Handball

Die Baustellen der HSG Wetzlar

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Die HSG Wetzlar wird auch in der Saison 2019/20 der Handball-Bundesliga angehören. Daran bestehen kaum noch Zweifel. Dennoch haben die Mittelhessen mehr Baustellen als ihnen lieb ist.

Das Heim-27:28 (14:12) am Ostersonntag gegen einen stark dezimierten TBV Lemgo-Lippe war nicht allein Einstellungssache, wie Trainer Kai Wandschneider und Geschäftsführer Björn Seipp unisono hervorhoben, es belegte wiederholt den Umstand, dass dem Kader in der Breite jene Qualität fehlt, um perspektivisch an die Erfolge der letzten sieben Spielzeiten anknüpfen zu können. Denn viele Baustellen sind noch nicht geschlossen:

Die Erkenntnisse aus der Lemgo-Partie: Lenny Rubin hatte bis auf die Anfangsphase der zweiten Hälfte "einen guten Wetzlarer Auftritt" gesehen und Alexander Hermann bei der fünften oder sechsten Ein-Tore-Niederlage "das fehlende Quäntchen Glück" ins Feld geführt. Eine glatte Fehleinschätzung! Die Ostwestfalen waren ohne Spielmacher Andrej Kogut, ohne Linkshänder Donat Bartok und Torhüter Piotr Wyszomirski angetreten und konnten dennoch spielerisch nicht aus den Angeln gehoben werden. An einem Tag, an dem auf Wetzlarer Seite weder Filip Mirkulovski noch Stefan Cavor noch Anton Lindskog ihre Leistung abrufen, fehlt es der Mannschaft an der individuellen Qualität. Das ist neben der überstandenen Verletzungsserie ein gewichtiger Grund für die enormen Leistungsschwankungen über die gesamte Saison hinweg. Und wenn dann noch die fehlende gegenseitige Unterstützung in der Abwehr hinzukommt, die Stefan Kneer noch vor der Pause mit der dritten Zeitstrafe teuer bezahlen musste, wird es besonders schwer. Ein Dutzend schlechter Entscheidungen im Positionsangriff und Gegenstoß sowie die nicht vorhandenen Stoppfouls in der Abwehr kosteten beide Punkte.

Die dringendsten Personalfragen: Die HSG Wetzlar benötigt nach den enormen Substanzverlusten der letzten Spielzeiten von Andreas Wolff über Evars Klesniks bis zu Jannik Kohlbacher qualitative Verstärkungen, um das Liganiveau zu halten. Als Nachfolger des verletzungsanfälligen Österreichers Alexander Hermann ist der Friesheimer Alexander Feld im Gespräch. Der 25-Jährige würde mit Filip Mirkulosvki die Rückraum Mitte bilden, Olle Forsell Schefvert und Lenny Rubin die halblinke Achse. Spekuliert wird auch über einen vorzeitigen Abgang des Portugiesen Joao Ferraz nach dessen ungenügenden Leistungen dieser Serie, der aber finanziell kaum zu stemmen sein dürfte, da der Portugiese noch zwei Jahre Vertrag hat. Angedacht ist eine Vertragsverlängerung von Stefan Cavor über 2020 hinaus, die mit dessen Berater Sasa Bratic zu verhandeln ist, der in der Vergangenheit mit der HSG Wetzlar immer für den ein oder anderen Deal gut gewesen ist. Auf der Kreisläuferposition hat Nils Torbrügge den Beweis der Ligatauglichkeit noch nicht erbringen können. Noch für diese Woche hat Geschäftsführer Björn Seipp Vollzug bei einigen Personalien angekündigt. Zur Spekulation um ein Ausleihgeschäft von Hendrik Schreiber an den Zweitliga-Nachbarn TV 05/07 Hüttenberg wollte sich Seipp auf Anfrage nicht jedoch äußern.

Die Suche nach einem neuen Hauptsponsor: Einen Nachfolger für den langjährigen Hauptsponsor "Licher" zu finden, war von Beginn an ein äußerst schwieriges Unterfangen. Die sechsstellige Etatlücke im mittleren Bereich versucht Geschäftsführer Björn Seipp seitdem durch ein Mehr-Firmen-Konstrukt zu schließen. Von einem erfolgreichen Abschluss hängt das Wohl und Wehe des Klubs in den kommenden Spielzeit ab. Seipp will sich zum aktuellen Stand der Verhandlungen bzw. Gespräche nicht näher äußern, gibt sich aber zuversichtlich, in zwei, drei Wochen ein ordentliches Paket präsentieren zu können. Am Rande der Lemgo-Partie am Sonntag war zu Vernehmen, dass dieses Paket umfangreicher als der Licher Vertrag sein soll, zugleich aber bei weitem nicht an die Summe heranreicht, die benötigt wird, um das Budget im für die langfristige sportliche und wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit erforderlichen Maße anwachsen zu lassen.

Steht die heimische Wirtschaft zum Erstliga-Handball in Wetzlar? Das steht außer Frage, schließlich bringt vor allem der Mittelstand Jahr für Jahr mittlerweile vier Millionen Euro auf, um den Bundesliga-Standort in der Leica-Metropole zu erhalten. Dass dieser Betrag auf Dauer nicht ausreicht, um nach SC DHfK Leipzig, HC Erlangen und TVB Stuttgart nicht weitere finanzkräftige Neulinge in der Tabelle an sich vorbeiziehen zu lassen, ist sowohl den Klubverantwortlichen der HSG Wetzlar als auch den Entscheidern in der regionalen Wirtschaft bewusst. Es bedarf demnach weiterer Anstrengungen aller Beteiligten, den Etat kontinuierlich Richtung Fünf-Millionen-Marke zu steigern. Gelingt dies nicht und kommen dann weitere aufstrebende, finanzstarke Klubs im Oberhaus dazu, wird man sich in der Region Mittelhessen mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass die schöne Erstliga-Zeit durchaus eine endliche sein kann.

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