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Das Team der Gießen 46ers steht bei der „Hinter-dem-Korb-Fraktion“ in der Kritik. Trainer Rolf Scholz nehmen sie jedoch aus. (Archiv)

Basketball-Bundesliga

Gießen 46ers: Fans machen Ärger Luft - „Katastrophale Außendarstellung“

  • Florian Dörr
    VonFlorian Dörr
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Es läuft nicht rund für die Gießen 46ers in der Basketball-Bundesliga. Das Team ist mit drei Siegen aus 19 Spielen Letzter in der Tabelle. Nun richtet sich die „Hinter-dem-Korb-Fraktion“ mit einem Offenen Brief an die Gesellschafter. Auch Geschäftsführer und Sportdirektor Michael Koch wird deutlich kritisiert.

Gießen - Niemand hatte wohl ernsthaft erwartet, dass die Saison einfach werden würde. Kleiner Etat, Pandemie, Umbruch im Kader. Doch trotzdem: Was die Gießen 46ers aktuell in der Basketball-Bundesliga zeigen, sorgt bei vielen Fans wahlweise für Ärger oder Sorgen. Mit der „Hinter-dem-Korb-Fraktion“ macht sich nun eine gewichtige Gruppierung mit einem Offenen Brief Luft.

Darin wenden sich die Fans an die Spieler der Gießen 46ers genauso wie an die Verantwortlichen abseits des Parketts. Von einer „katastrophalen Außendarstellung“ des Clubs ist die Rede. Und: „Der Kleinkrieg zwischen den Gesellschaftern vor und nach der Demission von Heiko Schelberg ist nur schwer zu übersehen.“ Michael Koch als aktueller Geschäftsführer und Sportdirektor wird von den Fans mit deutlichen Worten kritisiert: Der auch von ihm zu verantwortende Kader wirke „desaströs“ zusammengestellt, seine Doppelrolle lege er aus, „wie es gerade am besten passt“.

Gießen 46ers: „Ein Dutzend Mitläufer, die ihre Zeit absitzen und in wenigen Wochen die Koffer packen“

Doch nicht nur den Kader als Gesamtkonstrukt kritisiert die „Hinter-dem-Korb-Fraktion“ der Gießen 46ers. Auch die Spieler selbst werden deutlich in die Pflicht genommen. „Wir sehen ein Dutzend Mitläufer, die ihre Zeit absitzen und in wenigen Wochen die Koffer packen. Wir empfinden dies als respektlos gegenüber dem Verein, dem Basketballstandort und uns als Fans“, heißt es. Dass das Team mangelhaft zusammengestellt sei, das sei nicht das Versagen der Spieler, dennoch erwarten die Verfasser des Offenen Briefs Einsatz.

Was die nähere Zukunft der Gießen 46ers angeht, da hat die „Hinter-dem-Korb-Fraktion“ eine Forderung: „Ein Rückzug in die ProA muss klug und transparent angegangen werden.“ Der Abstieg aus der Basketball-Bundesliga sei ohnehin nur noch auf dem Papier abwendbar. Tatsächlich steht der Club mitten in entscheidenden Wochen: Mit medi Bayreuth, dem Syntainics MBC und den Telekom Baskets Bonn warten in den kommenden Partien jeweils Gegner aus dem unteren Tabellendrittel.

Der Offene Brief im Wortlaut


Wir sind noch da

Corona führt dazu, dass wir nicht in der Halle dabei sein können. Das ist nachvollziehbar, das ist nicht neu. Aber wir fragen uns, ob den Verantwortlichen bewusst ist, welch katastrophale Außendarstellung seit einem Jahr rund um die 46ers herrscht. Fans in und um Gießen besorgt die Lage in zunehmenden Maße. Ein offener Brief:

Kopflos, führungslos?

Der Kleinkrieg zwischen den Gesellschaftern vor und nach der Demission von Heiko Schelberg ist nur schwer zu übersehen. Die Geschäftsstelle tut ihr Bestes, ist nach den vielen Personalwechseln aber in Sachen Professionalität um ein Jahrzehnt zurückgefallen. Eine langfristige Strategie ist nicht erkennbar. Es entsteht der Eindruck, dass die Sieger des unnötigen Machtkampfs all ihre Energie in diesen Kleinkrieg gesteckt haben, ohne daran zu denken, was danach kommen könnte. Dadurch ging viel Identifikation zwischen Geschäftsstelle und Fans verloren. Mike Koch wirkt unmotiviert und scheint sich seine Rolle als Sportdirektor oder Geschäftsführer so auszulegen, wie es gerade am besten passt. Es wurde innerhalb eines Jahres viel kaputt gemacht, was man sich seit dem Abstieg mühsam aufbaute. Sicherlich haben auch Schelberg und sein Team nicht alles richtiggemacht, aber sie waren sichtbar mit Herzblut dabei und immer um einen guten Draht zum Umfeld bemüht. Unter ihrer Riege hätte es sicherlich mehr als lieblose und kaum beworbene Supporter-Tickets gegeben.

Die sportliche Misere

Der Abstieg ist sportlich nur noch auf dem Papier abwendbar. Nach sieben erfolgreichen Jahren wurde mit Michael Koch ein Sportdirektor eingestellt, der unbestreitbaren Einfluss auf die Kaderzusammenstellung hatte. Das ist sein Job. Die Frage ist, mit welchem Konzept er und Ingo Freyer an diese Aufgabe herangegangen sind. Das Team taugt weder für die Run-and-Gun-Art, mit der Freyer zu spielen pflegte, und natürlich auch nicht für den Stil, für den Rolf Scholz normalerweise bekannt ist. Die Gesellschafter, die diese Personalentscheidungen in der Führungsebene vorgenommen haben, verantworten dies mit. Der Kader wirkt derart desaströs zusammengestellt, dass man den Eindruck gewinnen muss, dabei sei nicht mal im Ansatz das Gesamtgebilde der Mannschaft im Fokus gewesen. So mag die mangelnde Handschrift bei der Kaderzusammenstellung zu erklären sein, nicht aber die Leistung auf dem Parkett.

An die Spieler

Ihr müsst uns nicht in die Augen schauen, wenn ihr den nächsten Hunderter kassiert. Wir sehen euch aber und wir sehen, dass es euch verblüffend egal zu sein scheint. Wir sehen die Stagnation im Team und die mangelnde Bereitschaft, in der Defense alle Körner zu lassen. Wir sehen eure Indisponiertheiten im offensiven Spiel. Wir sehen ein Dutzend Mitläufer, die ihre Zeit absitzen und in wenigen Wochen die Koffer packen. Wir empfinden dies als respektlos gegenüber dem Verein, dem Basketballstandort und uns als Fans. Dafür, dass ihr als Team komplett falsch zusammengestellt und im Einzelnen hin und wieder einfach überfordert seid, könnt ihr nichts. Man kann verlieren, man kann absteigen, aber nicht kampflos. Man kann auch als sportlich nicht konkurrenzfähige Mannschaft als TEAM auftreten und nicht als fragiles Gebilde voller Einzelgänger ohne die richtige Mentalität. Es ist nicht schön zu sehen, wie ihr scherzend auf der Bank sitzt oder unmittelbar nach der nächsten Klatsche lachend einen Plausch mit dem Gegner haltet.

Ihr habt das Privileg, euer Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Ihr habt das noch größere Privileg, diesen Job während einer Pandemie ausführen zu können. Also handelt entsprechend und wehrt euch gegen den sportlichen Abstieg!

Die Zukunft

Ein Rückzug in die ProA muss klug und transparent angegangen werden. Erfolg fällt nicht in den Schoß, sondern muss unter den akuten Voraussetzungen entsprechend geplant werden. Es wird sehr schwer, die Zuschauer zurück ins Boot zu holen, die dann über ein Jahr nicht mehr in der Halle waren. Die Euphorie muss neu entfacht werden. Gemeinsam mit der zweiten Mannschaft gilt es die Kräfte zu bündeln. Die Rackelos retten nämlich als einzige die Außendarstellung ein bisschen und zeigen, was die oft beschworene „Gießen-DNA“ tatsächlich bedeutet, wenn man es richtig angeht.

Als Fans nehmen wir zumindest Michael Koch beim Wort, der sagte, dass das „Konstrukt“ mit Unterbau in ProB, NBBL, JBBL zu erhalten sei – und das vorzugsweise mit Rolf Scholz als Cheftrainer der ersten Mannschaft!

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