Björn Seipp hat die Haltung der Handball-Bundesliga in der Frage nach der Spielabsage gegen Coburg öffentlich kritisiert.
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Björn Seipp hat die Haltung der Handball-Bundesliga in der Frage nach der Spielabsage gegen Coburg öffentlich kritisiert.

Corona-Krise

Kommentar: HSG Wetzlar zeigt  Charakter und Haltung

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Trainer und Geschäftsführer der HSG Wetzlar kritisieren öffentlich die Handball-Bundesliga - und zeigt in der causa Till Klimpke Haltung. Ein Kommentar.

Kai Wandschneider, der scheidende Trainer der HSG Wetzlar, wählt seine Worte mit Bedacht. Fast immer. Wohlüberlegt. Geschliffen formuliert. Wenn der 61-Jährige nach der mit 31:22 gegen den HSC Coburg gewonnenen Bundesliga-Partie die Ligaführung also für ihre "grotesken und in keiner Weise nachvollziebaren Entscheidungen" öffentlich kritisiert, war das kein emotionaler Vulkanausbruch. Die Corona-Fälle in der Nationalmannschaft in Verbindung zu den Bundesliga-Clubs haben den zweimaligen "Trainer des Jahres" einfach noch einmal an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung des Sportes erinnern lassen, die er in dieser Woche bei der HBL-Führung vermisst hat. Aus seiner Sicht hätte die Heimpartie gegen Coburg für- und vorsorglich abgesagt werden müssen! 

Kai Wandschneider fordert von der Liga mehr Einbindung von Trainer und Spielern

Kai Wandschneiders Worte sind nicht als flammender Appell zu interpretieren. Der Hamburger weiß genau, wann und wo und gegen wen er Kritik äußert. Und dass er damit auch aneckt! Nicht umsonst hat er in seinem Statement den Hinweis eingebaut, dass er sehr intelligente Spieler in seinem Team habe, "die auch eigenständig denken können" und von der Liga eingefordert, in der Kommunikation gerade während einer solchen Pandemie offener die Meinungen von Trainern und Spielern einfließen zu lassen.

Wandschneiders Worte finden ligaweit ebenso Gehör wie die von Handball-Ikone Stefan Kretzschmar, der auf Instagram an Verantwortung, Weitsicht, Mut, Kompromissbereitschaft und Solidarität aller Beteiligten erinnert. Auf jeden Fall – so "Kretzsche" – dürfe man sich nun nicht gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben. Während Wandschneiders Rundumschlag allerdings erwartungsgemäß bei den Oberen wie z. B. Füchse-Boss Bob Hanning auf wenig Gegenliebe, eher sogar auf Unverständnis stieß, blieb Kretzschmars medialer "Versöhnungsappell" unkommentiert. Wen wundert’s?

Wetzlars Geschäftsführer Björn Seipp "ehrlich gesagt stinksauer"

Kritische Worte sind durchaus angebracht, wenn sich trotz aller fortwährender Hygiene-Beteuerungen und -versicherungen drei Nationalspieler aus drei unterschiedlichen Hausständen arglos in einem Pkw über fast 400 Kilometer gemeinsam auf die Heimreise begeben oder ein Jungnationalspieler trotz bereits bekannter positiver Corona-Fälle nach nur zwei Tagen grob fahrlässig wieder am Mannschaftstraining eines Bundesligisten teilnimmt. Allein hierfür müsste es von Ligaseite her eindeutige und einheitliche Verhaltensregeln unter strenger Berücksichtigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und bekannten Inkubationszeiten geben. Oder aber gesunden Menschenverstand.

Auch Björn Seipp, der ansonsten eher moderate, um diplomatische Töne bemühte Wetzlarer Geschäftsführer, ließ ordentlich Luft ab: "Ich bin ehrlich gesagt stinksauer." Seipp fühlt sich bei der Frage nach einer Spielabsage von der Ligaspitze alleingelassen und kritisierte diese deshalb ungewohnt scharf: "… sollten sich mal Gedanken machen, ob sie momentan die richtigen Entscheidungen treffen". Dem Wetzlarer Absagewunsch wegen der Corona-Lage und der Klimpke-Quarantäne war nicht nachgekommen worden, obwohl dies am Abend zuvor beim kaum anders gelagerten Schlager Flensburg gegen Melsungen möglich war. Das verstehe, wer will! 

HSG Wetzlar hat die Charakterfrage gestellt - und Haltung gezeigt

Björn Seipp und die HSG Wetzlar haben Haltung bewahrt. Gemeinsam mit ihren Akteuren – und dafür aus Spieler- und Trainerkreisen in Kommentaren und sozialen Medien Zustimmung erhalten. Durch den uneigennützigen Umgang mit der Personalie Till Klimpke, was dessen Nichteinsatz betraf, der betonten Selbstbestimmung der Akteure sowie dem offenen Disput mit der Ligaspitze hat die HSG Wetzlar die Charakterfrage mehr als deutlich gestellt - auch, wenn dies nicht jedem gefallen mag.

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