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Vor dem American-Airlines-Center in Dallas will Club-Eigentümer Mark Cuban nun eine überlebensgroße Statue von Nowitzki errichten lassen.

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Wie sich Gießen an Dirk Nowitzki erinnert

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Dirk Nowitzki beendet seine Karriere. Nach 21 Jahren im Dress der Dallas Mavericks hat der 40-Jährige seinen Abschied verkündet. Doch auch in Gießen erinnert man sich an den Franken.

Dirk Nowitzki verkörperte über 20 Jahre den deutschen Basketball. Am Mittwoch verkündete er in einer emotionalen Rede vor seinen Fans in Dallas, dass er die Sneaker an den Nagel hängt. Mittelhessische Basketball-Ikonen erinnern sich an Begegnungen mit dem gebürtigen Franken:

Die Nummer 41 der Dallas Mavericks spielte seit 1999 durchgängig für die Texaner. Er erzielte die sechstmeisten Körbe der NBA-Geschichte, gewann mit der deutschen Nationalmannschaft 2005 EM-Silber und krönte seine Karriere mit der Meisterschaft 2011. Für seine Entwicklung spielte Gießen eine nicht unwichtige Rolle. "Es gibt eine direkte Verbindung zwischen der Erfindung des Basketballs und Dirk Nowitzki", erklärt der Journalist Peter Sartorius im Dokumentarfilm "Der perfekte Wurf", der die Karriere des Wunderkinds nachzeichnet. James Naismith, der die 13 Grundregeln 1892 in Massachusetts ersann, wurde 1936 zu den Olympischen Spielen nach Berlin eingeladen. Dort traf er Theo Clausen, den er mit dem Basketballvirus infizierte. Ausgehend von Marburg und Gießen verbreitete dieser den Sport in Deutschland. Clausen wurde nach dem Krieg Lehrer an Holger Geschwindners Gymnasium in Laubach und brachte den späteren Nowitzki-Mentor zum Basketball. Seinen eigenen Durchbruch feierte Geschwindner beim MTV 1846 Gießen, mit dem er an der Seite von Ernie Butler 1965 deutscher Meister wurde.

Bevor es zur folgenschweren Begegnung zwischen Nowitzki und Geschwindner kam, war Dirks Begabung bereits Mitte der 90er kein Geheimnis. "Er spielte in der Bayern-Auswahl und galt schon mit 14, 15 Jahren als großartiges Talent", erinnert sich Bernd Röder, der nach seiner aktiven Karriere Bundestrainer wurde und dem DBB lange als Jugendcoach verbunden blieb. "Alle waren davon überzeugt, aber er hatte eben nicht nur Basketball im Kopf, sondern auch Tennis und Handball. In einem Camp fiel er zwar als einer der Leistungsstärksten auf", so Röder weiter: "Die Auszeichnung hat er aber nicht bekommen, weil sich andere mehr angestrengt haben. Basketball bedeutete für ihn in erster Linie Spaß."

Erst Geschwindner fand einen Zugang zu Nowitzki und überzeugte ihn, nur noch auf den Sport mit der orangen Kugel zu setzen. Während er in Würzburg an der Seite von Robert Garrett und Marvin Willoughby die zweite Liga nach Belieben dominierte, erhielt Röder einen Anruf von Sandro Gamba, der das Team für eine Junioren-Weltauswahl beim alljährlichen Nike Hoop Summit in San Antonio zusammenstellte. "Ich konnte selbst nicht dabei sein. Gamba fragte mich aber, welchen Spieler aus Deutschland ich ihm empfehlen könne", erzählt Röder, der natürlich "den großen Blonden" anpries. Gamba stimmte zu, in Würzburg kämpfte man zeitgleich jedoch um den Bundesligaaufstieg. Erst als der Aufstieg feststand, wurde er in einer Nacht- und Nebelaktion in die USA gebracht. Geschwindner hatte die Reise heimlich organisiert. "Keiner wusste davon in Würzburg Bescheid. Beim Summit durfte er trotz seiner Verspätung spielen – und machte die Partie seines Lebens", schildert Röder, wie Nowitzki vor den Augen hunderter NBA-Scouts zum besten Mann der Weltauswahl gekürt und wenig später als neunter Spieler seines Jahrgangs gedraftet wurde.

34 Nowitzki-Punkte in der Osthalle reichen nicht

Ein Spielerstreik verhinderte aber, dass Nowitzki in Dallas bereits im Herbst zum Einsatz kam. Er kehrte nach Würzburg zurück und trat 1998 seine erste und einzige Bundesligasaison an. "Der Hype war enorm", erinnert sich Lutz Mandler zurück, der damals für die Gießen Flippers auf Korbjagd ging. Am 20. September 1998 bestritt der heute 153-malige Nationalspieler in der Gießener Sporthalle Ost das Bundesliga-Punktspiel bei den Flippers. Wegen dem nahenden Ende des Lockouts ging man davon aus, dass Nowitzki bald in die NBA wechseln würde. "Trotz des Rummels war er unglaublich entspannt. Ich fragte ihn in der Osthalle, ob er nach dem Spiel zu einem Kind mit der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose gehen könnte, das uns damals bei jeder Partie anfeuerte", erzählt Mandler, der heute als Co-Trainer für die 46ers Rackelos arbeitet, von seinem persönlichen Highlight. "Er sagte natürlich zu. Womit ich nicht gerechnet hatte, war aber, dass 200 Kids auf ihn zu rannten und ihn umringten. Er hat trotzdem alles stehen und liegen gelassen und erstmal das kranke Kind mit der Sauerstoffflasche aufgesucht", sagt Mandler weiter und ergänzt: "Das spiegelt eigentlich all das wieder, was man in den Medien über ihn liest: den Weltstar mit menschlichen Zügen." Die Gießener gewannen das Duell gegen DJK Würzburg trotz 34 Nowitzki-Punkten übrigens mit 98:92.

Nowitzki: "›Gießen tritt Arsch‹, wie geil ist das denn?" 

20 Jahre später – Nowitzki ist 14-facher Allstar, MVP der Saison 2006 und Champion von 2011 – traf eine Delegation der Gießen 46ers im März auf den Wahl-Texaner. Zunächst über Röder, dann über Geschwindner stellte Geschäftsführer Heiko Schelberg einen Kontakt zu Mavericks-Manager Donnie Nelson her, der die Gesellschafter und Verantwortlichen der 46ers nicht enttäuschte. Nach einer Hallenführung nebst Ausflug in den Locker Room der Mavs kommt es zum Meet & Greet mit Nowitzki. "Er war gut gelaunt, locker und hat über die Rivalität der 46ers mit Würzburg gesprochen", erinnert sich Schelberg gerne, der dem Vater von drei Kindern entlockt, das bei ihm zu Hause kein Deutsch mehr gesprochen wird. "Donnie hat uns angestachelt, ihn von einem weiteren Jahr in der NBA zu überzeugen. Dirk hat aber schon da signalisiert, dass er zu 99 Prozent aufhört", so Schelberg weiter, der betont, dass Nowitzki nie ein Gefühl der Distanz aufbaut. "Man hat sich sofort wohlgefühlt. Da gibt es Spieler mit weit weniger Geld, die ganz anders sind", schwärmt der 46ers-Macher.

Vor dem American-Airlines-Center in Dallas will Club-Eigentümer Mark Cuban nun eine überlebensgroße Statue von Nowitzki errichten lassen. Im Herzen dürfte Dirk weiter der geerdete Junge aus Würzburg bleiben, der durch seine Hingabe zum Basketball das Spiel revolutionierte.

Davon zeugt auch eine Anekdote, die mit Lukas Becker, ein Mitarbeiter dieser Zeitung, erlebte. Bei einem Sponsorenevent 2015 traf er auf den Nationalspieler, der kichernd auf Lukas’ T-Shirt zeigte und die Aufschrift las: "›Gießen tritt Arsch‹, wie geil ist das denn?" Anschließend plauderte Dirk über die damalige Finalserie zwischen den 46ers und Würzburg in der Pro A – als sei er der Junge von nebenan.

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