HSG Wetzlar

Der Wandschneider-Poker

  • schließen

Trotz Verletzungs- und Krankheitsmisere hat Trainer Kai Wandschneider die HSG Wetzlar mit einem nachwirkenden Personal-Poker zum 31:27-Erfolg über GWD Minden geführt.

Als sich Till Klimpke am Donnerstagnachmittag aus dem Redaktionsgespräch mit dieser Zeitung verabschiedete, wusste der Torhüter-Shootingstar der HSG Wetzlar die leicht scherzhafte Nachfrage, ob er denn alle Wurfbilder der Mindener Schützen um Christoffer Rambo im Kopf habe, ebenso selbstbewusst wie selbstverständlich zu beantworten: "Na klar!" Sechs Stunden später konnte sich der 20-Jährige nach 23 Paraden und damit 47 Prozent parierter Würfe vor Gratulanten, Lobeshymnen und Mikrofonen kaum retten. Mit einer in dieser Spielzeit einmal mehr herausragenden Leistung hatte das Eigengewächs der HSG Wetzlar im bedeutsamen Bundesliga-Heimspiel gegen GWD Minden den Weg zum 31:27 (18:12)-Erfolg geebnet. Der Sieg hatte diesmal zwar mehr als nur einen Vater, was der Youngster aber an Wurfbildern auf seiner Handball-Festplatte gespeichert hatte, nötigte selbst Mindens Trainer Frank Carstens Respekt ab: "Den einen Wurf von Rambo oben diagonal hat in dieser Saison sonst noch kein Bundesliga-Torhüter gehalten." Auch der Reflex gegen den frei durchgebrochenen Mindener Spielführer Dalibor Doder (25.) beim 15:9 sowie die wiederholte Parade gegen Rambo (39.) beim 23:14 (!) hielten die Wandschneider-Schützlinge klar auf Siegkurs.

Die Partie vor nur 3700 Zuschauern war aus Wetzlarer Sicht aber noch viel facettenreicher. Stefan Kneer erweiterte auf der "2" praktisch den HSG-Innenblock von Olle Forsell Schefvert und Anton Lindskog und leistete wie sein Pendant Stefan Cavor gegen die Mindener Halbpositionen ein herausragendes Pressing. "Wetzlar hat den Level der Zweikampfhärte bestimmt", beschwerte sich GWD-Coach Carstens keineswegs über die aggressive Spielweise der Mittelhessen, sondern monierte, dass seine Spieler die Zweikämpfe nicht angenommen hätten.

Kapitän Filip Mirkulovski (Wandschneider: "Er ist der Spieler, an dem sich die anderen orientieren") ging mit Spielfreude und Einsatzwillen voran und verdiente sich ebenso wie der unermüdliche Olle Forsell Schefvert die Bestnote. Ihre zusammen zehn Treffer aus Eins-gegen-eins-Situationen heraus waren bemerkenswert. Bezeichnend die Aktion des Mazedoniers, als er drei Minuten vor der Pause beim Stand von 17:11 mit einem Becker-Hecht kurz vor dem eigenen Kreis einen Wurf ins verwaiste HSG-Tor gerade noch rettend abfing. Die 100 Prozent Trefferquote vom Siebenmeterpunkt von Maximilian Holst, die Steigerung von Anton Lindskog in Abwehr und Angriff gepaart mit einer unglaublichen körperlichen Präsenz im Stellungsspiel waren weitere Wetzlarer Bausteine zum Punktepaar, das die Grün-Weißen dem Klassenerhalt ein bedeutsames Stück näherbringt. Fast schon selbstverständlich waren da die fünf Distanztreffer des 60 Minuten durchackernden Linkshänders Stefan Cavor.

Vor allem aber war der Personal-Poker von Trainer Kai Wandschneider als Reaktion auf die jüngst diskussionswürdigen Auftritte einiger seiner Akteure aufgegangen. Der Portugiese Joao Ferraz verbrachte die gesamten 60 Minuten auf der Bank, Lenny Rubin kam ebenso wie Nils Torbrügge nur zu einem Kurzeinsatz. Ein notwendiger, wenn auch riskanter Denkzettel. Trainer Wandschneider bestimmt: "Das war eine meiner Konsequenzen."

Und GWD Minden? Die erste Reihe mit Magnus Gullerud am Kreis sowie der Aufbaureihe Marian Michalczik, Dalibor Doder und Christoffer Rambo entfaltete kaum Wirkung; die zweite Reihe mit Savvas Savvas, Aliaksandr Padshyvalau, Andreas Cederholm und Anton Mansson konnte es im zweiten Abschnitt auch nicht mehr richten. "Da haben wir gezeigt, was in uns stecken kann", war GWD-Coach Carstens zufriedener, "nach hinten raus hat es dennoch nicht gereicht." Ob es bei Doder oder Mansson daran lag, dass ihre Verträge nicht verlängert werden? Jedenfalls blieben sie mit ihren Leistungen weit hinter denen der Flügelspieler Kevin Gulliksen und Mats Korte zurück, die aus Mindener Sicht die einzig nachhaltigen Akzente setzten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare