1. Gießener Allgemeine
  2. Sport
  3. HSG Wetzlar

WM-Absage und Krise bei der HSG Wetzlar: Für Till Klimpke »eine bedeutsame Lernphase«

Erstellt:

Von: Erik Scharf

Kommentare

17 A-Länderspiele hat Till Klimpke bereits in seiner Torhüter-Vita stehen. Für die Handball-WM in Polen und Schweden ist der 24-Jährige aber nicht nominiert. Der erste Frust ist längst neuem Ansporn gewichen. Ohnehin steht Klimpke auf Abruf bereit.

Super-Talent, Shooting-Star, Torwart-Kronprinz. Till Klimpke, die aktuelle Nummer eins der HSG Wetzlar, hat seinen ersten Bundesliga-Einsatz im September 2017 als seinerzeit gerade mal 19-Jähriger absolviert und stand im Juni 2019 mit gerade mal 21 Jahren erstmals im Tor der deutschen Handball-Nationalmannschaft. In der Laufbahn des gebürtigen Gießeners ging es immer bergauf. Zuweilen sogar steil.

Wenn das DHB-Team heute und morgen die beiden abschließenden WM-Tests gegen Island in Bremen und Hannover bestreitet und ab kommenden Mittwoch an der Weltmeisterschaft in Polen und Schweden teilnimmt, wird der 24-Jährige das Geschehen im heimischen Dutenhofen vom Fernseher aus verfolgen müssen. Bei der Nominierung am Tag vor Weihnachten gab es für den Wetzlarer Keeper die weniger schöne Bescherung der Nicht-Berücksichtigung. Joel Birlehm von den Rhein-Neckar-Löwen hat von Bundestrainer Alfred Gislason den Vorzug erhalten und bildet das Torhüter-Gespann mit dem gesetzten Andreas Wolff.

Im Interview äußert sich Klimpke zur WM-Absage, zur Krise bei seiner HSG Wetzlar und zur eigenen Zukunft - und er versichert: die handballerisch aktuell schwierige Zeit verarbeitet er mit dem Blick nach vorn als bedeutsame Lernphase für seine weitere Laufbahn.

Hast du die Nachricht von der Nicht-Nominierung mittlerweile verarbeitet?

Ich denke schon. Am Anfang ist man natürlich enttäuscht und fragt sich nach den Gründen. Ich denke, es war keine Entscheidung gegen mich, sondern für Joel (Birlehm). Jetzt fokussiere ich mich erst einmal voll und ganz auf die Aufgaben im Club.

Warst du auf die Absage gefasst oder letztlich doch überrascht?

Ich habe, ehrlich gesagt, nicht mit der Absage gerechnet. Die letzten Länderspiele und Maßnahmen mit der Nationalmannschaft waren alle in Ordnung; meine Leistung im Verein in der Vorrunde war zwar nicht überragend, aber in Ordnung.

imago1010745752h_030123_4c_2
Den anfänglich verständlichen Frust hat Till Klimpke durch neue Motivation und Zuversicht verdrängt. © IMAGO

Wie hat sich der Bundestrainer zur Absage geäußert?

Die Kommunikation erfolgt bei den Torhütern über Torwarttrainer Matthias Andersson. Er hat mich telefonisch in Kenntnis gesetzt und erklärt, dass es aktuell sein Gefühl sei, dass Joel (Birlehm) dem Team mehr helfen könne. Das muss man als Profi so akzeptieren.

Siehst du einen Zusammenhang zwischen der sportlichen Wetzlarer Krise und der Nicht-Nominierung?

Ich persönlich denke, dass sollte nur ein Randthema sein. Im Nationalteam hat es deswegen keinen Stress gegeben. Aber sicher, wenn wir mit dem Team auf Rang zehn und somit insgesamt stabiler - auch ich - stehen würden, wäre das ohne Frage eine bessere Ausgangsposition für die Nominierung gewesen.

Machst du gerade Urlaub oder verbringst du die Tage zu Hause?

Wir starten ja bereits am 9. Januar wieder ins Training. Unabhängig davon halte ich mich persönlich weiter fit mit Ausdauer- und Krafttraining, schließlich stehe ich ja auf Abruf bereit, falls im Torhüterbereich etwas passieren und ich nachnominiert werden sollte. Es ist natürlich die klare Ansage, dass ich mit bereithalte.

Wir hatten das Wechsel-Thema im November schon einmal kurz angesprochen. Du wirst im April 25 Jahre und müsstest nunmehr eigentlich den nächsten Karriereschritt - wie es in sämtlichen Pressemitteilungen ja immer so schon heisst - machen.

Natürlich wird das irgendwann kommen. Aber aktuell besteht für mich absolut kein Anlass - genauso wie vor zwei Monaten - über einen Wechsel nachzudenken. Im Gegenteil, ich bin überzeugt davon, dass solche Phasen wie jetzt, in denen es sportlich nicht so läuft und dich dann auch noch die Nicht-Nominierung mental trifft, sehr lehrreich sind. Sie fordern und fördern dich auf ungewohnte Art und Weise. Wie geht man mit Niederlagen, wie mit Krisen um? Da kann man für die weitere Laufbahn viel mitnehmen. Erfolge sind schön, aber solche Erfahrungen wie jetzt sehe ich als Lernphase für mich.

Das WM-Aus spornt dich also eher an, als es dich frustriert?

Am Anfang gehört auch der Frust dazu. Das ist menschlich, das ist normal. Gleichgültig darf einem so etwas nie sein, sonst wäre man im ProfiSport falsch. Ist diese Phase aber vorbei, kommt der Ansporn, kommt die Motivation, kommt die Zuversicht recht schnell wieder zurück. Bei mir jedenfalls.

Ein Wechsel zu einem Top-Club, der Jahr für Jahr international mit den Top-Teams in Europa konkurriert, dürfte mittelfristig aber alternativlos sein.

Alles zu seiner Zeit. Ich möchte mich erst einmal voll und ganz darauf konzentrieren, meiner Mannschaft mit Top-Leistungen wieder zur alten Heim- und Leistungsstärke zu verhelfen. Darin sehe ich in den kommenden Wochen meine dringlichste Aufgabe bei der HSG Wetzlar!

Im Club hast du mit Jasmin Camdzic einen großen Förderer und exzellenten Torwart-Trainer. Hat sich die Zusammenarbeit mit ihm durch seine neuen, zusätzlichen Aufgaben als Sportlicher Leiter verändert?

Kaum. Die Trainings- und Zusammenarbeit ist unverändert intensiv. Im Gegenteil, in den Spielen sitzt Jasmin (Camdzic) nun ja wieder auf der Bank und wir stehen permanent - auch jetzt in der freien Zeit - im Austausch. Das ist auch etwas, was der neue Trainer Hrvoje Horvat möchte.

In den nächsten zehn Jahren dürfte die Birlehm-Rebmann-Konkurrenz dann ja extrem leistungsfördernd sein.

Auf jeden Fall. Jeder will gut spielen und seine beste Leistung zeigen. Im Handball kommt es aber nicht auf den einen Keeper allein an. Da gibt es nicht so extrem die Nummer eins und die Nummer zwei wie im Fußball. Das Torhüter-Duo, ob im Verein oder im DHB-Team, muss über 60 Minuten auf höchstem Niveau funktionieren und sich ergänzern - von daher habe ich mich mit Andy Wolff bislang gut ergänzt.

imago1018860043h_060123_4c
Till Klimpke © IMAGO/Eibner-Pressefoto / Jan Strohdiek

Zur bevorstehenden Weltmeisterschaft. Was traust du dem deutschen Team aktuell zu?

Richtig viel. Wir haben zwar eine schwere Vorrunden-Gruppe erwischt, in der jeder Punkt zählt. Kommen wir aber mit vier Punkten in die Hauptrunde, bin ich vom Halbfinaleinzug überzeugt.

Wer sind die Favoriten? Wie siehst du die Entwicklung im DHB-Team?

Dänemark überstrahlt alles, ganz klar. Aber dann würde ich unser DHB-Team schon als so etwas wie einen Geheimfavoriten bezeichnen. Eine Überraschung traue ich zudem Serbien zu, in meinen Augen eine starke Mannschaft.

Zurück zur HSG Wetzlar. Wann steigt ihr wieder in das Training ein?

Wie gesagt. Ab 9. Januar wird Co-Trainer Filip Mirkulovski täglich mit uns arbeiten und die Grundlagen für eine - davon bin ich überzeugt - bessere Rückrunde legen.

Die Situation aktuell ist auch für dich ungewohnt. Abstiegskampf war bislang ein Fremdwort. Wie gehst du mit ihr um?

Hier ging es in den letzten Jahren nur aufwärts. Ich mache mir zwar Gedanken, aber keinen Stress, weil ich von unserem Team überzeugt bin. Wir haben viele Spiele knapp und in der Crunchtime verloren. Gewinnen wir zwei, drei Partien mit einem Tor, die wir mit einem verloren haben, gehen wir mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein in die nächsten Spiele - und mit diesem verbessert sich automatisch die Chancenverwertung. Das ist Handball.

Hast du im Sommer eine derartige Entwicklung erwartet oder befrüchtet?

In dieser Form absolut nicht. Ich hatte zunächst sogar ein gutes Gefühl. In der Vorbereitung hat man aber schon gemerkt, dass das Konzept des Trainers nicht unbedingt zur Mannschaft passt. Es hat einige Spieler eher zurückgeworfen anstatt sie nach vorn zu bringen. Die offensiver stehende Deckung zum Beispiel oder im gebundenen Angriff. Vieles davon haben wir intern zwar angesprochen, geändert hat sich aber wenig.

Wie lautet deine Prognose für die zweite Saisonhälfte mit der HSG Wetzzlar?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit dem neuen Trainer (Hrvoje Horvat), der sich auf einem ganz anderen Level bewegt, was die ersten Trainingsinhalte schon gezeigt haben, eine bessere Rückrunde spielen werden. Hrvoje Horvat hat nicht ohne Grund in Kroatien ein zuvor unbekanntes Team wie RK Nasice groß gemacht.

Vom Liga-Erhalt in der 25. Jubiläumssaison bist du also überzeugt?

Ich hoffe auf keine weiteren langfristigen Ausfälle und setze auf die Rückkehr von Magnus Fredriksen und Stefan Cavor. Dann sehe ich uns eher wieder Richtung Platz zehn bis zwölf. Den Liga-Erhalt sehe ich nicht in Gefahr.

Auch interessant

Kommentare