Gießens Guard Siyani Chambers verzieht das Gesicht (Foto: mv)
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Gießens Guard Siyani Chambers verzieht das Gesicht (Foto: mv)

Gießen 46ers

Im Schlussviertel geht Gießen die Luft aus

  • VonMartin Vogel
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Larry Gordon fasste die 80:95 (46:42)-Niederlage der Gießen 46ers bei medi Bayreuth noch auf dem Parkett kurz und prägnant zusammen: "Wir hatten das Spiel schon, aber haben es einfach abgegeben."

Wenn man allerdings nur das Statement des Forwards  liest, würde man die Geschichte des Spiels ungebührlich verkürzen. Denn wer in die Halle kam, der sah Guard Max Landis auf der Bank: Der US-Amerikaner musste sich vor Spielbeginn übergeben, saß sichtlich blaß auf seinem Platz und sah sich das Geschehen von draußen an. Die Verletzten, Benjamin Lischka und Alen Pjanic, hatten den Trip nach Oberfranken gar nicht erst angetreten und waren in Gießen geblieben. So blieb als Entlastung von der Bank letztlich nur noch Mahir Agva – die Guards Siyani Chambers und Bjarne Kraushaar blieben blass und strahlten offensiv keine Gefahr aus. Und so gingen die 46ers de facto mit einer Sechs-Mann-Rotation ins Spiel, und zunächst machten sie ihre Aufgabe auch gar nicht schlecht.

Gießen drückte von Anfang an aufs Gas, nutzte die Chancen in der Offensive und sorgte mit zwei Dunks von Larry Gordon für die ersten Highlights des Spiels. Allerdings offenbarten sich auch Schwächen: Defensiv waren die 46ers nicht immer auf der Höhe, ließen sich aus der Zone locken und ermöglichten den Bayreuthern so offene Würfe in Korbnähe. So behielt Bayreuth die Nase knapp vorn – vor allem, als die 46ers im zweiten Spielabschnitt zunächst schwankten: Die Gastgeber nutzten die Schwächephase, erspielten sich eine 34:28-Führung, hatten die 3.121 Zuschauer im Rücken und zwangen Ingo Freyer zu einer Auszeit.

Die Ansprache des Trainers zeigte umgehend Wirkung. Die Gießener nutzten ihre Überlegenheit unter dem Korb über John Bryant nun konsequenter aus: Vor allem im Rebounding dominierte Bryant nun seine Gegenspieler, sammelte allein in der ersten Hälfte elf Bretter ein. Mit dem Aufschwung des MVP-Kandidaten drehte sich die gesamte Partie, Gießen zog wieder an Bayreuth vorbei und ging beim 46:42 mit einem Vier-Punkte-Vorsprung in die Halbzeitpause.

Nach dem Seitenwechsel erhöhten die Hausherren den Druck in der Defense: Kaum hatten die Gießener den Ball im Spiel, stand ein Bayreuther ihnen auf den Füßen. Eric Mika, bei dem für jeden Zuschauer sofort ersichtlich ist, wie unangenehm er als Gegenspieler ist, bearbeitete John Bryant mit allem, was er hatte. Vor allem aber vertraute Raoul Korner nun seiner zweiten Fünf: Bastian Doreth, der Slowene Gregor Hrovat und Andreas Seiferth kamen frisch von der Bank und hielten den Druck hoch, während sich die Gießener mit Händen und Füßen wehrten. Als bei einem Dreier von Hrovat abseits des Balles ein Foul gegen Gordon gepfiffen wurde, nutzte Nationalspieler Doreth den daraus resultierenden Ballbesitz und netzte einen weiteren Distanzwurf zum 67:67-Ausgleich ein. Für Ingo Freyer begann hier das Spiel zu kippen: „Der Pfiff war sehr komisch“, konnte der Coach auch in der Pressekonferenz die Entscheidung der Unparteiischen noch nicht nachvollziehen.

Es war der Schlag, der die Gießen 46ers endgültig aus dieser Partie beförderte: Sie waren nun stehend k.o. und für jeden in der Halle war es zu sehen. In den ersten acht Minuten der Schlussviertels gab es gerade einmal zwei Treffer für die Gießener, dafür aber acht Fehlwürfe aus dem Feld, acht Ballverluste und drei Fehlwürfe von der Freiwurflinie – Bayreuth war auf 89:71 davongezogen.  „Im letzten Viertel war die Luft raus, wir waren mental kaum noch da. Das belegen auch die Turnover gegen die Presse, das passiert uns normalerweise nie.“ Erst in den letzten beiden Minuten gelang noch etwas Ergebniskosmetik – doch die Niederlage gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf um die Playoffs ließ sich da schon lange nicht mehr vermeiden. „Wir haben wirklich eine Menge richtig gemacht, aber irgendwann kam der Punkt, wo wir es aus der Hand gegeben haben“, kommentierte Freyer, der die Spieler aus seiner ersten Fünf allesamt zwischen 31:49 und 35:19 Minuten auf dem Parkett lassen musste.

Mit der Niederlage in diesem „Vier-Punkt-Spiel“ sinken die Chancen auf die Playoffs wieder, doch angesichts der engen Tabellensituation ist auch noch kein Grund zum Trübsal blasen angesagt. Nach dem Duell mit ALBA Berlin in der kommenden Woche birgt der Spielplan vor allem Teams aus dem Tabellenkeller und damit auch wieder genug Chancen, mit dem kompletten Kader ein Spiel zu haben – und auch zu behalten.

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