"Hotte" erinnert sich

Bei Tuborg die halbe Brauerei leer getrunken

  • schließen

Heute vor 40 Jahren schrieb die DHB-Auswahl mit dem WM-Triumph Sportgeschichte. Das Jubiläum wird gefeiert. Mit Horst Spengler, dem seit damals populärsten Handballer unserer Region.

"Das war sportlich der schönste Tag in meinem Leben", erinnert sich Hüttenbergs Handball-Legende Horst Spengler immer wieder gerne an den Triumph vor 40 Jahren, "mein Gegenstoßtor zum 20:16 war das wichtigste meiner Karriere. Die Szene, als ich danach auf dem Bauch links am Tor vorbeirutschte, habe ich noch heute vor Augen." Die Sowjetunion, seinerzeit zusammen mit Rumänien, der DDR und Jugoslawien als Staatsamateure führend im Welthandball, kam zwar noch einmal bedrohlich nahe auf 19:20 heran, "als Jo (Deckarm) dann aber den letzten Wurf von (Walerie) Gassi blockte, haben wir minutenlang unsere Schlusssprünge aus dem Training zu Freudensprüngen gemacht."

Rückblickend kam der Triumph von Kopenhagen für den am 10. Februar seinen 68. Geburtstag feiernden Kreisläufer ("Ich weiß gar nicht mehr, wer mich in der russischen Abwehr alles bearbeitet hat") so überraschend nicht. "Wir hatten zuvor ja schon 17 Länderspiele nicht verloren und uns mit dem 17:17 gegen Rumänien ganz knapp für das Endspiel qualifiziert", war das Team von Bundestrainer Vlado Stenzel seinerzeit von keinem Topteam der Welt zu bezwingen gewesen. Gegen Jugoslawien hatte es in der Vorrunde ein deutliches 18:13 gegeben, gegen die DDR in der Hauptrunde ein 14:14. Im Endspiel gegen die Sowjetunion kamen Welthandballer wie Gassi, Kidjajew, Schuk und Maximow nur zu drei Feldtoren. Für Spengler hatte "Magier" Stenzel mit seiner harten Hand den größten Anteil am Erfolg. "Es gab Trainingseinheiten, die dauerten dreieinhalb Stunden und länger. Heute sind zwei Stunden das absolute Maximum."

GAZ-Kolumnist

Horst Spengler arbeitete seinerzeit - heute undenkbar - zugleich auch als Kolumnist für diese Zeitung. Die Tage nach dem WM-Triumph vergingen für den damals 27-Jährigen wie im Flug. "Beim offiziellen Bankett beim WM-Sponsor Tuborg habe ich keinen Bissen gegessen", merkt "Hotte" süffisant an, dass das komplette Weltmeisterteam dafür wohl die halbe Brauerei leergetrunken habe. Zwei Tage später, an Faschingsdienstag, musste Spengler an der GOW in Wetzlar schon wieder seine Referendarsstelle antreten. Die Feierlichkeiten beschränkten sich auf den Empfang in Hüttenberg mit einer großen Sause im Steinernen Haus, "die war aber richtig gut, der Spielmannszug aus Großen-Linden hat ordentlich Stimmung gemacht".

1983 beendete Spengler seine Spielerkarriere und setzte sieht nahtlos auf die Trainerbank, die er zur Jahrtausendwende dann aber auch verließ. Das 78er-Sensationsteam trifft sich aber auch noch heute regelmäßig, trat bis 2008 sogar noch geschlossen zu Showspielen an. "Ich denke, der Unfall von Joachim Deckarm 1979 hat uns noch enger zusammengeschweißt und uns nie aus den Augen verlieren lassen", hat Spengler auch für diesen Zusammenhalt einer Erklärung. Wie für den Handball-Triumph heute vor exakt 40 Jahren: "Wir alle waren zusammen mit dem Trainer einfach erfolgsgeil!"

Gala im Seehotel Niedenberg

Beim Gala-Diner im Seehotel Niedernberg wird der historische WM-Triumph der deutschen Handballer von 1978 wieder lebendig. Zum 40-jährigen Jubiläum werden die Helden von einst am Montagabend in Erinnerungen schwelgen und noch einmal die Bilder vom 20:19-Endspielsieg gegen die UdSSR genießen. "Das Schöne an diesem Erfolg ist, dass er nachhallt. Wir treffen uns immer noch regelmäßig und haben Spaß miteinander", sagt Heiner Brand voller Vorfreude. Auch ein Mittelhesse war damals dabei: Horst Spengler wurde am Faschingssonntag 1978 als Kreisläufer ebenso Weltmeister. 147 Länderspiele, 295 Treffer für die Nationalmannschaft, Kapitän der DHB-Auswahl, Bundesligaspieler beim TV 05/07 Hüttenberg, Trainer bei der SG Wallau/Massenheim und der HSG Wetzlar.

Der Mythos lebt

Ähnlich dem 4. Juli 1954, als Deutschland erstmals Fußball-Weltmeister wurde, ist der 5. Februar 1978 längst ein Mythos in der deutschen Sportgeschichte – nur eine Nummer kleiner. Der völlig unerwartete WM-Sieg, mit dem die seit 1961 anhaltende Dominanz der damaligen Ostblock-Nationen gebrochen wurde, löste eine Welle der Begeisterung und einen Handball-Boom aus, die bis heute anhalten. "Wir sind alle arbeiten gegangen oder haben studiert, anders als die meisten Spieler aus den osteuropäischen Ländern", sagt Kurt Klühspies. "Wir waren die Feierabend-Weltmeister."

Auch bei den Spielern hat die erfolgreiche Zeit tiefe Spuren hinterlassen. "Wir haben uns damals menschlich gefunden, verstehen uns seither hervorragend. Das hat uns über Jahrzehnte geprägt. Diese Gemeinschaft hält bis heute", erzählt Klühspies. Ein Trio wurde jedoch aus dieser verschworenen Truppe herausgerissen: Erhard Wunderlich, Deutschlands "Handballer des Jahrhunderts", sowie die Torhüter Rudi Rauer und Rainer Niemeyer sind bereits verstorben.

Stenzel mittlerweile 83 Jahre

Zu der zweitägigen Jubiläumsfeier, die Klühspies in und um Aschaffenburg organisiert hat, haben sich bis auf den geschäftlich verhinderten Arno Ehret alle noch lebenden Weltmeister angesagt. Auch Trainer Vlado Stenzel, mittlerweile 83 Jahre alt, und Joachim Deckarm, der sich seit einem Sportunfall vor 39 Jahren nur noch eingeschränkt bewegen kann, werden dabei sein. Selbst Claus Fey kommt extra aus seiner Wahl-Heimat USA.

Schon am Sonntagabend wurde gefeiert. Da gab Klühspies zu seinem 66. Geburtstag einen aus. Dabei werden sicher die alten Geschichten aufgewärmt. Wie die von der wohl ungewöhnlichsten Taktik-Schulung, die Klühspies und Brand in der Nacht vor dem Finale gegen die Sowjetunion von DDR-Rechtsaußen Wolfgang Böhme bei ein paar Bier auf ihrem Hotelzimmer erhielten.

Oder die von Dieter "Jimmy" Waltke. Der Linksaußen hatte im gesamten Turnier nur als Ersatzmann auf der Tribüne gesessen und war erst zwei Tage vor dem Finale in den Kader gerutscht. Als ihn Stenzel Mitte der zweiten Halbzeit beim Stande von 13:12 einwechselte, verschaffte Waltke der DHB-Auswahl mit einem Hattrick innerhalb von gut vier Minuten das vorentscheidende Polster. "Mir war es scheißegal, meine Einstellung war: Wenn ich bei der Weltmeisterschaft reinkomme, dann will ich einmal aufs Tor geworfen haben", berichtet Waltke im Buch "Mythos 78".

Unbezahlbar

Und dann natürlich das Happy End. "Weltmeister zu werden ist immer toll", sagt Heiner Brand, dem dieses Kunststück 2007 als Trainer dann noch einmal gelang. "Aber der Moment nach dem Abpfiff, als wir realisierten, dass wir die beste Mannschaft der Welt sind, der war unbezahlbar."

Bei anderen dauerte es länger, bis sie das Ganze begreifen konnten. "Wir haben in der Kabine gesessen wie nach einem Schulausflug", erzählt Klühspies. Und Torwart Manfred Hofmann, im Endspiel der große Rückhalt, berichtet: "An markante Dinge aus dem Finale erinnere ich mich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich ein paar Minuten gebraucht habe, um zu realisieren, was geschehen war."

Eine große Jubelfeier, die heute bei sportlichen Triumphen dazu gehört, gab es damals nicht. Nach dem Abschluss-Bankett mit allen Teams ging es von Dänemark noch in der Nacht mit der Fähre nach Deutschland zurück. Dort wurden die Handball-Helden von einer Blaskapelle und rund 500 Fans empfangen, ehe sie ihre Heimreise mit dem Zug oder Bus fortsetzten. Als Siegprämie gab es übrigens für jeden Spieler 4000 Mark von der Stiftung Deutsche Sporthilfe und einen Fernseher vom DHB-Sponsor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare