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Grenzen setzen bei Eltern und Handy

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Von: Michael Nickolaus, Sven Nordmann

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Egal ob Fußball, Basketball, Handball oder Eishockey: Das Verhalten der Jugendspieler in Zeiten von Smartphone und Co. verändert sich. Heimische Jugendtrainer erklären, was das für ihre Arbeit bedeutet.

Ob eingeschränkte Blickwinkel von Dreijährigen, Jugendfußballer, die wie Maschinen funktionieren, oder immer weniger Jugendliche, die die »Last Profisport« auf sich nehmen wollen – die Herausforderungen, die die modernen Medien und der gesellschaftliche Wandel mit sich bringen, sind groß. Darin sind sich die vier mittelhessischen Jugendtrainer im Gespräch in den Räumen unserer Redaktion einig.  

Hat man als Jugendtrainer eine pädagogische Verantwortung?

Deniz Solmaz (TSG Wieseck): In der U17, das kann ich sagen, hast du einen großen Einfluss. Das ist das, weshalb ich das mache. Einmal im Jahr fahren wir ins Trainingslager auf die Hütte in den Bergen, weil ich will, dass die das Leben wieder kennenlernen ohne Smartphones. Und nach einem Tag merke ich, wie die Jungs ohne Handy richtig befreit sind.

Daniel Heinrizi (EC Bad Nauheim): Ich hab es teilweise schon erlebt, dass Eltern mich darum gebeten haben: Sag meinem Sohn doch mal bitte, dass er wieder mehr für die Schule machen soll. Hallo? Du bist Vater bzw. Mutter und hast dein Kind täglich. Der Einfluss, den du auf die Persönlichkeitsentwicklung nehmen kannst, ist, gerade im Teamsport, gegeben und eine tolle Sache – wenn du ein Trainer bist, der engagiert ist.

Solmaz (TSG Wieseck): Im Hochleistungssport gibt es diese Persönlichkeitsentwicklung aber immer seltener, da gibt es keinen Querdenker mehr.

Heinrizi (EC Bad Nauheim): Sie werden auch in den Internaten im Eishockey früh in eine Schiene gesteckt. Es ist ganz selten so, dass ich sage: Es ist notwendig, dass du in ein Internat wechselst, weil du dich hier nicht mehr weiterentwickeln kannst. Im eigenen Verein entwickelt sich ein Kind auch ganz anders, kann viel kreativer werden – wenn man es lässt. Es kann eine andere Führungsrolle annehmen, als wenn es im Internat und im System in eine Schiene gepresst wird.

Thaddäus Kaeuffer (Gießen 46ers): Bei uns in der U12 ist Blöcke stellen als taktisches Element verboten. Da gibt es noch kein Spielen nach System, sondern eher frei mit gewissen Grundprinzipien.

Solmaz (TSG Wieseck): Das gibt’s im Jugendfußball kaum, weil die Trainer sich selbst wichtig nehmen. Sie wollen nach oben, und schon hast du auch in der U12 taktische Systeme: Ich sage, du spielst das jetzt, Kopf aus. Deshalb meine ich: Alle müssen mal wieder etwas zurückfahren und sagen: Das ist der Sport unserer Jungs. Wir sind im Fußball zwar einige Jahre voraus, aber man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird, gerade im Jugendfußball. So viele Berater und Leute, die profitieren wollen. Der Mensch, der auf dem Platz steht, interessiert immer weniger. Den talentierten Spielern wird alles abgenommen, sie haben kein normales eigenes Leben mehr. Sie hängen im Internat nur in ihrem Zimmer rum. Auf dem Platz siehst du immer mehr emotionslose Spieler, die nur noch die Karriere sehen. Sie sind keine eigenständigen Spieler mehr, die kreative Entscheidungen treffen.  

Stellen Sie in Zeiten von Smartphone und Co. ein verändertes Verhalten der Jugendlichen fest?

Thomas Weber (HSG Wetzlar): Es wird komplizierter. Es sind immer weniger, die die Last auf sich nehmen.  

Last?

Weber (HSG Wetzlar): Du musst dich als Jugendlicher entscheiden, dass Sport und Schule die Hauptinhalte von deinem Leben sind und sonst nicht mehr viel Zeit übrig bleibt.

Solmaz (TSG Wieseck): Warum soll ich vor oder nach dem Training noch mal etwas zusätzlich machen? Ich chille lieber auf Facebook oder schaue Netflix. Viele wissen, glaube ich, nicht mehr, dass Erfolg von Arbeit kommt und dass man etwas tun muss, um besser zu sein als andere.

Kaeuffer (Gießen 46ers): Schon bei den Dreijährigen, die bei uns schon Basketball spielen, siehst du, wer früh vor das iPad gesetzt wurde. Es gibt Studien, dass Kinder, die nur aufs Handy gucken, die weite Sicht gar nicht haben. Man muss zumindest versuchen, da gegenzusteuern. Wir machen teilweise Übungen mit Tennisbällen – die kannst du weiter werfen als Basketbälle. Damit das Auge für den weiten Pass auch mal geschärft wird.

Solmaz (TSG Wieseck): Bei uns sind Handys verboten, da muss man einfach auch mal wieder Grenzen setzen. Als wir in Österreich auf der Hütte im Trainingslager waren, da waren sie am ersten Abend echt sauer auf mich. Aber am zweiten Tag haben sie Karten gespielt oder eine kleine Theater-AG gegründet – da erzählen sie teilweise heute noch von. Also nehme ich die Handys gerne mal weg und ziehe den Zorn auf mich. Da müssen wir als Trainer stärker werden. Auch Eltern gegenüber. Die müssen mich nicht anrufen, sie bekommen alle Infos über einen Online-Kalender.  

Wie wichtig sind Eltern für das Funktionieren eines Teams?

Kaeuffer (Gießen 46ers): Es ist total wichtig, dass Eltern ihren Job machen. Sie sollen ihre Kinder zum Training fahren, gesundes Essen kochen und das Kind mal fragen, wie es läuft – das war’s, auf unseren Teamsport bezogen.

Weber (HSG Wetzlar): Wenn ich eine Fahrgemeinschaft bilde, sind die Eltern sauwichtig. Sie sind aber total unwichtig im Trainingsbetrieb.

Solmaz (TSG Wieseck): Die Eltern müssen eben wissen, wo die Grenzen sind. Ansonsten hast du draußen zehn Trainer, die reinrufen.  

Als Jugendtrainer arbeitet man eher im Hintergrund und hat mit Fluktuation im Kader zu tun. Warum sind Sie trotzdem lieber Jugend- als Seniorentrainer?

Heinrizi (EC Bad Nauheim): Es gibt Pros und Contras. Die Arbeit mit jungen Kindern und sie langfristig zu entwickeln, macht mir momentan mehr Spaß, als auf den reinen Erfolgsdruck aus zu sein.

Kaeuffer (Gießen 46ers): Ich bin im U12-Bereich sehr gerne, weil die Kinder sehr, sehr schnell lernen. Wenn ich die dann zehn Jahre später noch mal sehe und sie wissen: Der hat mir den Korbleger beigebracht, dann ist das schön. Zur Fluktuation: Man versucht vorzubauen, damit die Übergänge fließend sind. Und man bekommt ständig neue Charaktere. So bleibt’s immer spannend.

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