Gießens Cheftrainer Ingo Freyer (l.) beweist im Gespräch - natürlich mit dem gebührenden Abstand - mit Sportredakteur Wolfgang Gärtner seine Schlagfertigkeit. FOTO: SMG
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Gießens Cheftrainer Ingo Freyer (l.) beweist im Gespräch - natürlich mit dem gebührenden Abstand - mit Sportredakteur Wolfgang Gärtner seine Schlagfertigkeit. FOTO: SMG

Gießen 46ers

Gießen 46ers: Trainer Ingo Freyer äußert sich zum Thema John Bryant

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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Ingo Freyer sehnt sich nach dem tagtäglichen Training mit seinem Team. "Das ist das, was ich am liebsten mache", sagt der Trainer der Gießen 46ers. Er weiß, dass es in den ungewissen Corona-Zeiten noch dauern wird, bis die Normalität wieder eintritt. Der 49-Jährige nennt Gewinner der für die 46ers vorzeitig beendeten Saison 2019/20 und wirft auch einen Blick auf eine möglichst bald beginnende neue Spielzeit.

Von wegen unterkühlter Norddeutscher: 46ers-Coach Ingo Freyer ist im Interview mit dieser Zeitung in seinem Element. Facettenreich, emotional, schlagfertig. Der 49-Jährige liebt seinen Job. Er weiß, dass er mit seiner Art, Basketball zu spielen, durchaus polarisiert. Er selbst ist - wie die gesamte sportliche Crew - nach dem vorzeitigen Saisonende in Kurzarbeit.

Was haben Sie in dem Moment gedacht, als Sie wussten, die Saison ist für die Gießen 46ers vorzeitig vorbei?

An einen Saisonabbruch wollte ich nie so recht glauben - und plötzlich war er da. Das ist sehr schade, dass man eine Saison nicht zu Ende spielen kann. Im letzten Drittel einer Spielzeit kommen auf einen spezielle Komponenten zu - wie bei uns die Jugendförderung. Wenn ich weiß, dass tabellarisch nach oben oder unten nichts mehr geht, dann bringe ich gerne junge Spieler wie Leon Okpara, Tim Köpple oder Tim Uhlemann, die sonst nicht so viel spielen. Ich hätte zudem Bjarne Kraushaar und Alen Pjanic noch mehr in unser Spiel eingebunden als sie es ohnehin schon waren. Sie alle zahlen einem dies in der nächsten Saison zurück.

Das Aussetzen der BBL kam einen Tag vor der richtungsweisenden Auswärtspartie in Weißenfels. Bei einer Niederlage Ihres Teams hätte es im Kampf um den Klassenerhalt noch einmal eng werden können?

Wir hatten uns ein paar nette Sachen für den MBC ausgedacht und wollten den Schlussspurt einläuten. Aber wir waren uns sicher, dass wir dort gewinnen. Meine Mannschaften bergen immer viel Risiko - sowohl in der Spielerverpflichtung als auch in der Spielweise und Spielidee. So können wir Mannschaften schlagen, womit keiner rechnet, aber auch gegen Teams verlieren, die weiter unten angesiedelt sind.

Gibt es für Sie Gewinner in Ihrem Team, die einen Leistungssprung verzeichnet haben?

Da haben wir natürlich Bjarne und Alen, die wir auf dem Niveau noch nie so haben spielen sehen. Ihnen haben wir Verantwortung übergeben - und sie haben sich unglaublich weiterentwickelt. Das wird uns in der nächsten Saison auf jeden Fall weiterhelfen. Imponiert hat mir auch Luke Petrasek nach seiner Verletzung. Als er nach Gießen gekommen ist, war er noch kein Bundesliga-Arbeiter. Die Spieler, die vom College oder von der G-League kommen, sind es nicht gewohnt, so wie wir zu trainieren. Manche haben Probleme, sich zwei Stunden zu konzentrieren und volle Pulle zu gehen - und das dann noch gleich zweimal am Tag. Bei Luke hat es nach seiner Verletzung Klick gemacht. Er war auf einmal ein ganz anderer Spieler. Und Tiby ist ein Gewinner. Er war für uns eine absolute Führungspersönlichkeit - vom Spielerischen her und auch von der Hierarchie in der Mannschaft, wie er auch außerhalb aufgetreten ist.

Dann hätten Sie neben den noch vertraglich an die 46ers gebundenen Brandon Thomas, Bjarne Kraushaar, Alen Pjanic und Tim Uhlemann mit Petrasek und Tiby schon zwei Kandidaten für die kommende Spielzeit?

Unser Ziel ist es, den einen oder anderen zu behalten. Aber um eine klare Antwort zu geben, ist es einfach noch zu früh, weil wir wegen der Corona-Krise und ihren Auswirkungen noch gar nicht wissen, welchen Etat wir zur Verfügung haben.

Namen kann man keine nennen?

Nein. Wir wissen aber, dass die Spieler gerne zurückkommen würden, weil es ihnen hier gut gefallen hat. Ich habe mich mit allen gut verstanden.

Wie geht es mit Ihrem Kapitän John Bryant weiter. Sein Vertrag läuft aus?

Es ist vorstellbar, dass John unter bestimmten Umständen hierbleiben könnte. Ob die Umstände eintreten, weiß ich nicht. Dazu müssen noch Gespräche geführt werden und die gehen erst los, wenn ich von Mike (Michael Koch, Geschäftsführer und Sportdirektor) das Go bekomme. Erst dann wissen wir, mit was wir planen können.

Michael Koch ist der neue Sportdirektor und hat damit das Sagen in sportlichen Dingen. Wie gehen Sie damit um?

Die Zusammenarbeit klappt wunderbar, was die sportliche Ausrichtung und die Analyse angeht, da treffen wir den gleichen Punkt. Er war selbst Headcoach und kann alles 100-prozentig nachvollziehen.

Wer schlägt bei der Rekrutierung die Spieler vor?

Das machen wir zusammen. Er hat seine Kontakte, die er sich in 20 Jahren aufgebaut hat - genauso wie ich. Wir packen die zusammen und haben dadurch einen Mehrwert. Daraus nehmen wir das Beste.

Welche gemeinsame Vorstellung gibt es bezüglich der kommenden Mannschaft. Was kann man von ihr erwarten?

Wir wollen eine Mannschaft aufbauen, die tough, schlau und athletisch ist - gepaart mit sehr viel Wurf von außen, die schnell und aggressiv agiert. Jeder Spieler muss defenseminded und variabel sein. Wir wissen, dass wir das nicht alles zusammen von jedem Spieler bekommen. Aber das werden die Spielertypen sein, nach denen wir suchen.

Zurzeit ist die Netflix-Doku-Serie "The Last Dance", in der das Wirken von Superstar Michael Jordan und den Chicago Bulls in den 80er und 90er Jahren erzählt wird, der Renner unter den Basketballern. Der damalige Erfolgstrainer Phil Jackson, der mit den Bulls sechs NBA-Titel holte, sagt, dass er ein Freund der Spieler gewesen sei. Wie stehen Sie diesbezüglich zu Ihren Akteuren?

Wenn ich mich in eine Richtung einschätzen würde, dann in die der freundschaftlichen. Man muss ein gutes Mittelmaß finden. Ich versuche, mit den Spielern alleine viel Kontakt zu haben - vor und nach dem Training oder außerhalb, wo du dich auf Augenhöhe unterhältst und auch private Dinge ansprichst. Im Training und bei der Besprechung bist du derjenige, der absolut oben steht und wo keiner viel sagen oder reinreden darf.

Sie reflektieren sicher Ihr Verhalten beim Coachen von der Seitenlinie. Kritiker sagen, dass Sie mit Ihrer ruhigen, überlegten Art den Spielern nicht helfen würden.

Man vernimmt immer mehrere Seiten. Früher habe ich gehört, dass ich als stoischer Norddeutscher genau dort hineininterpretiert werde, danach aber auch oft, dass ich total emotional sei. Ich bin vom Typ her emotional, aber berechnend. Ich versuche, die Emotionalität so zu steuern, dass es für uns das Richtige für die Situation ist. Es passiert auch, dass man zu aufbrausend reagiert, obwohl man das gar nicht wollte. Auf der anderen Seite gibt es auch Situationen während einer Partie, wo ich mich einfach mal ein bis zwei Minuten auf die Bank setze, um das Spiel mit Abstand zu analysieren. Egal, was du machst, es gibt immer Leute, die finden das gut oder nicht. Du kannst es nicht allen recht machen.

Die Freyer-raus-Rufe waren bei einigen Heimspielen nicht zu überhören. Wie verarbeiten Sie das?

Das muss ich akzeptieren, wir unterhalten die Leute. Die Fans dürfen ihren Emotionen freien Lauf lassen. Das ist okay. Wenn ich vor dem Fernseher sitze und Fußball-Nationalmannschaft schaue, rege ich mich auch auf. Aber ich habe auch erlebt, wie Fans nach einem Sieg geweint oder sich gefreut haben. Da geht das in die andere Richtung. Du musst mit allem umgehen können, sonst kannst du in diesem Job nicht bestehen.

Sie haben in Gießen bislang drei Teams gecoacht. Wen würden Sie von diesen Spielern in Ihre Starting Five stellen?

Auf der Eins die Schlitzohrigkeit von Dee Davis zusammen mit dem Spielverständnis von Jared Jordan und der Arbeitseinstellung von Stephen Brown. Auf der Position des Shootingguards David Bell, auf der Drei Austin Hollins. Für die Vier eine gute Mischung aus Petrasek und Tiby. Und für die Centerposition Bryant.

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