so, dass die Öffentlichkeit den Erfolg eines Vereins fast ausnahmslos über die Spiele und ihre Ergebnisse misst, das erleben wir ja gerade: Doch das ist nur die Spitze des Eisberges!

Das heißt?

SEIPP: Der allergrößte Teil dieses Eisberges, mit Namen "Tagesgeschäft", liegt unter Wasser, wird also nicht gesehen und wahrgenommen. Die tägliche Arbeit der Mitarbeiter bekommt kaum jemand mit. Deshalb kann die Öffentlichkeit die Komplexität der Arbeit sowie die Zusammenhänge innerhalb eines Profisportclubs auch kaum bewerten. Wir haben Kai unheimlich viel zu verdanken, aber sein Erfolg ist auch ein systemischer Erfolg, zu dem er und viele andere beigetragen haben und beitragen.

Wie muss man das verstehen. Ist die angesprochene Durchlässigkeit unter Kai Wandschneider nicht gegeben? Wenn ja, weshalb ist diese Thematik nicht regelmäßig auf die Tagesordnung zwischen Trainer und Klubführung gekommen?

SEIPP: So etwas kannst du nicht verordnen. Das musst du vom Selbstverständnis her leben. Du musst das selber wollen.

BENDER: Wir haben uns vielleicht zu stark auf die Bundesliga fokussiert.

Wurde da von der Chefetage zu wenig eingefordert? Ein Volker Mudrow hat zu Zeiten von Rainer Dotzauer diese Anforderung auch nicht mit Leben gefüllt und musste gehen.

SEIPP: "Wenn man unserem A-Jugend-Trainer dreimal sagen muss, er soll doch mal zu den Erstliga-Spielen in die Rittal-Arena, dann ist das dreimal zuviel. Genauso aber ist es umgekehrt. Wir haben da in vielen Bereichen zuviele Insellösungen gehabt und zum Teil gegen Windmühlen gekämpft. Das wollen wir nicht mehr. Du kannst nicht jeden Tag kontrollieren, ob die Trainer zum Beispiel in Bezug auf die Weiterentwicklung der Talente miteinander kommunizieren. Diesen Missstand haben wir in alle Richtungen mehrfach angesprochen. Leider oftmals ergebnislos.

Ist diese Neuausrichtung nur auf die HSG Wetzlar bezogen oder auch auf eine künftig engere Zusammenarbeit mit dem TV 05/07 Hüttenberg?

SEIPP: Die Verzahnung muss enger sein, die Talente müssen spüren, dass sie wichtig sind. Das muss unsere Aufgabe in unserer Situation bei unserem Etat sein.

BENDER: Ein künftiger Wetzlarer Trainer muss einen intensiven Austausch mit dem Hüttenberger Coach haben. Wir können die Entwicklung von Talenten für die Erst- und Zweitligateams nur gemeinsam, nicht allein bewerkstelligen. Um den Spitzenhandball hier am Leben zu halten, ist das eine Notwendigkeit.

Die Nachwuchsteams der U 23 und der U 19 spielen ab 1. Juli aber wieder unter der Hoheit der Stammvereine aus Dutenhofen und Münchholzhausen.

SEIPP: Trotzdem gehören wir alle zusammen und sind ein Verein. Da muss dem Jugendbereich die Bundesliga-Mannschaft genauso wichtig sein wie den Profis die Nähe zum Nachwuchs. Wir müssen wieder mehr dafür tun, dass die Verzahnung enger und die Identifikation größer wird.

Die Anhänger wollen die Entscheidung einfach nur verstehen.

SEIPP: Es geht um Weiterentwicklung in Bereichen, die nicht direkt etwas mit dem zu tun haben, was auf dem Spielfeld passiert. Es geht auch nicht darum, dass wir ergebnistechnisch erfolgreicher werden als unter Kai Wandschneider. Da hat er die Messlatte sehr hoch gehängt. Aber wir können und müssen in anderen Bereichen besser werden. Da gibt es viele Dinge, die man anstoßen kann und muss.

Tut das Kai Wandschneider nicht?

BENDER: Wir reden von anderthalb Jahren. Es ist im Geschäftsleben doch ganz normal, dass man sich rechtzeitig nach Führungskräften umschaut, wenn man Positionen neu besetzen will und muss. Um Klarheit zu schaffen, um ordentlich mit den Leuten umzugehen, haben wir das jetzt schon kund getan. Die Zeit mit Kai war und ist doch super, da gibt es keine Zweifel. Gemeinsam mit ihm haben wir die HSG so entwickelt wie sie heute ist. Dazu haben aber viele und nicht nur einer beigetragen. Jeder Sponsor, jeder Fan, jeder Mitarbeiter. Es geht um die Region und den Club. Und das muss immer so bleiben.

SEIPP: Mit dem allergrößten Respekt vor Kai, aber das W in HSG Wetzlar steht nicht für Wandschneider, wie man so oft liest: Es steht für Wir! Wir sind keine One-Man-Show.

Was muss sich Kai Wandschneider als sportliche Führungskraft aus ihrer Sicht vorhalten lassen? Bei aller Glorifizierung gab es ja wohl doch Reibungspunkte.

SEIPP: Es geht nicht um Vorwürfe oder Vorhaltungen. Wir haben diese Woche in die Handball-Welt unser Anforderungsprofil für den nächsten Cheftrainer transportiert. 15 Seiten. Wir haben darin viele Stärken von Kai aufgenommen, die wir möglichst nicht verlieren wollen, aber auch viele Neuerungen reingebracht, die künftig nötig sein werden. Wir wollen jemanden haben, der auch seinen Schreibtisch in der Geschäftsstelle hat, der auch zu uns passt, der entwicklungsfähig ist, aber auch Erfahrung mitbringt. Der Trainer muss mehr als ein Coach sein.

Die HSG Wetzlar in der Bundesliga zu halten, ist von der wirtschaftlichen Seite eine ebenso anspruchvolle Aufgabe wie im sportlichen Bereich. Spielen Etat-Ansätze eine Rolle bei der Wandschneider-Entscheidung? Gibt es finanzielle und geschäftliche Zwänge, die Einfluss auf diese genommen haben? Konkret: Es gibt das Gerücht, dass der ehemalige Profi Momir Ilic (u. a. HSV) über seinen Berater Sascha Bratic schon im vergangenen Herbst als Trainer bei der HSG Wetzlar ins Gespräch gebracht worden sein soll, da damit auch geschäftliche Beziehungen ihrerseits verbunden seien.

BENDER: Nein! Punkt.

Eine klare Aussage.

BENDER: Die Geschichte ist die: Sascha Bratic hat mich irgendwann angerufen und erzählt, dass sein Klient Momir Ilic in Serbien einen Steinbruch gekauft und jetzt Probleme habe. Daraufhin war ich mal da und ein Mitarbeiter von mir, wir haben uns das angeschaut und ihn beraten. Dadurch haben wir uns kennengelernt und wir telefonieren auch ab und zu. Sascha Bratic seinerseits hilft uns über seine Kanäle, Fachkräfte zu aquirieren. Da spielt der Handball aber eine komplett untergeordnete Rolle.

Das ist im Baugewerbe gang und gäbe. Oder?

BENDER: Das ist für unsere Unternehmen existenziell, zu sehen, wo kommen unsere Fachkräfte künftig her. Wir haben mittlerweile 30 Fachkräfte aus Bosnien, die hier in unserer Region wertschöpfend für uns tätig sind. Da haben wir natürlich diese Kanäle über den Handball und die dadurch entstandenen Kontakte angezapft. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne ein solches Netzwerk geht es nicht. Davon leben wir, davon lebt die HSG Wetzlar.

Was sagen Sie grundsätzlich zur Rolle und den Einflüssen der Spielerberater?

BENDER: Das sind alles keine völlig Abgedrehten, das sind ganz normale Dienstleister, die alle ihre Arbeit machen. Ich kenne keinen, der hier mit dem Helikopter landet.

Berater helfen, Spieler wie Jannik Kohlbacher oder Steffen Fäth zu überzeugen, nach Wetzlar zu gehen. Andererseits bringen sie umgekehrt auch Problemfälle wie Dennis Krause, Guillaume Joli oder Joao Ferraz unter.

SEIPP: In der heutigen Sportwelt gehören Berater zum System. Wer das nicht akzeptiert, hat keine Chance. Dass die was verkaufen wollen, liegt doch in der Natur der Sache.

BENDER: Zudem haben wir für uns seit langer Zeit eine Brandmauer eingebaut, die heißt Jasmin Camdzic! Da kommen Namen und Videos, doch je nachdem ob Jasmin den Daumen hebt oder senkt, geht es weiter oder nicht. Es gibt eine Brandwand Jasmin Camdzic, durch die muss man kommen. Sonst geht nichts.

Diese Aussagen werden viele Handball-Interessierte aufhorchen lassen, wenn die Klubführung sagt: Jasmin Camdzic ist die Brandmauer, der Name Kai Wandschneider aber nicht fällt.

SEIPP: Es wird ja immer wieder über die angebliche Notwendigkeit der Position Sportlicher Leiter gesprochen und geschrieben. Diesbezüglich haben wir uns klar auf die Fahnen geschrieben, dass diese nicht extern besetzt wird. Diese Position nimmt ja schon seit geraumer Zeit Jasmin Camdzic ein. Die Kette ist so: Die Berater wenden sich mit Vorschlägen an mich, Jasmin selektiert die dann vor und auch aus. Am Ende der Kette bekommt Kai die Kandidaten per Video vorgestellt und wenn er ja sagt, kommt es zum persönlichen Treffen und eventuell zur Verpflichtung. Das Netzwerk pflegen vorrangig Jasmin und ich.

Wie ist es um die wirtschaftliche Zukunft der HSG Wetzlar bestellt, wenn es nicht gelingt, über das Modell "17 und Wir" hinaus wieder einen Großsponsor im Bereich von 250 000 Euro jährlich zu gewinnen?

BENDER: "17 und Wir" ist genauso wichtig wie ein Hauptsponsor. Natürlich wäre für uns mal wieder - um den wirtschaftlichen Druck rauszunehmen - ein Hauptsponsor von Bedeutung. Vom Budget her sind wir eher wieder etwas rückwärts orientiert, weil sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten in der Region nicht gerade verbessert haben. Wir haben das für die nächste Saison bereits eingepreist und werden das auch danach tun müssen, wenn die Negativeinschläge weiter so kommen. Ein Beispiel: Wenn die Berufsgenossenschaft mehr oder weniger über Nacht 80 000 Euro für die Saison mehr haben möchte, ist das für uns ein echter Kraftakt. Für eine solche Summe geht das Sponsoring eines Co-Sponsors drauf. Geld, das wir eben nicht direkt ins Team investieren können.

Das einmal anvisierte 5-Millionen-Etatziel für die Konkurrenzfähigkeit ist also wieder zurückgestellt?

SEIPP: Ich sag mal so: Wenn wir unser aktuelles Budget in der Art halten können, ist das schon eine enorme Leistung. Wir müssen uns eher dahin orientieren, dass es auch weniger werden kann.

BENDER: Wenn man das hier seriös machen will, ist das nur konsequent.

SEIPP: Umso wichtiger ist ein gutes, internationales Scouting. Hier hat Jasmin Camdzic wieder einen tollen Job gemacht. Wir bekommen interessante und entwicklungsfähige Spieler im Sommer dazu. Sie passen nicht nur sportlich, sondern auch finanziell ins Preissegment. Das gilt für alle Personalbereiche.

Welche Botschaft liegt Ihnen am Herzen, die Sie den Wetzlarer Fans vor dem für Sie als Verantwortliche sicher nicht einfachen Heimspiel am Mittwoch gegen Frisch Auf Göppingen mitteilen möchten?

BENDER: Man sollte Vertrauen in uns haben, aufgrund dessen, was wir hier über zehn Jahre hinweg erarbeitet haben. Wenn man glaubt, dass das alles an einer Person hängt, so kann ich nur sagen, dass das falsch ist. Deshalb sollte man unsere Entscheidung respektieren und uns zutrauen, auch die nächsten zehn Jahre der HSG Wetzlar gestalten zu können. Sollte jedoch jemand meinen, das besser zu machen. Bitte kurzfristig melden! Der Job steht bereit, mit meiner persönlich allergrößten Anerkennung.

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