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Die Bundesliga-Handballer der HSG Wetzlar wissen nur zu gut wie wertvoll die Unterstützung durch ihre Anhänger in der Rittal-Arena wert ist.

Handball

HSG Wetzlar: Die große Saisonbilanz

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Der Star ist die Mannschaft. Dem Trainerduo Wandschneider/Camdzic ist es gelungen, ein neuformiertes Team ohne Starspieler zu einer verschworenen Gemeinschaft werden zu lassen.

Zieht man 2018/19 Bilanz für die HSG Wetzlar, müsste man eigentlich einmal mehr nur die Replay-Taste drücken. 29 Punkte, Tabellen-10. - sensationell! Die siebte komplette Saison in Folge unter Trainer Kai Wandschneider und dessen rechter Hand Jasmin Camdzic haben sich die Mittelhessen nach deren Rettung 2012 selbst übertroffen und die Konkurrenz überrascht. Ob mit Michael und Philipp Müller, ob mit Ivano Balic und Kent Robin Tönnesen, ob mit Andreas Wolff und Steffen Fäth, ob mit Jannik Kohlbacher und Philipp Weber. Dass in dieser Saison mit Till Klimpke, Stefan Cavor und Olle Forsell Schefvert die Top-Protagonisten noch weitgehend unbeschrieben waren, wertet das Abschneiden noch vor den Krösen SC DHfK Leipzig oder TSV Hannover-Burgdorf zusätzlich auf.

Meilensteine der Saison:Das Auftakt-24:21 gegen die SG BBM Bietigheim beruhigte nach dem Frontal-Umbruch im Sommer mit einem halben Dutzend hochwertiger Abgänge nur kurz. Das 25:21 am sechsten Spieltag beim SC DHfK Leipzig verhinderte dann aber einen krisenhaften Handball-Herbst. Mit dem Doppelschlag zu Hause gegen FA Göppingen sowie auswärts beim VfL Gummersbach hielt das Team um den starken Kapitän Filip Mirkulovski Distanz zu den Abstiegsplätzen, der Heimsieg-Dreier vor Weihnachten mit Siegen über die Eulen Ludwigshafen, TSV Hannover-Burgdorf und SC DHfK Leipzig beruhigte über die WM-Pause hinweg bei 14:22 Punkten als Rangzwölfter die Nerven aller Beteiligten. Statt Karneval feierten die Grün-Weißen Ende Februar/Anfang März Siege bei den Eulen Ludwigshafen bzw. gegen GWD Minden - und mit dem 25:23-Auswärtstriumph bei der TSV Hannover-Burgdorf war am 31. März der neuerliche Ligaverbleib praktisch in trockenen Tüchern. Gehen ließen sich die Anton Lindskog und Co. aber nicht, die 6:0 Punkte am Saisonende mit Erfolgen in Göppingen und Berlin sowie in eigener Halle gegen Stuttgart zeugen von einer unglaublichen Charakterstärke aller Spieler.

Horror-Verletzungsmisere:Als ob der Verlust von sieben gestandenen Bundesligahandballern, die durch sieben weitgehend erstligaunerfahrene Kräfte ersetzt wurden, nicht schon schwer genug wog, so schlug schon früh zu Saisonbeginn das Verletzungspech unerbärmlich zu. Von Torhüter-Neuzugang Tibor Ivanisevic über gleich alle drei etatmäßigen Rechtsaußen bis hin zum Österreicher Alexander Hermann und Rückraum-Neuverpflichtung Lenny Rubin fielen gleich mehrere Stammkräfte mehrere Wochen oder gar Monate aus. Die Interimslösungen Nikola Marinovic und Maximilian Lux füllten zwar den Kader, konnten die Ausfälle aber nur stellenweise kompensieren.

Gewinner der Saison:Die Mannschaft, deren Teambuilding-Maßnahmen im Sommer-Trainingslager in Österreich auch auf dem Parkett fruchteten. Einer für alle, alle für einen. Gemeinsam stark. In der Abwehr mit einem zuweilen über sich hinauswachsenden Torhüter-Newcomer Till Klimpke sowie den unermüdlich rackernden Innenblockern Stefan Kneer, Anton Lindskog, Nils Torbrügge und Olle Forsell Schefvert. Im Angriff mit Filip Mirkulovski, Olle Forsell-Schefvert und Stefan Cavor, die von Woche zu Woche die Ausfälle bzw. Formtiefs von Alexander Hermann, Lenny Rubin oder Joao Ferraz zu kompensieren wussten. Auf Außen belebte die Linksaußen-Konkurrenz durch Emil Frend Öfors das Geschäft und machte Maximilian Holst einmal mehr zu Dauerbrenner.

Verlierer der Saison:Bei allem Teamgedanken und -geist, im Profigeschäft ist eben auch die individuelle Stärke ein unabdingliche Größe. Der Portugiese Joao Ferraz war über 34 Spieltage hinweg kein Faktor, zwischenzeitlich wurde sogar über einen vorzeitigen Abschied des Linkshänder nachgedacht, der aber noch einen Vertrag bis 2021 besitzt. Das skandinavische Flügelduo Kristian Björnsen und Emil Frend Öfors blieb hinter den Erwartungen, auch hinter den eigenen. Alexander Hermann beschäftigte sich, obwohl bereits angeschlagen, zu sehr mit Österreichs Nationalteam und seiner WM-Chance als mit der HSG Wetzlar. Nils Torbrügge bewies defensiv zwar sein großes Kämpferherz, konnte offensiv aber nie in die Kohlbacher-Fußstapfen treten.

Sportliche Perspektiven:Nach Jahren des Umbruchs ist bei der HSG Wetzlar für die Spielzeit 2019/20 personell erstmals Kontinuität angesagt. Alexander Hermann hat man zu Absteiger VfL Gummersbach ziehen lassen, dafür kommt als Mittelmann-Backup von Filip Mirkulovski von den erneut sensationell in der Beletage verbliebenen Eulen Ludwigshafen Alexander Feld. Auch der 25-Jährige galt bis zu einer langwierigen Verletzung als große deutsche Rückraum-Hoffnung. Vielleicht gelingt es dem gebürtigen Krefelder ja, seine Spitzensport-Träume bei den Mittelhessen endlich zu verwirklichen. Der Mittelmann mit Durchsetzungsvermögen und Torgefährlichkeit könnte ein wesentlicher Faktor werden, um die HSG Wetzlar weiter auf einer Höhe mit TBV Lemgo-Lippe, GWD Minden, TVB Stuttgart, und dem Bergischen HC agieren zu lassen. Auf jeden Fall sollte leistungsmäßig der Vorsprung auf die Eulen Ludwigshafen sowie die beiden Neulinge HSG Nordhorn-Lingen und HBW Balingen/Weilstetten gehalten werden, derweil der SC DHfK Lipzig und TSV Hannover-Burgdorf ebenso wie HC Erlangen eigentlich - auch finanziell bedingt - höher einzustufen sind.

Wirtschaftliche Entwicklung:Am 25. Juni soll das Geheimnis gelüftet werden, wie die HSG Wetzlar den Rückzug von Trikotsponsor "Licher" auf die zweite oder dritte Sponsorenebene kompensieren will. Geschäftsführer Björn Seipp hat übersetzt unlängst von einem Mehrstufen-Modell gesprochen, mit dessen Hilfe der dadurch fehlende sechsstellige Betrag künftig aufgefangen werden soll. Fakt ist und bleibt, dass das Brutto-Budget für die gesamte HSG Wetzlar inklusive Drittliga- und Nachwuchsteams unterhalb der Vier-Millionen-Euro-Grenze liegen wird und die Mittelhessen weit entfernt von der Marke sind, die Seipp im vergangenen Herbst noch als allein (!) für den Bundesliga-Status quo existenziell notwendig bezeichnet hatte: einen Fünf-Millionen-Etat!

Da kommt dem Zuschauer-Zuspruch von weiterhin über 4000 Besuchern pro Heimspiel eine besondere Bedeutung zu. Auch wenn der Schnitt damit um 200 Zuschauer gegenüber dem Vorjahr bei einem zwischenzeitlichen Minus von gar 400 (!) zurückgegangen ist, was immerhin einem Fehlbetrag weit von über 50 000 Euro entsprechen dürfte, so bleibt unter dem Strich durch den Sky-Fernsehvertrag noch ein mittlerer fünfstelliger Betrag gegenüber der Sport 1-Vergangenheit hängen. In der Etat-Rangliste dürften die Wetzlarer in der kommenden Saison also - falls Björn Seipp am 25. Juni kein Überraschungspaket präsentiert - weiter im abstiegsbedrohten Drittel der Bundesliga-Tabelle angesiedelt sein.

Das sagt Trainer Kai Wandschneider:"Ganz ehrlich, ich bin geflasht von meiner Mannschaft. Wir haben zum Ende hin mit den drei Abschlusserfolgen eine grandiose Saison hingelegt. Der Coup in Berlin war ein echtes Statement des Teams - ohne Alexander Hermann und ohne Joao Ferraz! Die Mannschaft hat im Verlaufe der Saison bei allem Verletzungspech und trotz der permanenten Rhythmuswechsel alles das zurückgezahlt, was sie von der sportlichen Leitung an Vertrauen bekommen hat. 13 Punkte auswärts sind herausragend. Die Mannschaft hat sich über Wochen und Monate selbst reguliert, hat in Till Klimpke, Olle Forsell Schefvert und Stefan Cavor neue Leistungsträger entwickelt. Die beiden Ein-Tore-Siege vor Weihnachten gegen Hannover-Burgdorf und Leipzig waren überlebenswichtig. Die Teambuildingmaßnahmen vor der Saison im Trainingslager in Österreich haben zwar geholfen, am meisten aber schweißen im Spitzensport eben Siege und Punkte zusammen. Erfolg ist noch immer die beste Teambuildingmaßnahme. Wir spielen das, was wir können. Und da haben wir im Laufe der Saison große Fortschritte gemacht, denn in Göppingen, in Leipzig, in Hannover und in Berlin gewinnt man nicht mal eben so."

Kommentar: Das Phänomen Kai Wandschneider/Jasmin Camdzic zu erklären, ist eigentlich nicht möglich. Der Chefcoach überrascht Jahr für Jahr im Oberhaus die Experten und sich selbst. In seinen sieben kompletten Spielzeiten bei der HSG Wetzlar hat er es mit immer bescheidener werdenden Mitteln auf einen Tabellenplatz-Schnitt von 8,4 gebracht. Unfassbar! Die großartige Arbeit von Assistent und Torwarttrainer Jasmin Camdzic wir deutlich beim Blick auf das Torhüter-Ranking der Bundesliga, in dem mit Benjamin Buric (5.), Till Klimpke (17.) und Andreas Wolff (18.) gleich drei seiner ehemaligen und aktuellen Zöglinge unter den Top 20 zu finden sind. Leicht zu erraten, weshalb zwischenzeitlich sowohl Ligarivale MT Melsungen als auch Bundestrainer Christian Prokop ihre Fühler nach Camdzic ausgestreckt hatten. Stand den Grün-Weißen in der Vergangenheit Saison für Saison auch der eine oder andere Topstar zur Verfügung, so bestand der Kader 2018/19 zwar nicht aus Namenlosen, musste aber eben ohne ein absolutes Handball-Ass auskommen. Diese hat man mit Till Klimpke, Stefan Cavor und Olle Forsell Schefvert wieder einmal selbst produziert. In der leidvollen Konsequenz, dass auch deren Zeit bei der HSG Wetzlar schneller enden könnte als erwartet. Sagenhaft einmal mehr, wie die Mirkulovski und Co. trotz vieler eigener durchwachsener Leistungen auch diesmal wieder das Schwächeln besser situierter Konkurrenten wie SC DHfK Leipzig und TSV Hannover-Burgdorf ausgenutzt haben. Es ist wie immer bei der HSG Wetzlar: Vom ersten Saisonauftritt (24:21 gegen Bietigheim) bis zum letzten Spieltag (27:25 in Berlin) hat sich die Mannschaft mit einer klaren Handschrift weiterentwickelt. Die Prämie für eine Risiko-Lebensversicherung können sich die Wetzlarer Verantwortlichen also getrost sparen, solange sie die Police Wandschneider/Camdzic in Händen halten. Dazu gehört aber, dass nach der erfolgreich betriebenen Befriedung des Umfeldes seit 2012/2013 Trainerinteressen ganz klar über Beraterinteressen stehen. Ein Rückfall in alte Zeiten könnte vieles mühsam Aufgebaute wieder zerstören.

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