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HSG Wetzlar vor der Saison 2019/20 in der Handball-Bundesliga (hinten von links): Joao Ferraz, Emil Frend Öfors, Stefan Cavor, Olle Forsell Schefvert, Lenny Rubin, Anton Lindskog, Nils Torbrügge, Stefan Kneer, Torben Waldgenbach; (Mitte von links): Trainer Kai Wandschneider, Athletiktrainer Jonas Rath, Mannschaftsarzt Frank Thiel, Physiotherapeut Maximilian Schuller, Filip Mirkulovski, Ian Weber, Physiotherapeut Malte Kraft, Mannschaftsarzt Marco Kettrukat, Betreuer Stefan Rühl, Co- und Torwarttrainer Jasmin Camdzic; (vorn von links): Lars Weissgerber, Alexander Feld, Tibor Ivanisevic, Till Klimpke, Anadin Suljakovic, Kristian Björnsen, Maximilian Holst.

Handball

HSG Wetzlar: Das Feld bestellt

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Kai Wandschneider geht als Trainer in seine bereits neunte Spielzeit bei der HSG Wetzlar. Erstmals hat der 59-Jährige keinen Totalumbruch zu bewältigen.

Ungeschlagen ist die HSG Wetzlar in allen Turnier- und Testspielen geblieben, wobei die beiden Turniersiege beim Altensteig- und Heide-Cup gegen hochklassige Konkurrenz gezeigt haben, wie wertvoll es ist, vom ersten Tag der Vorbereitung an auf Bewährtes zurückgreifen zu können. "Wir haben einen kleinen, aber feinen Kader", bekräftigte Trainer Wandschneider bei der Saison-Präsentation am Dutenhofener See, "ich habe großes Vertrauen in unseren Zusammenhalt und weiß, dass das Team jeden Tag bereit ist, 100 und mehr Prozent zu geben." Gerade gegen den FC Porto sowie gegen St. Raphael habe man gezeigt, so Wandschneider, welches Potenzial in der Mannschaft steckt: "In der portugiesischen und französischen Liga würden wir jedes Jahr die Europapokal-Qualifikation schaffen."

Kommen und Gehen:Im Aufbau hat praktisch nur der Austausch Alexander Feld (von den Eulen Ludwigshafen) für Alexander Hermann (zum VfL Gummersbach) stattgefunden. Der 1,88 m große Mittelmann soll als Backup für Kapitän Filip Mirkulovski in die Rolle schlüpfen, die im Vorjahr eigentlich dem Schweden Olle Forsell Schefvert zugedacht war, der seine Stärken aber eher auf Halblinks und damit den verletzungsanfälligen österreichischen Nationalspieler verdrängt hat. "Die Neuzugänge bekommen bei uns Zeit und Vertrauen", verdeutlicht Wandschneider seine grundsätzliche Haltung zu Neuverpflichtungen, weiß aber, dass der erstligaerfahrene Alexander Feld, der einst beim HSV Hamburg schon Champions-League-Luft schnupperte, keine lange Eingewöhnungszeit benötigt. "Alexander Feld macht uns variabler." U 19-Nationalspieler Ian Weber und Torben Waldgenbach (nach seiner Verletzung) sollen den nächsten Schritt in ihrer Entwicklung machen und in dieser Saison so oft wie möglich Erstliga-Luft schnuppern.

Stärken/Schwächen:Den größten Vorteil gegenüber der zu erwartenden Konkurrenz auf den Plätzen acht bis 18 bietet der eingespielte Kader. "Die Vorbereitung hat schon eine gewisse Aussagekraft", blickt der Coach zuversichtlich der neuen Spielzeit entgegen, "das Team ist äußerst lernfähig und verfügt über eine innere Stärke, die uns auch Stresssituationen überstehen lässt." Im Torhüterbereich und auf den Außen sind die Grün-Weißen gemessen an ihren Möglichkeiten optimal besetzt, haben dort mit Till Klimpke und Lars Weissgerber noch große Entwicklungsmöglichkeiten und in Tibor Ivanisevic einen Torsteher, der nach seiner langen Verletzungspause im Vorjahr endlich in die Wolff/Buric-Fußstapfen treten möchte. Am Kreis hat sich Anton Lindskog stabilisiert, Nils Torbrügge hat seine Effektivität im Abschluss erhöht. Auf Halblinks gilt für Lenny Rubin das Gleiche wie für Tibor Ivanisevic, der Schweizer möchte nach einem Jahr Anlaufzeit so richtig durchstarten. Selbst das letztjährige Sorgenkind Joao Ferraz hat in den sechs Wochen Vorbereitung den einen oder anderen lichten Moment gehabt und lässt hoffen, dass der Portugiese noch einmal an die Form seiner Premierensaison anknüpft. "Wir haben gezielt am Gegenstoß gearbeitet", versichert Trainer Wandschneider, dass sich das Wetzlarer Publikum auf ein verbessertes Tempo- und Umschaltspiel freuen darf. Das Prunkstück ist und bleibt die 6:0-Abwehr mit dem starken Innenblock Olle Forsell Schefvert/Anton Lindskog, den abwechselnd Nils Torbrügge und Stefan Kneer herausragend zu ergänzen verstehen.

In der Saisonbilanz 2018/19 hat es bis auf Linksaußen Maximilian Holst (4.) und Rückraum-Linkshänder Stefan Cavor (5.) kein HSG-Spieler in die Top 15 der HBL-Rangliste geschafft. Torhüter Till Klimpke und Anton Lindskog landeten "Im Blickfeld". Die vermeintlich fehlende individuelle Klasse muss einmal mehr mit mannschaftlicher Geschlossenheit kompensiert werden. Dazu muss aber die Verletztenmisere der letzten Saison der Vergangenheit angehören und vor allem ein Joao Ferraz auf Halbrechts wieder zu alter Stärke finden.

Trainer/Umfeld:Das Trainergespann Kai Wandschneider/Jasmin Camdzic ist bei der HSG Wetzlar fast schon wie ein altes Ehepaar. Da greift ein Rädchen ins andere, im Trainingsalltag und während der Bundesliga-Partien bedarf es nicht mehr vieler Worte. Athletiktrainer Jonas Rath ergänzt das Duo zielgerichtet und arbeitet zusammen mit den Teamärzten Marco Kettrukat und Frank Thiel sowie den Physios daran, die Zahl der Verletzungen vorbeugend in Grenzen zu halten. Die Führungsriege um Aufsichtsrat Martin Bender und Geschäftsführer Björn Seipp bleibt auch in schwierigen Lagen ruhig und besonnen und arbeitet bei zehn zum Saisonende hin auslaufenden Spielverträgen bereits an der Zusammenstellung des Kaders für 2020/21.

Prognose:Bemüht man die letzten sieben Spielzeiten, die in der Trainer-Verantwortung von Kai Wandschneider standen, so legte die HSG Wetzlar immer dann eine außergewöhnliche Saison hin, wenn das Team in der Vorbereitung mit ähnlich starken Leistungen und Ergebnissen aufwartete. Mit den Müller-Zwillingen wurde man 2012/13 am Ende Bundesliga-Siebter, 2014/15 mit Legende Ivano Balic Achter, 2016/17 mit Philipp Weber/Benjamin Buric/Jannik Kohlbacher Erstliga-Sechster. Derart schillernde Persönlichkeiten müssen sich derzeit aber erst wieder entwickeln, weshalb ein einstelliger Tabellenplatz in der immer härter konkurrierenden Eliteliga die Erwartungen weit übertreffen würde. Ein früh gesicherter Platz 11, 12 oder 13 ist realistischer. Eher wird es am Ende der 34 Bundesliga-Spieltage den nächsten HSG-Hero geben, der zu größeren Einkaufs-Begehrlichkeiten bei den Top-Klubs führt.

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