HISTORISCHES DOKUMENT: Sonntag, 22. Dezember 2019, Osteehalle Kiel: Wetzlarer Siegesfreude nach dem 27:20-Cup beim THW Kiel. FOTO: BERGMANN
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HISTORISCHES DOKUMENT: Sonntag, 22. Dezember 2019, Osteehalle Kiel: Wetzlarer Siegesfreude nach dem 27:20-Cup beim THW Kiel. FOTO: BERGMANN

Handball

Die HSG Wetzlar ist die Mutter aller Sensationen

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Das historische 27:20 in Kiel, das absehbare Ende der Amtszeit von Trainer Kai Wandschneider - und dann das Corona-Aus. Die HSG Wetzlar lieferte in dieser Saison wieder Schlagzeilen am Fließband.

Die HSG Wetzlar hat aktuell keinen Weltstar wie Sander Sagosen im Team und die Zeit der Handball-Legende Ivano Balic im grün-weißen Trikot liegt nunmehr auch schon fünf Jahre zurück. Der heimische Erstligist hat mit Till Klimpke und Lenny Rubin sicher zwei hoffnungsvolle Talente im Kader und mit Filip Mirkulovski einen außergewöhnlichen Routinier. Auch die Ü 30er-Flügelzange Kristjan Björnsen und Maximilian Holst hat Klasse, der im Rückraum Stefan Cavor und Olle Forsell-Schefvert ebenso wie am Kreis Anton Lindskog in nichts nachstehen. Ausnahmespieler wie einst Jannik Kohlbacher oder Steffen Fäth findet man aber nicht. Die ungewöhnlichen Erfolge der vergangen Jahre, was die Erstliga-Platzierung betrifft, hatten immer ihren Grund. Auch 2019/20, durch die Coronakrise leider vorzeitig beendet, wieder: Star ist die Mannschaft und das Team dahinter!

Vom missratenen Auftakt-28:32 gegen den TBV Lemgo-Lippe bis zum 26:28-Shutdown bei MT Melsungen legte die HSG Wetzlar eine "Dreiviertel"-Spielzeit hin, die mit dem "17 und Wir"-Sponsoring-Konzept auch abseits des Feldes ungewöhnlich begonnen hatte und getrübt-überstrahlt wurde von der Nachricht, dass im Sommer 2021 der Weg von Erfolgstrainer Kai Wandschneider zu Ende ist. Dies nicht, weil die HSG Wetzlar mit dem 27:20 vor Weihnachten beim THW Kiel für einen historischen Bundesliga-Einschlag sorgte, sondern seit Beginn der Amtszeit des 60-Jährigen im Oberhaus die Mutter aller Sensationen ist.

Die größten Triumphe:Diese Liste war selbst zu Müller/Müller- oder Balic-Zeiten nie länger. 29:28 über den SC Magdeburg, dem Überraschungsteam der TSV Hannover-Burgdorf ein 25:25, Titelverteidiger Flensburg ein 27:27 abgerungen. Das 29:26 in Leipzig, die Mutter aller Sensationen mit dem 27:20 bei Meister THW Kiel, das 27:27 gegen die Rhein-Neckar Löwen. Gegen die Top 5 der Liga haben die Mirkulovski und Co. durchweg gepunktet. Chapeau!

Bitterste Niederlagen:Nach einer Top-Vorbereitung folgte bei der 28:32-Heimspiel-Premiere gegen TBV Lemgo-Lippe sogleich die Ernüchterung, auch das Rückspiel in Ostwestfalen geriet mit 27:32 daneben. Zudem wurde der November/Dezember-Höhenflug vom Heim-27:28 gegen den TVB Stuttgart unterbrochen. Und das 26:31 im Hessenduell gegen MT Melsungen nach einer Sechs-Tore-Führung zur Pause war ein Prestige-Tiefschlag.

Aufsteiger:Linkshänder Stefan Cavor hat seinen Marktwert steigern können und seinen Vertrag zum Glück bis 2022 verlängert. Ein vorzeitiger Wechsel würde den Grün-Weißen bei dessen positioneller Wertigkeit einiges Geld in die Kasse spülen. Auch mit Kreisläufer Anton Lindskog hat die HSG Wetzlar rechtzeitig verlängert, der Schwede ist in Abwehr und Angriff eine Bank geworden. Als Allrounder, was seine spielerische und handballerische Flexibilität betrifft, hat sich Olle Forsell Schefvert für die Grün-Weißen unentbehrlich gemacht.

Absteiger:Der Portugiese Joao Ferraz hat seit 2016 nicht mehr an die Leistungen seiner Auftaktsaison 2015 anknüpfen können. In seiner Lethargie hat der Linkshänder nicht einmal gegen seine Abschiebung in die Schweiz angekämpft. Bei dem technisch begabten Handballer wechselten nicht Licht und Schatten. Nein! Einer guten folgte ein halbes Dutzend das Team und sich selbst vernichtender Aktionen.

Die Erkenntnisse:Trainer Kai Wandschneider wollte - ohne die Abwehr zu vernachlässigen - mehr Tempo- und Gegenstoßhandball entwickeln. Das ist ihm mit Blick auf das Offensivranking glänzend gelungen, wenn es auch hauptsächlich den Trend in der Liga bestätigt. In der Torjägerliste befindet sich mit Michael Damgaard vom SC Magdeburg nur ein Rückraumspieler unter den Top 10. Allerdings findet sich die zuvor defensivstarke HSG in der Abwehrstatistik der Liga nur noch auf Platz 14 wieder. Dies mehr in Einklang zu bringen, ist einer der Aufgaben für die Zeit nach Corona.

Das Trainerteam:Diesmal ist das Trio Kai Wandschneider, Jasmin Camdzic und Jonas Rath die beste Version seiner selbst gewesen. Zwischen den Pfosten zwar nicht mehr so hervorstechend wie im Vorjahr, gibt das Duo Till Klimpke/Tibor Ivanisevic Rückhalt. Den Gegenstoß und Rückzug verbessert, die Varianten im Positionsangriff erweitert und verfestigt. Wo Kai Wandschneider drauf steht, ist auch Kai Wandschneider drin. Und die Fitness-Grundlagen dazu schafft unverändert Jonas Rath. Wie gesagt: Der Star ist die Mannschaft… und das Team dahinter!

Das Führungsteam:Vor Aufsichtsrat Martin Bender und Geschäftsführer Björn Seipp türmt sich die Aufgabe, die HSG Wetzlar wieder aus der Coronakrise zu führen. Ein Führungsduo, welches im Zentrum des Corona-Orkans auf der Suche nach dem Mittelpunkt der HSG bezüglich der Personalie Kai Wandschneider vielleicht doch noch einmal ins Grübeln kommt. Denn Lebensversicherungen kommen wieder in Mode.

Die Personalplanung:Der Kader verkleinert sich. Die Talente Hendrik Schreiber und Ian Weber (beide TV 05/07 Hüttenberg) haben nur noch Zweitspielrecht. Emil Frend Öfors (IFK Kristianstad), Nils Torbrügge (Wilhelmshavener HV), Stefan Kneer (TV Hüttenberg), Anadin Suljakovic (EHV Aue) und Joao Ferraz (Schweiz)/Viggo Kristjansson (TVB Stuttgart) verlassen die HSG, Filip Mirkulovski erhält als Co-Trainer den Status eines Standby-Spielers. Für frischen Wind sorgen sollen die Nordlichter Emil Mellegard (LA/Redbergslids IK), Magnus Fredriksen (RM/Elverum Handball Norwegen) und Philipp Henningson (RR/Kristianstad IK) sowie am Kreis Patrick Gempp vom Zweitligisten DJK Rimpar. Stellt sich perspektivisch noch die Frage, ob der bereits lange angedachte Wechsel des kroatischen Linkshänders Ivan Srsen vollzogen bzw. in den nächsten Tagen offiziell gemacht wird.

Kommentar:

Und immer die
selben Lieder

In der Saison 2018/19 haben wir die Bilanz der HSG Wetzlar bei 29 Punkten und Platz zehn als "Phänomen" betitelt. 2017/18 trug unser Saison-Fazit die Bezeichnung "Beste Version ihrer selbst". 2016/17 wurde mit Platz sechs (!) bei gigantischen 41 Punkten der "K 2" bestiegen – und davor waren die kommentierten Bilanzen mit dem EM-Trio Wolff/Fäth/Kohlbacher, mit einem Ivano Balic oder den Müller-Brüdern (2013/7./37 Punkte) mit nicht weniger Superlativen versehen. "Und immer dieselben Lieder" singen die Toten Hosen, "die sich anfühlen als würde die Zeit still stehen". Stimmt. Immer sind es dieselben Lobeshymnen, die wir seit 2012 im Mai/Juni beim Bilanzieren einer Bundesliga-Spielzeit auf die HSG Wetzlar anstimmen, und die sich seither anfühlen, als hätten wir nur eine Kopie aus dem Archiv gezogen. Lobeshymnen auf einen kleinen Trainerstab mit Chefcoach Kai Wandschneider an der Spitze, der die Grün-Weißen sportlich nicht nur stabilisiert, sondern Jahr für Jahr Schlagzeilen hat produzieren lassen. In dieser Saison mit dem bundesweit beachteten Dezember-27:20 beim neuen Meister THW Kiel als absoluten Höhepunkt. "Doch es geht vorüber, dieses alte Fieber", wie die Toten Hosen weiter singen. Stimmt. Denn noch vor dem Corona-Shutdown hat die HSG die Trennung vom Erfolgscoach nach 2020/21 bekannt gegeben. Aber vielleicht besinnt man sich in der Wetzlarer Chefetage in dieser existenziellen Corona-Krise ja noch einmal darauf, in welchen Höhen und welchen Tiefen man gemeinsam war.

                        (Von Ralf Waldschmidt)

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