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Symptomatisch für die Saison 2018/19: Gießens Center Mahir Agva blickt nach oben und scheint zu denken - da war mehr drin gewesen.

Gießen 46ers

Saisonbilanz der Gießen 46ers: Das sind nun die offenen Baustellen

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Die Gießen 46ers gehen mit einem zwiespältigen Gefühl, aber auch mit Tatendrang in die Sommerpause. Das Bleiben von Bryant ist ungewiss, und die Lizenz für die kommende Saison ist zwar erteilt, kann aber auch wieder entzogen werden.

Ernüchterung ist bei den Gießen 46ers eingetreten, die zu Beginn der Spielzeit in der Basketball-Bundesliga mit ihrer Siegesserie und spektakulären Auftritten eine Begeisterung in und um die Gießener Osthalle entfachten und zum Ende hin immer mehr Niederlagen kassierten. Trainer Ingo Freyer wird der Mannschaft in der Offseason ein neues Gesicht geben und Geschäftsführer Heiko Schelberg Klarheit bei den Finanzen schaffen, sodass die kommende Saison mit neuer Euphorie starten kann. Wir schauen zurück und nach vorne.

Bilanz:Einem 6:2-Erfolgauftakt folgte eine 8:5- und dann eine 11:2-Negativserie. 26:42 Punkte in 34 Spielen bedeuteten Rang 13. Dabei erzielten die 46ers vorne im Schnitt pro Spiel 90,14 Punkte - ligaweit mit 3065 Rang drei. Hinten fingen sie sich 3192 Zähler, im Schnitt 93,88 - ligaweit Letzter.

Stärke:In der Offensive war die Freyer-Truppe kaum zu stoppen. Das Team war bewusst so zusammengestellt und verinnerlichte schnell die angriffsorientierte Spielweise des Trainers. Vor allem John Bryant brillierte lange Zeit unter den Brettern. Anfangs hatte der Center noch Probleme, sein Händchen für den Wurf von der 6,75-m-Linie zu finden, mit zunehmender Saison wurde es aber immer besser - und er damit noch weniger ausrechenbar. Seine Stats (19,5 Punkte, 10,2 Rebounds, 4,9 Assist, 25,7 Effektivität) waren MVP-tauglich, dennoch reichte es für den 2,11-m-Mann mit deutschem und amerikanischem Pass "nur" für Platz drei in dieser BBL-Wertung. Den Thron erklomm er aber in der Kategorie "Bester Offensivspieler". Ebenfalls ein zuverlässiger Scorer war Brandon Thomas, der durchschnittlich knapp 15 Zähler pro Spiel auflegte und mit 56,4 Prozent den höchsten Trefferquotienten aus dem Feld aller Gießener vorwies.

Schwäche:Eindeutig die Defense. Zu leicht ließ sich oftmals jeder Einzelne im Eins-gegen-Eins schlagen. Probleme hatte die Mannschaft auch mit dem Absichern nach hinten für den schwerfälligen Bryant nach einem Angriff. Erkennbar war zudem, dass nach dem Weggang von Jeril Taylor und Max Montana Athletik im Team fehlte. Wie oftmals der bedingungslose Einsatz, Aggressivität und das körperliche Dagegenhalten. Freyer setzte auf seine routinierten Akteure, die aber in einigen knappen Partien zu fehlerhaft agierten. Möglicherweise standen sie zuvor zu lange auf dem Feld, sodass ihnen am Schluss die nötige Konzentration fehlte. Ein besseres Zeitmanagement hätte vielleicht helfen können.

Gewinner:Alen Pjanic kann sich diesen Titel ans Revers heften. Der 22-Jährige spielte sich zuletzt in den Fokus. Der athletische 2,00-m-Schlaks zeigte allen, dass er in der BBL mithalten kann - und sich nicht verstecken muss. Von seinem Einsatz, seinem Willen und seiner Furchtlosigkeit hätten sich einige eine Scheibe abschneiden können. Trainer Freyer belohnte die Leistung des Eigengewächses, ließ ihn zuletzt starten und viele Minuten auf dem Feld verbringen.

Atmosphäre:Nach dem grandiosen Start mit Platzierungen im oberen Tabellendrittel brannte die "Osthölle", zuletzt glimmte sie nur noch. Die Fans haben ein feines Gespür für die Darbietungen ihrer Mannschaft entwickelt. Über das zumeist gebotene Offensivspektakel gab es für sie nur wenig zu meckern, dagegen in der Defense umso mehr. Die Anhänger wollen Einsatz, Leidenschaft und Emotionen sehen, Spieler, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zerreißen. Dann sind sie zufrieden, auch wenn es nicht mit dem Sieg klappt.

Personelles:Alle fragen sich, bleibt Bryant oder geht er? Er hat eine Ausstiegsklausel im Vertrag, die er bis zum 30. Juni ziehen kann. Personell wird sich für die kommende Saison einiges im Kader ändern, mit oder ohne Bryant. Dass Freyer weiterhin auf die Routiniers David Bell, Larry Gordon und Jared Jordan setzen wird, ist zu bezweifeln. Ebenso wie auf eine Weiterverpflichtung des Spielmachers Siyani Chambers. Eine Trennung von Lokalmatador Benjamin Lischka scheint ebenfalls möglich, offen dagegen ist, ob der 22-jährige Center Mahir Agva und der zuletzt stark auftrumpfende Pjanic weiterhin in Gießen bleiben. Vertrag haben noch Bjarne Kraushaar und Brandon Thomas.

Gesamtsituation:Zusätzliche Arbeit kommt auf Geschäftsführer Heiko Schelberg zu, der schon einige knifflige Aufgaben souverän gelöst und die 46ers seit dem Wiederaufstieg in der Bundesliga etabliert hat. Die Gießen 46ers haben die Lizenz mit einer auflösenden Bedingung erhalten. Das heißt, sie müssen unter anderem noch den Nachweis von drei Millionen Euro Mindestetat zu bestimmten Stichtagen erfüllen. Werden die Auflagen nicht erbracht, kann die unter Vorbehalt erteilte Lizenz entzogen werden. Zudem dürften Gespräche mit der Stadt, dem Land Hessen und Investoren zum Thema Hallen-Neubau mit auf der To-Do-Liste des 46ers-Bosses stehen. Er betont immer wieder, dass es keine Selbstverständlichkeit sei, den Bundesliga-Standort Gießen aufrechterhalten.

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