Jubeltraube die 14.! Die HSG Wetzlar übertrifft sich in dieser Saison bei bislang zwölf Siegen und zwei Unentschieden nach 23 Spieltagen wieder einmal selbst. FOTO: VOGLER
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Jubeltraube die 14.! Die HSG Wetzlar übertrifft sich in dieser Saison bei bislang zwölf Siegen und zwei Unentschieden nach 23 Spieltagen wieder einmal selbst. FOTO: VOGLER

Der nächste Coup

HSG Wetzlar lebt Handball

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Das 27:27 der HSG Wetzlar gegen die RN Löwen wirkte wie ein Erfolg des gelebten Handballs von Trainer Wandschneider über das (gefühlt) laptopmutierte Wirken von Gästecoach Andresson.

Dem Ereignis entsprechend hätte die Wetzlarer Jubeltraube bis unter die Arena-Decke gehen können. Derweil die 4400 Anhänger auf den Rängen ihr HSG-Team für das 27:27 (17:18) gegen die Rhein-Neckar Löwen und damit die nächste mittlerweile unheimlich anmutende Bundesliga-Großtat dieser Saison feierten, fielen die Handballer in grün-weiß regelrecht übereinander her.

"Ich glaube, in ihrer Erstliga-Geschichte hat noch nie ein Team der HSG Wetzlar nach 23 Spieltagen so viele Punkte gegen Spitzenteams geholt", griff selbst der ansonsten so realitätstreue Trainer Kai Wandschneider tief und wortreich in die Kiste der Superlative, "das Team setzt seinen Weg fort in der Bundesliga. Wir sind seit 23 Spieltagen mental voll da und immer fokussiert. Es ist eine große Freude, bei der HSG Wetzlar Trainer zu sein."

Dabei hatte sicher die Dramaturgie der Partie mit gleich einem halben Dutzend (!) finalen Höhepunkten zu einem unvergesslichen Handball-Abend beigetragen. Die diskussionswürdige Zeitstrafe gegen Wetzlars Marc Wilmots des Handballs, Olle Forsell Schefvert (55:39), zu einer Zeit, als sich die Schiedsrichter Thiyagarajah/Thiyagarajah beim 25:25 längst den Vorwurf gefallen lassen mussten, ein gelbes Leibchen zu tragen, ließ die Fanseele kochen. Die achte Torwart-Glanztat von Till Klimpke gegen Andy Schmid (57:44) riss alle von den Sitzen. Dem fragwürdigen Siebenmeter von Andy Schmid (59:18) zur 27:26-Führung der Rhein-Neckar Löwen folgte ein orkanartiges Pfeifkonzert. Der 27:27-Durchbruch von Olle Forsell-Schefvert (59:55) ließ alle Dämme brechen, um Sekunden später die Halle fast außer Rand und Band geraten zu lassen, als die Unparteiischen nach der Mannheimer grünen Karte die Uhr noch einmal um drei Sekunden zurückdrehen und dem Titelanwärter ganze acht Sekunden für den letzten Angriff gewähren ließen. Als dann aber Till Klimpke den letzten Wurf von Löwe Jerry Tollbring in der Schlusssekunde von Linksaußen auch noch parierte, gab es absolut kein Halten mehr.

Verdient. Hochverdient! "Wir haben nie die Geduld verloren und dabei dennoch Mut bewiesen", sagte Kapitän Filip Mirkulovski zum 27:27-Krimi. Der nimmermüde, unerschütterliche Schwede Olle Forsell Schefvert erklärte: "Bei den Topteams sind auf neun Metern alle Spieler 100 Kilogramm und mehr schwer. Das ist sehr körperlich und nicht einfach."

Eine Abwehr mit einem "Mister Klimpke mit vielen guten Paraden" (Gäste-Trainer Andresson), die im zweiten Abschnitt nur neun Gegentreffer zuließ; ein schwedischer Kreisläufer Anton Lindskog, der mit acht Treffern den Kohlbacher machte; und ein Olle Forsell Schefvert, der sich für keinen blauen Fleck zu schade war, rissen das komplette Wetzlarer Team mit. Ein Unentschieden der besseren Art. Ein Unentschieden mit Leidenschaft und Überzeugung, mit Disziplin und Geduld, aber auch mit Inspiration und Spielwitz, Gedankenschnelle und Lauffreude. Mit Handball zuweilen auch aus dem Bauch heraus.

Ganz anders die Rhein-Neckar Löwen, die gegenüber unzähligen Auftritten der Vergangenheit kaum wiederzuerkennen waren. Ohne Uwe Gensheimer, Steffen Fäth, Romain Lagarde und Jesper Nielsen zwar personell geschwächt, aber von Mikael Appelgren im Tor bis zu Neuzugang Ymir Örn Gislason am Kreis noch immer top besetzt.

Wo war die erste und zweite Welle? Wo war die Gefahr über die Außen? Der doppelte Spezialistenwechsel der Innenblocker Abutovic/Guardiola zum Angriffsduo Schmid/Kohlbacher erstickte das Umschaltspiel und passt kaum noch zum modernen Tempohandball. Wo war die Inspiration? Wo war die Individualität? Im Positionsangriff spielten die Löwen bis auf das Duo Schmid/Kohlbacher wie mit Handfesseln fern- und computergesteuert, oft durchschaubar, ohne Passgeschwindigkeit und -härte. Die 18 Treffer vor der Pause waren weniger der Löwen-Stärke denn den Wetzlarer Zugriffsproblemen geschuldet.

Doch selbst als Till Klimpke die Hausherren bis zur 39. Minute längst zum 21:18 (Mirkulovski-Heber) katapultiert hatte, mutierte Löwen-Coach Kristjan Andresson weiter zum ratlos wirkenden Tableau-, Tablet- oder Wie-auch-immer-Laptop-Trainer. Oder er musste kurze Zeit später Andy Schmid auf sich einreden lassen, ohne dass sich an den schablonenhaften Aktionen seines Teams etwas änderte. Aber selbst computersimuliert wären die individuellen Qualitäten eines Alexander Petersson oder Niclas Kirkelokke im Verborgenen geblieben.

Das 27:27 war in jedem Falle ein Sieg de gelebten Wetzlarer Handballs über ein Spiel der Löwen, das wie Laptop-gesteuert wirkte. Und hätten die (Un)Parteiischen u. a. nicht auch noch Acht-Pässe-Zeitspiele der Schmid und Co. zugelassen, wären diese in der Tat als Verlierer vom Parkett gegangen.

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