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Alle Hände voll zu tun hat Sebastian Schmidt, der neue geschäftsführende Sportdirektor des Basketball-Bundesligisten Gießen 46ers.

Gießen 46ers

Gießen 46ers: Geschäftsführer Sebastian Schmidt im Interview

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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Sebastian Schmidt zieht seit kurzem die Strippen bei den Gießen 46ers. Der neue geschäftsführende Sportdirektor fühlt sich in seiner Doppelrolle wohl. Der 35-Jährige liebt seinen Job und hat mit dem Erhalt der Wildcard und der Verpflichtung des neuen Cheftrainers Pete Strobl schon turbulente Zeiten gemeistert - trotz der wenigen Tage in seinem Amt.

Freizeit gibt es für Sebastian Schmidt momentan keine. Dazu gibt es einfach viel zu viel Arbeit bei den Gießen 46ers. Seit dem 1. Juni bekleidet der 35-Jährige beim Basketball-Erstligisten offiziell die Doppelfunktion Geschäftsführer und Sportdirektor. Die vielschichtige Herausforderung bereitet ihm Spaß - und er hat Großes vor, wie er im Interview verrät.

Was sind Ihre Aufgabenbereiche?

Im Moment haben wir zwei Geschäftsführer: noch Stephan Dehler (er arbeitet Schmidt im kaufmännischen Sektor ein) und meine Person. Stephan ist noch eine gewisse Übergangszeit hier - was sehr gut und wichtig ist, weil der Fokus bei mir auf Geschäftsführung und vor allem auf dem sportlichen Bereich liegt, weil wir uns in einem extremen Umbruch befinden. Ich konzentriere mich verstärkt auf Themen wie Rekrutieren der Trainer, Co-Trainer, Spieler und wie geht es weiter im Nachwuchsbereich und mit der inhaltlichen Weiterentwicklung der Basketball-Akademie.

Mit der Verpflichtung von Pete Strobl als neuen Cheftrainer haben Sie die erste wichtige Personalie getätigt. Was hat den Ausschlag für ihn gegeben?

Von der Reihenfolge muss man erst einmal schauen, wer ist auf dem Markt, wer passt in unser Profil für den speziellen Standort Gießen mit alldem, was dazugehört wie Akademie, JBBL, NBBL, mit Nachwuchs, mit Regionalliga-Teams aus der Region, mit der Pro B und der BBL. Ich bin überzeugt, dass Pete dafür genau der richtige Trainer ist. Er bringt eine Menge Dinge mit, was Individualtraining, was Weiterentwicklung der Spieler, was aber auch Mentoring der Trainer in der Halle angeht, die enorm wichtig sind. Wir werden uns sicherlich viele Aufgaben teilen. Wir sind auf einer Wellenlänge, was die Philosophie des Sports und was das taktische Verständnis angeht und wie wir Basketball spielen lassen wollen. Schnell, athletisch, immer mit einer hohen Intensität. Und wir wollen jungen Spielern, ob deutsch oder ausländisch, Vertrauen geben.

Für mich ist klar, ich bin nicht nach Gießen gekommen, um hier jedes Jahr um den Klassenerhalt zu spielen.

Sebastian Schmidt, Geschäftsführer und Sportdirektor Gießen 46ers

Die Verträge der Gießener Eigengewächse Bjarne Kraushaar und Alen Pjanic sind ausgelaufen. Vor allem Pjanic wird von vielen BBL-Klubs umschwärmt. Wie gehen Sie die Sache an? Sagen Sie, das sind unsere Anker - die brauchen wir für die Identifikation, oder sagen Sie, Reisende soll man nicht aufhalten?

Ich habe in den letzten Wochen mit allen Jungs, die unter Vertrag standen oder stehen, gesprochen. Bei uns haben aktuell nur noch die beiden Tims (Uhlemann und Köpple) einen Kontrakt. Ansonsten sind wir fast blank, was das Spielergerüst anbelangt. Die deutschen Spieler sehe ich grundsätzlich als Fundament und Säulen, die man längerfristig an einem Standort hält. Von daher sind sie für uns interessant. Es ist richtig, dass Alen wohl mehrere Angebote vorliegen hat und wir bis zu einem gewissen Grad wirtschaftlich da mitgehen können. Mit Bjarne sind wir auch in Gesprächen. Das wird sich durch den neuen Headcoach intensivieren, da man jetzt noch einmal andere Aussagen treffen kann.

Was bedeutet das?

Das heißt: Wir schauen, wen wir behalten können und wollen - und wer mit seiner Rolle einverstanden ist.

Wer hat letztlich die Befugnis, zu entscheiden, wird der Spieler genommen oder nicht? Durch die vorhandene Gesellschaftsstruktur ist es denkbar, dass das alles nicht so einfach ist?

Bei der Trainerentscheidung hatte ich absolut freie Hand. Natürlich nehme ich da in erster Linie den Aufsichtsrat mit. Das ist das Kontrollgremium der Geschäftsführung. Im Vorfeld war klar, wenn es einen Geschäftsführer Sport oder einen Sportdirektor gibt, dann muss er auch entscheiden, wer Trainer wird. Ich bin zum einen der, der für die Entscheidung geradestehen muss, und zum anderen bin ich der, der mit dem Trainer tagtäglich zusammenarbeiten muss.

In der kommenden Saison liegt der Mindestetat in der BBL bei 2,5 Millionen Euro. Wie hoch ist der von den Gießen 46ers?

Wir sind im Moment noch dran, mit den Sponsoren zu schauen, wie es in der kommenden Saison genau weitergeht. Es müssen Verträge geschlossen werden, die auch coronakonform sind, weil es für beide Seiten eine Absicherung geben muss. Grundsätzlich war wichtig, dass die Wildcard-Gebühr von 700 000 Euro nicht das Saison-Budget belastet. Sonst hätte es keinen Sinn gemacht. Ich gehe davon aus - und das ist mir auch so mitgegeben worden -, dass wir mit dem gleichen Spielerbudget wie in der vergangenen Spielzeit planen können.

Das war knapp eine Million. Oder?

Ich bin kein Freund davon, Zahlen zu nennen, weil es schw er ist, zu vergleichen. Man muss sich überlegen, wir haben die Rackelos noch hinten dran. Vom Teametat wird es aber in etwa identisch sein.

Welches sportliche Ziel geben Sie für die Saison 2021/22 aus? Immerhin haben Sie 700 000 Euro für die Wildcard hingeblättert, wenngleich der Betrag auf zwei Jahre auf je 350 000 Euro gesplittet ist und bei Abstieg nur einmal gezahlt werden muss?

Der erste Punkt ist, dass ich unbedingt auch im nächsten Jahr die 350 000 Euro zahlen will (lacht). Klar: Wir wollen so früh wie möglich den Klassenerhalt sicher haben. Das ist der erste Meilenstein. Aber langfristig gesehen, da sind Pete und ich uns einig, auch wenn wir noch gar keine Mannschaft haben, wollen wir uns woanders hinbewegen. Für mich ist klar, ich bin nicht nach Gießen gekommen, um hier jedes Jahr um den Klassenerhalt zu spielen.

Die Spieler müssen ihr Herz auf dem Parkett lassen.

Sebastian Schmidt, Geschäftsführer und Sportdirektor Gießen 46ers

Diese Aussage dürfte den Fans gefallen. Da muss sich aber nicht nur sportlich was ändern?

Das eine sind die sportlichen Ergebnisse in der Tabelle, da s andere sind die Rahmenbedingungen, die wir mit einem Trainingszentrum und einer neuen Arena schaffen müssen, was extrem wichtig sein wird, um überhaupt in fünf Jahren noch über BBL sprechen zu können. Andere Ziele sind die Weiterentwicklung von Spielern. Was mir ganz wichtig ist, das war auch ein ausschlaggebender Punkt für Pete wegen der gemeinsamen Spielphilosophie: Wenn die Leute in der Halle sind, sollen sie an dem, was sie sehen, Spaß haben.

Auf was können sich die Fans freuen?

Auf einen schnellen und teamorientierten Basketball und auf einen physischen Basketball, bei dem ordentlich an beiden Enden zugelangt wird. Und auf einen Basketball mit viel Leidenschaft. Sprich: Die Spieler müssen ihr Herz auf dem Parkett lassen.

Da muss bei der Rekrutierung neuer Spieler akribisch gearbeitet werden.

Bei der Teamzusammenstellung sind Statistiken und Karriere ein Punkt. Aber es geht um das Potenzial des Spielers und um seinen Charakter. Oftmals schlägt Charakter auch Talent, weil gekämpft wird. Qualität und Sicherheit kostet Geld. Da müssen wir einen guten Mittelweg finden. Wir brauchen einen Mix aus erfahrenen und jungen, talentierten Spielern - und das gepaart mit einem guten Charakter.

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