Dennis Curran, der damalige neue "Ami", der im Flugzeug von einer angekündigten Körpergröße von 2,00 m auf 1,91 m schrumpfte, hielt später im ungewöhnlichen Outfit die DM-Trophäe der Saison 1974/75 in den Händen
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Dennis Curran, der damalige neue »Ami«, der im Flugzeug von einer angekündigten Körpergröße von 2,00 m auf 1,91 m schrumpfte, hielt später im ungewöhnlichen Outfit die DM-Trophäe der Saison 1974/75 in den Händen.

Von MTV 1846 Gießen bis zu Gießen 46ers

»Dschang«, ein Golf, Eidson und Merkel: Ein Ritt durch die letzten 75 Jahre der Gießener Basketballer

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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Was wäre die Stadt Gießen ohne ihre Basketballer! 1937 werben die Wanderlehrer Theo Clausen und Hugo Murero für den Sport zwischen den beiden Körben und finden beim MTV 1846 Interessierte. Der Beginn einer einzigartigen Ära ist gelegt.

Die Gießen 46ers - aus dem Stammverein MTV 1846 Gießen hervorgegangen - sind das Bundesliga-Urgestein. Seit 1937 wird in der Universitätsstadt Basketball gespielt. Der Titelreigen begann 1948 mit dem Gewinn der ersten Hessenmeisterschaft. Es folgten fünf deutsche Meisterschaften (1965, 1967, 1968, 1975, 1978) und drei Pokalsiege (1969, 1973, 1979).

In der jüngeren Vergangenheit sind die Pokal-Endrunden wie die 1997 in Gießen mit der Finalniederlage gegen Alba Berlin und die Playoff-Teilnahmen wie die der legendären Saison 2004/05 mit Teufelskerl Chuck Eidson und Spiel 5 in Köln unvergessen.

Basketball in Gießen: Eine Geschichte voller Namen

2012/13 verabschiedeten sich die Gießen 46ers seit der Gründung der Basketball-Bundesliga 1966/67 zum ersten Mal aus der Erstklassigkeit. Doch bereits zwei Jahre später gelang unter Erfolgstrainer Denis Wucherer der Wiederaufstieg. In der aktuellen Saison 2020/21 kämpft die Mannschaft von Headcoach Rolf Scholz allerdings wieder um den Klassenerhalt.

Es waren aber nicht nur ausschließlich die Taten auf dem Parkett, die erwähnenswert sind, sondern auch die vielen Geschichten, die dahinter stecken und die außergewöhnlichen Trainer wie Hannes Neumann (†) oder Hans Brauer mit den Protagonisten der einzelnen Dekaden.

Dazu zählen Bernd Röder, Ernie Butler, Holger Geschwindner, Bernd Röder, Klaus Jungnickel, Karl Ampt, Hans Heß, Günther Lindenstruth, Ulrich Strack, Michael Koch, Josef Waniek, Jan Villwock, Henning Harnisch, Armin und Thomas Andres, Vladimir Bogojevic, Florian Hartenstein und Benjamin Lischka - um einige zu nennen. Sie alle können viel erzählen.

Der »Dschang« und die Käsekiste: Die deutschen Meisterschaften des MTV 1846 Gießen

Die deutschen Meisterschaften von 1968 in der Halle am Schloßwall in Osnabrück und die von 1978 in Wolfenbüttel sind - wie alle anderen - erstaunlich. Im April 1968 entwickelte sich wie 1965 bei der ersten DM ein Basketball-Krimi, der erneut mit einem Happy End für den MTV 1846 endete. Bis kurz vor dem Schluss der Partie in Osnabrück blieb es vor 2000 Zuschauern spannend, darunter 300 mitfiebernde Fans aus Gießen. Innerhalb von 30 Sekunden bog der MTV um Trainer Laszlo Lakfalvi auf die Siegerstraße ein. Holger Geschwindner, »Lu« Jackson und »Didi« Kienast trafen aus der Distanz und sicherten den 79:69-Sieg. Klaus »Dschang« Jungnickel war mit 30 Punkten bester Scorer des Finales und stellte in der Saison mit 44 Zählern gegen Heidelberg eine persönliche Bestmarke auf.

In der Saison 1977/1978 holte der MTV 1846 unter der Regie des damaligen neuen Trainers Hannes Neumann seine fünfte und bis heute letzte Meisterschaft an die Lahn. Dabei sind zu jener Zeit vor allem die Partien gegen TuS Bayer Leverkusen unvergessen. Es war ein Highlight, wenn sich Norbert Thimm, Rudi Kleen und Co. in der Osthalle mit den Lokalmatadoren Kapitän Hans Heß, »Kalli« Ampt, Roland Peters, »Matzi« Strauß oder »Bobby« Minor auf höchstem Niveau duellierten. Ging es auf dem Spielfeld heiß her, endeten die Begegnungen meist in der Gießener »Käsekiste« bei einem Schoppen. Wie nach dem vorzeitigen Meistercoup in Wolfenbüttel, als die damaligen Basketball-Helden nach ihrer Rückkehr mit Hunderten von Fans in der Gaststätte an der Eichgärtenallee den Titel feierten.

Das legendäre Spiel fünf in Köln 2005 mit Gießens Teufelskerl Chuck Eidson (l.), der hier Marko Pesic vernascht.

Die glorreichen Fünf in der Bildzeitung: 5. Oktober 1996 geht in die Geschichtsbücher ein

In den 1990er-Jahren schaffte es der MTV 1846 Gießen mit einer fast unglaublichen außerhalb des Parketts produzierten Story in die Bildzeitung - nach einer einzigartigen Fahrt. Es war der 5. Oktober 1996. Ein Samstag, den Lutz Mandler, Thomas Andres, Vladimir Bogojevic, Patrick King, James Shields, Casey Schmidt, Jacek Duda, Niklas Lütcke und David Picton niemals vergessen werden. Am MTV-Sportplatz begann die Odyssee. Mit mehr als genug Zeitpolster, wie sie dachten, ging es mit dem Bus Richtung Ludwigsburg zum Bundesliga-Auswärtsspiel. Es kam wie es kommen musste. Vollsperrung auf der Autobahn. Eine Weiterfahrt war nicht möglich. In einem roten Golf neben dem MTV-Bus saßen zwei freundliche Ludwigsburger, die auch zum Bundesligaspiel wollten. Die rettende Idee?

Ein Autotausch fand dank der Überzeugungskraft des Co-Trainers Michael Müller statt. Die Starting-Five mit Andres, Shields, Schmidt, King und Bogojevic nahm im roten Golf Platz. Andres Thomas saß am Steuer. Nach Absprache mit der Polizei ging es über einen Feldweg um den Stau herum wieder auf die Autobahn. Dann musste aber das Gefährt getankt werden. Keiner der Hauptdarsteller erinnerte sich später daran, wer getankt hat. Bogojevic behauptete, dass Andres und Shields beim Auto geblieben waren, während sich der Rest auf der Raststätte umzog. Warum ausgerechnet dieses Detail wichtig war, stellte sich knapp zehn Kilometer später heraus. Nach einigem Ruckeln und einem hartnäckigen Berg gab der Golf Diesel seinen Geist auf und bedankte sich in seiner eigenen Weise für das Super-Benzin, das er fälschlicherweise erhalten hatte. So wurde bei der nächsten Ausfahrt abgefahren, der Golf in einen Graben gerollt, die Tasche auf den Rücken gepackt und losgelaufen. Eine Frau hielt in der Dämmerung an und nahm die glorreichen MTVer die letzten Meter zur Halle in einem Minibus mit. Dort angekommen, gewannen die Gießener das Spiel mit 74:62. Später wurde ihnen zwar am grünen Tisch die Partie als verloren gewertet, doch die unvergleichliche Story wird für immer im Gedächtnis bleiben.

Spiel 5 in Köln mit 1500 46ers-Fans und Geburtstagsgrüße von Bundeskanzlerin Angela Merkel

In der Saison 2004/05 entfachten die 46ers unter dem neuen Headcoach, dem Licher Stefan Koch, eine nie geglaubte Euphorie in der Stadt an der Lahn und seiner Umgebung. Das Team drang in die deutsche Spitze vor, obwohl die 46ers in der Saison zuvor sportlich abgestiegen waren und nur aufgrund eines nachträglichen Lizenzentzuges des Mitteldeutschen BC in der BBL bleiben durften. Chuck Eidson, der kurz vor Saisonbeginn erst noch ein Probetraining absolvierte, riss die Mannschaft um die »jungen Wilden« Anton Gavel und Heiko Schaffartzik mit. Legendenumwoben dabei das Spiel 5 in Köln gegen den haushohen Favoriten. Die Erinnerung an den 78:69-Sieg der 46ers im alles entscheidenden fünften Playoff-Viertelfinalspiel ruft noch heute Gänsehaut hervor. Als der Sieg perfekt war, ließ Eidson, der in dieser Partie 40 Punkte (!) erzielte, den Ball bis zur Hallendecke aufschlagen. Anschließend tanzte er und das Team mit den rund 1500 46ers-Fans auf dem Parkett. Gießener Glückseligkeit in einem Zirkus-Zelt.

Dass die Gießen 46ers über die vielen Jahrzehnte immer für Überraschungen gut sind - egal, ob positiv oder negativ - erlebten die Gäste der 50-Jahre-Gala im Jahr 2017, als Bundeskanzlerin Angela Merkel per Videobotschaft die besten Grüße aus Berlin in die Gießener Kongresshalle sendete. An jenem denkwürdigen Abend gab es ein großes Wiedersehen zahlreicher Hauptdarsteller. Einiger ihrer Zitate sind und bleiben einzigartig: Wir haben immer mit Herz und Seele gespielt - darauf bin ich heute noch stolz - Ernie Butler / Wenn die Schiris schlecht gepfiffen haben, hat Hausmeister Alex einfach das Licht in der Osthalle ausgemacht - Günther Lindenstruth / Wenn wir gewonnen haben, gab es ein Schnitzel, Pommes, Salat und ein Getränk - Bernd Röder.

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