Im Interview

Wucherers Campus-Vision

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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Bleibt er oder geht er? Der Vertrag von Denis Wucherer läuft am Ende der Saison 2016/17 aus. Der Trainer der Gießen 46ers hat in den letzten vier Jahren auf sportlicher Ebene exzellente Arbeit abgeliefert. Der 43-Jährige fühlt sich an der Lahn wohl. Ist durchaus geneigt, seinen Job beim Basketball-Bundesligisten fortzusetzen.

In der von dieser Zeitung initiierten Fragerunde hat sich Wucherer den Lesern und Usern gestellt – und Klartext gesprochen. Eine Stunde lang beantwortete Denis Wucherer in den Räumen dieser Zeitung die Fragen, die entweder per Telefon, E-Mail oder auf Facebook gestellt wurden. In seiner herrlich erfrischenden Art fand er schnell den Zugang zu den verschiedenen Fragestellern und führte eloquente Dialoge. Eine Frage stand bei fast allen Teilnehmern im Vordergrund: Hängt der Coach der Gießen 46ers noch ein Jahr dran? Doch auch andere Bereiche wurden angesprochen.

? Unter welchen Bedingungen bleiben Sie in Gießen?

Denis Wucherer: Eine Bedingung ist, dass wir den jetzigen Coaching-Stuff zusammenhalten. Die Arbeit von Steven Key und Milos Petkovic ist extrem wichtig für uns – sowie die von Lukas Lai, dem Physio und Fitnesstrainer. Wenn wir das hinbekommen, wäre das eine Grundlage für weiteres erfolgreiches Arbeiten. Ihre Arbeit muss entsprechend gewürdigt werden. Ich fühle mich in Gießen wohl. Meine beiden Kids wohnen seit einem Jahr bei mir, gehen hier zur Schule und spielen beim MTV Basketball und Fußball. Mir gefällt es hier, weil ich in Winnerod eine Oase habe, abschalten und mit netten Leuten Golf spielen kann.

Das sind alles Dinge, die in die Überlegung mit einfließen, in Gießen als Coach weiterzumachen. Aber es braucht eine Entwicklung. Man muss in die Strukturen investieren. Das weiß auch Geschäftsführer Heiko Schelberg. Es geht darum, kleine Schritte in die richtige Richtung zu gehen, um Gießen wieder langfristig auf die Basketball-Landkarte zu bringen. Nicht nur im Profibereich, sondern auch im Jugendbereich. Für mich wäre es wichtig, dass man in der neuen Saison nicht nur ums Überleben kämpft, sondern dass man ein bisschen nachhaltiger – nach den überstandenen wirtschaftlichen Turbulenzen – in den Basketball, in die Mannschaft, in den Klub investiert.

? Was ist für Sie bei der Kaderzusammenstellung wichtig?

Wucherer: Für uns ist es wichtig, dass die Chemie passt. Dass wir Jungs am Start haben, die Lust auf Gießen haben, die sich einbringen und alles geben. Unser jetziges Team ist nicht nur auf dem Parkett eine Einheit, sondern auch außerhalb. Und man kann mit ihnen allen vernünftig reden.

? Welche Spieler Ihres jetzigen Kaders würden Sie gerne behalten?

Wucherer: Wir hoffen, dass frühzeitig einige verlängern. Der Joshi (Saibou) spielt bislang eine tolle Saison. Der fühlt sich hier wohl. Bei ihm könnte ich es mir vorstellen, dass er verlängert. Bei Benny (Lischka) sowieso. Marco Völler ist auch so ein harter Arbeiter, der passt nach Gießen. Und falls Andy Obst von Bamberg noch einmal ausgeliehen wird, werden wir uns auf jeden Fall noch einmal bei ihm melden. Bei den Amerikanern müssen wir noch vier bis sechs Wochen schauen, wie sie sich entwickeln – und dann die Gespräche suchen. Für diese Saison bleiben wir erst einmal so zusammen Die Mannschaft funktioniert. Mit dem Abstieg werden wir nichts zu tun haben.

? Wie realistisch ist die Aussicht, dass Ihr Team in der Rückrunde ähnlich erfolgreich abschneidet wie in der Hinrunde?

Wucherer: Einfacher wird es nicht. Die Mannschaften, die hinten drinstehen und die Playoff-Ambitionen haben, werden sich noch verändern und mit Spielern verstärken. Wenn wir gesund bleiben, werden wir den einen oder anderen Sieg einfahren. Ob das zu so einer Leistung reicht, dass wir achtmal gewinnen, das wird sehr, sehr schwer werden.

? Wenn Ihr Team mit den Playoffs noch liebäugelt. Gibt das dann für jeden Einzelnen einen Extraschub?

Wucherer: Prinzipiell ist das natürlich in den Köpfen drin. Das war letztes Jahr ebenso, als sich das anbahnte. Dementsprechend waren sie sehr motiviert. Und ähnlich ist das jetzt auch. Wenn du Neunter bist und weiter an Platz acht kratzt, gibt das für die nächsten Wochen und Monate zusätzliche Motivation. Aber erst müssen wir schauen, wie wir die nächsten vier, fünf Spiele gestalten, und dann gucken wir, wie es weitergeht. Die letzten Spiele der Saison haben es nämlich richtig in sich. Da müssen wir vorher ein paar Siege einfahren.

? Ulm hat sich in den letzten Jahren zu einer Basketball-Macht in Deutschland entwickelt. Vor allem die neue Halle hat für einen Aufschwung gesorgt. Wäre das für Gießen ebenfalls denkbar?

Wucherer: Ich bin mir nicht ganz sicher, was wichtiger ist. Neue Halle oder eine Trainingshalle. Eine Halle aus Gründen der Vermarktung mit VIP-Raum – das ist natürlich höchst interessant. Aber ich glaube, du brauchst so etwas, wo der Puls der Stadt schlägt. So ein Campus, ein Trainingszentrum, wo die Kinder von den Eltern hingebracht werden, wo sie gut aufgehoben sind und wo die Profis auch trainieren. Eine Halle mit mehreren Feldern. Da schlägt das Herz von Gießen – der Jugendbasketball. Das fehlt mir noch mehr als eine neue Halle. Und da muss eine Armada von Coaches vorhanden sein. Da darf nichts dem Zufall überlassen werden.

? Wie ist das Jugendprogramm in Gießen aufgestellt?

Wucherer: Wenn du in Gießen Jugendbasketball machen willst, muss das unter dem Dach der 46ers passieren. Die Jugendspieler müssen irgendwann sagen, ohne den umliegenden Klubs und Stadtvereinen zu nahe treten zu wollen, wir wollen zu den 46ers, da wird Leistungssport angeboten. Natürlich brauchst du die Krofdorfer, die Licher, die MTVer, die VfBer, die BBLZler, bei denen es die U 8, U 10, U 12 gibt. Aber irgendwann müssen die talentierten Spieler zu den 46ers. Und die Heimtrainer der Vereine müssen sagen, du bist so gut, du musst zu den 46ers.

Warum? Weil wir da die besten Coaches und die besten Bedingungen haben. Weil wir da vier- bis fünfmal die Woche trainieren können. Weil wir die Möglichkeiten haben, sie auf den Leistungssport vorzubereiten. Das wird nicht jeder schaffen. Aber alle zwei Jahre wird da einer herausspringen.

? Die Kooperation mit den Licher BasketBären scheint zu funktionieren. Stehen dort Spieler im Fokus der 46ers?

Wucherer: Es gibt mit Bjarne Kraushaar und David Amaize sowie mit Alen Pjanic wieder Spieler, die aus Gießen kommen und sehr talentiert sind. Alen macht bei uns schon ein bisschen mit. Er bringt Körper und Talent mit, um vielleicht mal ein Bundesligaspieler zu werden. Wir versuchen, ihn an unser Konzept und an uns zu binden. David und Bjarne sind noch jung, machen das aber in Lich in der Pro B gut. Von den beiden sind wir auch überzeugt, sie mittelfristig an den Standort Gießen zu binden, um sie in Ruhe aufzubauen und zu entwickeln.

? Diesmal waren Sie bei dem Allstar-Spiel nur in der Zuschauerrolle. Mit Cameron Wells hat einer Ihrer Spieler mitgewirkt. Wie froh waren Sie, dass er gesund wieder zurückgekommen ist.

Wucherer: Sehr froh. Das Wichtigste beim Allstar-Spiel ist, dass alle Spaß haben und wieder gesund nach Hause kommen. Aber es hat nicht lange gedauert. Cam hat heute (am Montag) im Training einen Ellenbogen abbekommen und wurde mit drei Stichen genäht. Bis Sonntag sollte er wieder einsetzbar sein. Aber ich freue mich, dass er beim Allstar-Day mitmachen durfte.

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