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Ein halbes Tore-Dutzend vom Kreis: Adam Nyfjäll und dioe HSG Wetzlar finden immer besser zusammen.

HSG Wetzlar

Koalition mit sich selbst

  • Ralf Waldschmidt
    VonRalf Waldschmidt
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Die HSG Wetzlar benötigt keine Ampel-, sie benötigt keine Jamaika-Koalition - die Grün-Weißen bestehen in ihrer mittlerweile 24. Saison aus eigener Kraft in der Handball-Bundesliga.

Ein wahnsinniges Ergebnis und Erlebnis - für all die 2486 Zuschauer, die beim unwiderstehlichen Bundesliga-38:16 (19:6) der HSG Wetzlar über die TSV Hannover-Burgdorf am Super-Wahlsonntag in der Rittal-Arena waren. Das 14:5 in der 22. und das 29:10 in der 44. Minute waren Meilensteine auf dem Weg dorthin.

Klar, das Ergebnis ist eigentlich nicht reell. Einen Leistungsunterschied von 22 Treffern im Handball-Oberhaus gibt es selbst zwischen dem Spitzenreiter und dem Schlusslicht nicht. Aber es gibt auch mehr Erklärungen als die einfache vom erneut bärenstarken HSG-Torsteher Till Klimpke: »Wir hatten einen guten Tag und Hannover-Burgdorf einen schlechten.«

»Man hat von Anfang an gesehen, dass wir den Sieg mehr wollten«, spielte die HSG Wetzlar genau den Handball, den Trainer Benjamin Matschke sehen und mit dem er das Heimpublikum in der Rittal-Arena immer wieder abholen will. »Ich möchte emotionalen Handball in der Halle.«

Die neuen Abläufe im Angriff greifen langsam, »obwohl es beim Kreisläuferspiel mit den Mittelleuten noch viele Automatismen gibt«, klärt Matschke auf, »aber Anton Lindskog ist nicht mehr da. Adam Nyfjäll bewegt sich anders«. Das Umschaltsspiel ist ein anderes, »nagelsmann-like« mit risikoreicheren, aber druckvolleren vertikalen Pässen. Der Rückzug ist neu, ist dynamischer, fordernder. Die Defensive, in der diesmal Olle Forsell Schefvert/Adam Nyfjäll einen Sahnetag erwischten, ist antizipativer. Das permanente Wegnehmen der aus dem Videostudium bekannten Diagonalpässe vom jungen TSV-Spielmacher Veit Mävers führte die Niedersachsen früh ins Verderben.

Absturz härter als bei der Union

Hannovers Nationalspieler Fabian Böhm übernahm beim TV-Sender Sky als Leistungsträger hinterher mehr Verantwortung als zuvor auf dem Parkett. »Wenn das so in die Hose geht, kann man nur über Mentalität reden. Da geht es nicht um Taktik, da geht es um Bereitschaft, Wege zu gehen. Wir kriegen gefühlt 20 Gegenstöße, wir haben zu schnell den Kopf in den Sand gesteckt. Das größere Problem war nicht der schlechte Abschluss, sondern der Rückzug, den wir nicht hatten«, redete der Rückraumspieler Klartext. Eine Führungsrolle übernommen und das Unheil abgewendet hatte der 32-Jährige aber ebenso wenig wie die Gestandenen Filip Kuzmanovski oder Ilija Brozovic.

Nicht ganz frei sprechen konnte sich aber auch Recken-Chefcoach Christian Prokop nicht, der seinen Mävers-Hanne-Fohlenstall ohne die routinierte Pevnov/Roschek-Unterstützung über Gebühr in der neuen 3:2:1-Deckung stehen ließ. Ausgerechnet gegen einen Olle Forsell Schefvert oder Magnus Fredriksen auf Wetzlarer Seite, die gegen offensive Abwehrformationen in der Regel zur Höchstform. »In der Phase hat mein Kopf mehr als gerattert«, stellte sich der Ex-Bundestrainer der Kritik der verpassten Rückkehr in die 6:0-Formation, »da ist der Spagat eigentlich der, hinzukriegen, nicht zuviel zu verändern, nicht zuviele Unruheherde reinzubringen über taktische oder personelle Wechsel. Da benötigt man einen guten Balanceakt, der ist uns heute nicht gelungen.« In der Tat. Die Niedersachsen stürzten im Mittelhessischen mit -22 noch stärker ab als die Union mit -8 in Berlin. Im Gegensatz zu den Wetzlarern hätten sie an diesem Tag einen Koalitionspartner gut gebrauchen können.

Die Grün-Weißen sind schon auch eine eingegangen - mit sich selbst und ihrem veränderten Spielstil sowie - nach der Corona-Auszeit - wieder mit ihren Anhängern.

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