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HSG Wetzlar

Kai Wandschneider: Ende einer Ära

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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2021 ist Schluss. Nach neun Jahren endet die Ära von Trainer Kai Wandschneider beim Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar. Der 60-Jährige hätte gerne weitergemacht, der Klub hat ihm aber mitgeteilt, dass er ohne ihn plant. Schon Anfang November vergangenen Jahres.

Als die Nachricht verkündet war, herrschte für einen Moment eine beklemmende Stille. "Wir werden den am 30. Juni 2021 auslaufenden Vertrag von unserem Trainer Kai Wandschneider nicht verlängern", hatte Geschäftsführer Björn Seipp mit einem Klos im Hals mitgeteilt. Wumms! Schockstarre! Die Einladung zur außerordentlichen Pressekonferenz am Abend zuvor hatte alle Handball-Gehirnwindungen in (Alarm-)Bereitschaft gesetzt. Verlängert der 60-Jährige, als Retter und Gestalter seit 2012 Trainer des heimischen Handball-Bundesligisten, vorzeitig? Hat Wandschneider ein Angebot eines anderen Klubs erhalten und angenommen? Wird er zu einer Art Teammanager befördert, so wie es Alex Ferguson bei ManU gewesen und "Klinsi" in Berlin nicht geworden ist?

Nichts von alledem. Kai Wandschneider, die handballerische Bundesliga-Lebensversicherung der HSG Wetzlar, wird ab 1. Juli 2021 (oder vielleicht schon früher) nicht mehr Chefcoach der Grün-Weißen sein. Das haben - wie Seipp betonte - Aufsichtsrat und Geschäftsführung gemeinsam beschlossen. Nicht gestern, nicht vor einer Woche, nicht vor einem Monat - schon Anfang November 2019! Da stellen sich viele Fragen. Zu allererst die nach dem Warum?

"Es ist eine gemeinsame Entscheidung strategischer Natur", erklärte Seipp in seinem Statement. Allein sitzend neben dem Trainer, der den Grün-Weißen sportlich die sieben fettesten Jahre ihrer Klubhistorie beschert hat. Vom Aufsichtsrat kein Spur, was bei der Tragweite und Emotionalität der Entscheidung sowie der dem Trainer zu entgegenbringenden Wertschätzung eigentlich unerlässlich gewesen wäre.

"Als Verantwortliche der HSG Wetzlar wird von uns erwartet, zukunftsorientiert Entscheidungen im Sinne des Clubs zu fällen, und das haben wir getan", wiederholte Seipp seine Aussage der gleichzeitig veröffentlichten Pressemitteilung, "wir haben gemeinsam das Gefühl, dass es langfristig notwendig ist, etwas Neues zu machen." Zu Details und Inhalten der Neuaustrichtung wollte sich Seipp zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern.

Die vergangenen sieben Jahre haben zugleich aber auch belegt, dass in der Wetzlarer Führungsetage nicht mit Worthülsen gearbeitet wird. Parallel zur sportlichen Kontinuität durch Trainer Kai Wandschneider gesellte sich eine für den Erstliga-Standort ebenso wertvolle wirtschaftliche Solidität unter Aufsichtsrat Martin Bender, die zuvor lange nicht gegeben war.

"Ich bin natürlich enttäuscht", eröffnete Wandschneider sein Statement relativ nüchtern, hatte sich die Mitteilung der Clubführung nach drei Monaten doch schon gesetzt, "ich hätte gerne weitergearbeitet und mir vorstellen können, meine Trainerkarriere in Wetzlar zu beenden. Die Führung aber hat andere Pläne. Das habe ich so zu akzeptieren", um dann zwischen den Worten doch noch in eine Mischung aus Fatalismus und Sakarsmus einzustimmen: "Wer weiß, wofür es gut ist? Ich bin nicht in die Neuausrichtung eingeweiht. Aber es ist schön von neuen Strukturen zu hören, die geschaffen werden sollen, wenn ich weg bin…"

Um allen Spekulationen und Gerüchten vorzubeugen, versicherte Seipp, dass es keine externen Einflüsse oder unternehmerische Verquickungen gegeben habe, die die Personalie Wandschneider beeinflusst hätten: "Die Entscheidungshoheit liegt klar bei Aufsichtsrat und Geschäftsführung. Dazu stehen wir." Auch über einen Nachfolger habe man intern noch nicht gesprochen.

Kai Wandschneider hatte die HSG Wetzlar im Frühjahr 2012 zum Klassenerhalt geführt und in der Folge trotz ständig wechselnder Besetzungen von Michael Müller über Ivano Balic bis zu Jannik Kohlbacher stets aus dem Abstiegskampf herausgehalten. Im grün-weißen Fanlager hat der 60-Jährige mittlerweile fast Kultstatus erlangt, weshalb sich auf den sozialen Medien schon weniger Stunden nach der öffentlichen Bekanntgabe der für 2021 anberaumten Demission eine lebhafte Diskussion entwickelte. Auf die (Re)aktionen der Anhänger am 4. März im Heimspiel gegen Frisch Auf darf man gespannt sein.

Mittelfristig soll zunächst Co-Trainer Jasmin Camdzic mehr Verantwortung übernehmen und in der kommenden Saison Filip Mirkulovski als Spielmacher-Backup in die Co-Trainer-Rolle an der Seite von Kai Wandschneider wachsen. Stand heute. 

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