Das Banner der Fans der HSG Wetzlar in der Rittal-Arena wird in dieser Saison nicht mehr ausgerollt. Die Handball-Bundesliga hat sich zum Abbruch der Spielzeit durchgerungen. FOTO: VOGLER
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Das Banner der Fans der HSG Wetzlar in der Rittal-Arena wird in dieser Saison nicht mehr ausgerollt. Die Handball-Bundesliga hat sich zum Abbruch der Spielzeit durchgerungen. FOTO: VOGLER

Handball

Saison abgebrochen: THW Kiel ist Meister

  • vonDPA
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Nach langem Zögern bricht die Handball-Bundesliga die Saison ab. Deutscher Meister ist der THW Kiel. Absteiger gibt es keine - dafür aber Härtefälle.

Die Saison in der 1. und 2. Handball-Bundesliga (HBL) ist wegen der Coronavirus-Pandemie abgebrochen worden. Das haben die 36 Clubs nach einer Abstimmung mit großer Mehrheit beschlossen. Zudem legte das HBL-Präsidium fest, dass die Abschlusstabelle nach der sogenannten Quotientenregelung gewertet wird. Dabei werden bei jedem Team die Pluspunkte durch die absolvierten Spiele geteilt und anschließend mit 100 multipliziert. Damit steht der THW Kiel erstmals seit 2015 wieder als Meister fest.

"Wir hatten schon 90 Prozent Zustimmung heute für den Abbruch, ohne dass uns schon alle Rückmeldungen vorlagen. Diese Saison hatten die meisten Clubs für sich ohnehin abgehakt", sagte Liga-Präsident Uwe Schwenker. Er fügte mit Blick auf die Meisterentscheidung hinzu: "Die Quotientenregelung ist von allen Szenarien die gerechteste Lösung."

Die weiteren internationalen Startplätze gehen an Vizemeister SG Flensburg/Handewitt, der wie THW Kiel in der Champions League starten wird, sowie SC Magdeburg, TSV Hannover-Burgdorf und die Rhein-Neckar Löwen (Euro League). Absteiger wird es keine geben, die Eulen Ludwigshafen und HSG Nordhorn-Lingen verbleiben im Oberhaus. Stattdessen steigen zwei Teams - der HSC 2000 Coburg und TuSEM Essen - aus der 2. Bundesliga auf, so dass die kommende Erstliga-Saison mit 20 Mannschaften bestritten wird. Zweitligist TV 05/07 Hüttenberg schließt die Saison auf dem 15. Tabellenplatz ab.

Erstligist HSG Wetzlar rutscht aufgrund der Quotientenregelung noch hinter der punkt- und quotientengleichen TBV Lemgo Lippe auf Rang zehn ab, da die Ostwestfalen mit zwei Siegen den direkten Vergleich gegen die Grün-Weißen für sich entschieden haben.

Wann wieder gespielt werden kann, ist aber noch unklar. "Im Moment ist der 31. August der Fixpunkt, bis zu dem Großveranstaltungen verboten sind", sagt Schwenker.

Auch 3. Liga und Jugend beendet

Bei der Ermittlung der Abschlusstabelle gab es lediglich einen Härtefall. Wegen der Quotientenregelung rutschen die Füchse Berlin vom fünften auf den sechsten Platz ab und verpassen dadurch die Teilnahme am Europapokal. "Wir werden aber auf keinen Fall Protest einlegen gegen die Wertung. Es gibt keine gerechten Lösungen in dieser Situation. Dass es uns trifft, müssen wir sportlich akzeptieren", sagte Füchse-Geschäftsführer Bob Hanning.

Auch der Deutsche Handballbund beendet infolge der Corona-Pandemie die Saison in der 3. Liga und der Jugend-Bundesliga. Abgesagt werden zudem die Deutschen Meisterschaften der Jugend. Betroffen ist davon sind die U 23 und U 19 der HSG Wetzlar sowie die U 19 des TV 05/07 Hüttenberg. Die Wetzlarer U 23 wird in der 3. Liga Männer Mitte Vierter, für die U 19-Team sind Pokal- und Meisterrunde Vergangenheit. Meister der 3. Liga und damit Aufsteiger in die 2. Liga Männer sind der Wilhelmshavener HV (Nord-West), der Dessau-Roßlauer HV (Nord-Ost), der TuS Fürstenfeldbruck (Süd) und TV Großwallstadt (Mitte). Da es keine Absteiger gibt, werden die Mannschaftszahlen für die Saison 2020/21 entsprechend angepasst. Die 3. Liga der Männer wird auf eine Stärke von maximal 72 Mannschaften (bisher 64) erhöht.

Kommentar:

Zeit des Erwachsen

Der Schritt zum Abbruch sei "bitter, aber alternativlos gewesen", sagt HBL-Präsident Uwe Schwenker. Alternativlos aus diversen Gründen. Vorneweg der Gesundheitsaspekt, um keine falschen Signale zu senden. Überdies wegen der weiter bestehenden Kontaktsperre sowie des Verbots von Großveranstaltungen bis 31. August. Vor allem aber der düsteren wirtschaftlichen Aussichten wegen. Eine Rückkehr in den Trainings- und Spielbetrieb hätte in Anbetracht der allein durchführbaren Geisterspiele einem Teil der Erst- und Zweitligisten finanziell das Genick gebrochen. Bei wegbrechenden Ticketing- und Sponsoring-Einnahmen wäre auch der dadurch bedingte Wegfall des Kurzarbeitergeldes und die damit größte Etatentlastung vom Tisch gewesen. Insofern lassen sich die Verluste der Clubs im letzten Viertel der Saison nunmehr überschaubar begrenzen. Apropos Verluste. Die Horrorsummen, die in den letzten Wochen mehr oder weniger gezielt in die Öffentlichkeit getragen wurden, sind ungefähr so realitätsnah wie die des Schuhverkäufers, der nach vier Wochen Schließung von 30 Prozent Umsatzeinbußen im Jahresetat schwadroniert. Muss es dem ansonsten gut gehen, bei hypothetisch 360 Prozent (!?) Jahresumsatz. Von daher sind all diese medial transportierten Schreckenszahlen mit Vorsicht zu genießen, da Fan- und Sponsorentreue, Kurzarbeitergeld und Gehaltsverzicht, Reise-, Hotel- und Spieltagskostensenkungen die genannten Millionenbeträge unter dem Strich bis 30. Juni relativieren werden. Problematisch wird es ab dem 1. Juli, wenn abgeschlossene (Spieler)Verträge bei höchstwahrscheinlich zurückgehenden Sponsorenerlösen eingehalten, Geisterspiele auf jeden Fall verhindert und wieder immense Beträge für Hallenmieten und Berufsgenossenschaften aufgebracht werden müssen. Es ist die Zeit des Erwachens für eine Sportart, die sich – wie andere auch – im medialen und globalen Werben wirtschaftlich am großen Fußball verhoben hat. Die Corona-Pandemie hat dem Handball seine regionalen und nationalen Grenzen brutalst aufgezeigt. Ohne die Identifikation der Zuschauer, ohne die regionalen Partnerschaften mit den Sponsoren, ohne das Instrument Kurzarbeit würden viele Profiklubs schon heute nicht mehr leben. An diese einzigartige regionale Solidarität sollten sich die Manager erinnern, wenn sie fortan beginnen, neue Perspektiven für den Profihandball zu entwickeln. Dem örtlichen Bäcker nutzt keine TV-Präsenz in Kiel. Und auch kein einziger Social-Media-Klick in Erlangen löst in Wetzlar eine Eintrittskarte.

                       (von Ralf Waldschmidt)

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