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Jugendtrainer appellieren: Erfolg nicht an der Tabelle ablesbar

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Von: Michael Nickolaus, Sven Nordmann

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Gießen 46ers, HSG Wetzlar, EC Bad Nauheim, TSG Wieseck: Erstmals bringen wir vier heimische Jugendtrainer zusammen. Ein Jugend-Gipfel über Ziele, Verantwortung und Wertschätzung.

»Am Ende muss der Jugendspieler im Profiteam landen«, sagt Thaddäus Kaeuffer, Jugendtrainer von den Gießen 46ers – das ist sein Verständnis von guter Jugendarbeit. Dass diese in Mittelhessen betrieben wird, steht außer Frage: Die TSG Wieseck ist im Fußball die Ausbildungsplattform schlechthin für zig Bundesligisten. Die HSG Wetzlar ist mit der Handball-A-Jugend gerade deutscher Meister geworden, die Gießen 46ers im Basketball und der EC Bad Nauheim im Eishockey sind in den Top-Ligen der Jugend vertreten.

Ob die Nachwuchsarbeit nach Ansicht der Jugendleiter und -trainer auch genug Wertschätzung erfährt, welchen Sinn Hauptamtlichkeit hat und was der Maßstab für gute Jugendarbeit ist – darüber wird im ersten von drei Teilen des mittelhessischen Jugend-Gipfels diskutiert.  

Beim EC Bad Nauheim und den Gießen 46ers gibt es drei hauptamtliche Jugendtrainer, bei der TSG Wieseck zwei, bei der HSG Wetzlar einen. Welche großen Vorteile besitzt die Hauptamtlichkeit im Jugendbereich, Herr Kaueffer?

Thaddäus Kaueffer (Gießen 46ers): Es ist sehr sinnvoll. Ich kümmere mich um Basketballcamps und Schulprogramme, besuche die Schulen und verbringe dort viel Zeit. Dazu leite ich Basketball-AGs und bin abends beim normalen Training mit den Kindern in der Halle.  

Können Sie konkrete Beispiele nennen, in denen die Hauptamtlichkeit hilft?

Kaeuffer (Gießen 46ers): In der Zusammenarbeit mit den Schulen wie erwähnt. Und gerade die Kleinen bei mir in der U12 haben ja nicht immer die beste Übersicht. Da versuchen drei Leute zum Korb zu ziehen und auf Video kannst du ihnen dann mal zeigen: Da sind noch zwei Leute, die frei stehen. Das war total sinnvoll und die Kinder waren begeistert von so einem kurzen Videostudium. Das kann man eigentlich auch nur als hauptamtlicher Trainer machen. Es ist immer etwas anderes, wenn jemand das nebenher macht oder ob jemand den Sport mit voller Kraft vorantreibt. In Amerika sind College-Trainer 30 Jahre lang in einer Altersklasse. Die meisten in Deutschland wollen aber hoch in den Seniorenbereich – weil sie dort ihre Familien auch viel eher ernähren können. Das ist ein Problem. Wir müssen aus dem Jugendtrainer ein größeres Berufsfeld machen.

Ich erwarte, dass der Trainer mindestens zwei Jugendliche integriert

Daniel Heinrizi

Gibt es bei für Sie, Herr Weber, bei der HSG Wetzlar den Wunsch nach mehr hauptamtlichen Jugendtrainern?

Thomas Weber (HSG Wetzlar): Die Firma, die über allem steht, bestimmt die Regel. Natürlich wäre es schön, wenn man es schafft, viele festangestellte Jugendtrainer für den Unterbau einzustellen. Damit mehr den Sprung in die erste Profimannschaft schaffen. Weil, wenn man ehrlich ist: Es sind nicht viele.

Daniel Heinrizi (EC Bad Nauheim): Wir können Jugendliche nur bis zu einem gewissen Punkt ausbilden. Es sind nur ganz wenige, die mit 18, 19 Jahren bereit sind für den Profibereich. Wenn es um den Übergang zu den Profis geht, sage ich: Du brauchst einen Cheftrainer, der bereit ist, diese Jugendlichen einzusetzen.

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Deniz Solmaz (TSG Wieseck): Es ist aber auch nicht einfach für den Cheftrainer im Profibereich. Er bekommt Druck.

Heinrizi (EC Bad Nauheim): Da sind wir beim Verein, der sagen muss: Ich erwarte, dass der Trainer mindestens zwei Jugendliche integriert.

Solmaz (TSG Wieseck): Ich bezweifle, dass das heutzutage im Profibereich realistisch ist. Da hast du sofort die Fans im Nacken.  

Wir produzieren Spieler für den Markt

Deniz Solmaz

Die HSG Wetzlar ist in der letzten Saison A-Jugendmeister geworden. Mit Till Klimpke und Hendrik Schreiber, der allerdings kaum spielte, haben es zwei Spieler in den Bundesligakader geschafft.

Weber (HSG Wetzlar): Es ist ja immer die Frage: Haben die jungen Spieler schon die Qualität für einen Bundesligakader? Im Feld ist es für einen jungen Spieler noch schwerer, sich zu integrieren als im Tor. Wir haben jetzt wieder ein, zwei Spieler, wo man sagt: Es könnte was werden. Wenn die zweite Mannschaft der HSG Wetzlar in die dritte Liga aufsteigen würden, wäre es das ideale Sprungbrett.

Bei der TSG Wieseck ist die Jugend der Star – die erste Mannschaft spielt in der siebten Fußballliga.

Solmaz (TSG Wieseck): Wir pflegen eine Kooperation mit Eintracht Frankfurt und sprechen regelmäßig – wir haben nicht die eine erste Mannschaft, sondern viele Vereine wie die Eintracht oder den 1. FC Köln, mit denen wir uns unterhalten. Wir produzieren Spieler für den Markt. Wir sind deutschlandweit akzeptiert als einer der Ausbildungsvereine.

Heinrizi (EC Bad Nauheim): Gibt es Altersgrenzen, ab denen ihr Spieler abgebt?

Solmaz (TSG Wieseck): Durch die Kooperation mit der Eintracht wollen wir dafür sorgen, dass die Spieler erst mit 14 oder 15 Jahren in ein NLZ wechseln. Andere Vereine wie Mainz 05 versuchen das zu untergraben und jagen die Spieler mit elf, zwölf Jahren ab. Im Fußball ist so viel Geld im Umfluss, von dem jeder profitieren will.  

Ein junger Spieler aus Bad Nauheim, der es in den Profikader schafft, ist günstiger als ein Externer, der für die Kaderstelle in der vierten Sturmreihe geholt wird.

Daniel Heinrizi

Heinrizi (EC Bad Nauheim): In den letzten drei Jahren haben wir sieben Jugendspieler an Mannheim abgegeben und haben dafür kein Geld bekommen. Dann fahren die Eltern viermal in der Woche von Bad Nauheim nach Mannheim.

Solmaz (TSG Wieseck): Ich glaube wir sind noch eher auf die Ablösen angewiesen, weil wir keine erste Mannschaft oben drüber haben...

Weber (HSG Wetzlar): Naja gut, halt mal...(alle lachen) Unser Budget ist auch sehr gering. Das ist ein harter Kampf.

Herr Weber, der Cheftrainer der HSG Wetzlar, Kai Wandschneider, sagte neulich: »Warum soll ein Jugendtrainer nicht genauso wichtig für einen Verein sein wie der Cheftrainer?«

Weber (HSG Wetzlar): Ja, es ist schön, dass er das sagt. Ich fühle mich auch nicht unwichtig in diesem Verein. Von Kai wird sehr viel angenommen, was ich sage.  

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Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Weber (HSG Wetzlar): Wir sprechen eigentlich täglich. Wichtige Dinge über Spieler werden zwei- bis dreimal die Woche in einer Viertelstunde besprochen.

Heinrizi (EC Bad Nauheim): Wichtig ist, dass sich der Cheftrainer oder einer seiner Vertrauten die Jugendspiele anschaut. Wir sitzen auch regelmäßig zusammen.

Erfährt die Jugendarbeit die Wertschätzung, die ihr euch für euren Verein vorstellt?

Heinrizi (EC Bad Nauheim): Jein mit der Tendenz zu Nein. So eine GmbH wie die HSG Wetzlar, der EC Bad Nauheim oder die Gießen 46ers schießen jedes Jahr Kohle rein – wenn man dann kein richtiges Interesse daran hat, dass auch etwas rauskommt, braucht man es auch nicht machen. Im Eishockey weiß ich es: Ein junger Spieler aus Bad Nauheim, der es in den Profikader schafft, ist günstiger als ein Externer, der für die Kaderstelle in der vierten Sturmreihe geholt wird. Eigentlich hast du vom Kostenfaktor her einen Anreiz.

Solmaz (TSG Wieseck): Aber erst mittel- oder langfristig. Da fehlt vielen die Geduld. Es ist doch wie eine Forschungsabteilung. Das Problem ist doch, dass du viele Verantwortliche hast, die nur ihren Job retten wollen – kurzfristig. Da ist manchmal egal, was mit der Jugend ist.

Kaeuffer (Gießen 46ers): Im Basketball brauchst du in der Bundesliga sechs deutsche Spieler im Kader – und gute deutsche Basketballer sind selten, Amerikaner dagegen gibt es wie Sand am Meer. Deshalb verdienen die guten deutschen Spieler mehr als die Amerikaner und deshalb wäre es eigentlich ein Anreiz, eigene Talente heranzuziehen.  

Es ist schade, wenn Jugendtrainer zwingend Siege über die Entwicklung stellen.

Thaddäus Kaueffer

Eigene Talente heranziehen – geht das vor allem über die geduldige Entwicklung oder sind Platzierungen elementar?

Kaeuffer (Gießen 46ers): Es ist schade, wenn Jugendtrainer zwingend Siege über die Entwicklung stellen. Meine Arbeit sollte doch daran gemessen werden, wie viele Spieler in der Jugendbundesliga landen und nicht, welchen Tabellenplatz wir in der U12 erreichen.

Solmaz (TSG Wieseck): Wenn der U17-Trainer der Eintracht nicht mindestens Achter wird, ist er weg vom Fenster. Schafft er es, ist es ziemlich egal, wieviele Spieler er auf dem Weg dahin verbrannt hat. Das ist natürlich fragwürdig. Wir als Jugendtrainer wissen, dass der Tabellenplatz nicht entscheidend sein sollte. Du brauchst aber jemanden über dir, der das alles einschätzen kann und bei aktuell schlechteren Platzierungen, egal in welchem Sport, die Ruhe behält.

Kaeuffer (Gießen 46ers): Ja, denn sonst kannst du Spieler mit gewissem Potenzial nicht ausbilden. Manche entwickeln sich eben schneller oder sind körperlich schon weiter als andere – und wenn Platzierungen darüber entscheiden, ob du ein guter Jugendtrainer bist oder nicht, wirst du immer die Spieler wählen, die schon einen Tick weiter sind oder bessere körperliche Voraussetzungen haben. Du willst aber eigentlich alle gut ausbilden.

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Was ist denn letztlich das Hauptkriterium für gute Jugendarbeit?

Kaeuffer (Gießen 46ers): Am Ende muss der Jugendspieler im Profiteam landen, dann kann man sagen, dass gute Jugendarbeit gemacht wurde.

Weber (HSG Wetzlar): Da gehört ja auch immer viel Glück dazu.

Solmaz (TSG Wieseck): Ich finde, die Jugendspieler müssen als Mensch behandelt werden. Ich unterstütze auch denjenigen, der in der B-Jugend sagt: Ich habe keine Lust mehr. Dann versuche ich trotzdem mit ihm in Kontakt zu bleiben, weil es ein Mensch ist und keine Maschine, die im Fußball funktionieren muss.

Kaeuffer (Gießen 46ers): Aus Breitensportsicht können wir froh über jedes Kind sein, das nicht auf der Straße ist, sondern Sport treibt. Aber im Leistungssport geht es um die Ausbildung.

Solmaz (TSG Wieseck): Definitiv. Sie bekommen in der Zeit, in der sie bei uns sind, das Maximale an Input. Aber alles beeinflussen, wie sich jemand entwickelt, kann man nicht immer. Natürlich finden wir es toll, wenn Luca Waldschmidt den Hamburger SV zum Klassenerhalt schießt und wir wissen: Der kommt von uns. Aber das ist ja nicht das Einzige, was zählt.

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