Die Kampfgerichtscrew der Gießen 46ers im Spiel gegen Göttingen in Aktion (v. l.): "Chefin" Uta Weyell, Anschreiberin Anna Wagner, Markus Horn (Technischer Kommissar), Zeitnehmer Michael Hering, 24-Sekunden-Zeitnehmer Stefan Kraushaar und Meike Schünemann, die das Board für die Anzeigetafeln bedient.
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Die Kampfgerichtscrew der Gießen 46ers im Spiel gegen Göttingen in Aktion (v. l.): "Chefin" Uta Weyell, Anschreiberin Anna Wagner, Markus Horn (Technischer Kommissar), Zeitnehmer Michael Hering, 24-Sekunden-Zeitnehmer Stefan Kraushaar und Meike Schünemann, die das Board für die Anzeigetafeln bedient.

Gießen 46ers

Gießen 46ers: So arbeitet das Kampfgericht am Anschreibetisch

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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Bis zu 21 Klicks in zehn Sekunden: Der Job am Anschreibetisch bei Spielen der Gießen 46ers ist kein Zuckerschlecken. Das Team des Kampfgerichts über Konzentration, Fehler und Gummibärchen.

Die eingespielte Truppe um "Chefin" Uta Weyell hat viel Spaß, wenn die Gießen 46ers in der Sporthalle-Ost spielen. Und ganz viel zu berichten. Wie Stefan Kraushaar (Papa von 46ers-Spielmacher Bjarne) und Michael Hering, die sich am Kampfgerichtstisch das Stoppen der Zeit teilen. Hering ist für die Spielzeit verantwortlich, Kraushaar für die 24 Sekunden im Angriff. Beide erinnern sich mit einem Schmunzeln im Gesicht an ganz verrückte Sachen.

Es ist noch gar nicht so lange her. Vor rund zwei Jahren war ein Technischer Kommissar (TK) in der Osthalle, der nervös war, weil bei seinem letzten Spiel mit der Technik etwas schiefgelaufen war. Er überprüfte alles dreifach. Und dann gab es gleich den großen Knall nach dem Sprungball: Ausfall der Anlage – was in Gießen in früheren Zeiten oft auf der Tagesordnung stand. Keiner wusste, woran es lag. "Aber irgendwann war der Strom wieder da. Einer der Hausmeister klärte uns dann später auf, dass es daran gelegen hätte, dass ein Security-Mitarbeiter den Stecker von der Anlage rausgezogen hat, um sein Handy aufzuladen", erzählt Hering, dem Kraushaar beipflichtet, weil er in der letzten Saison Ähnliches erlebte.

Es ist schön, in die Halle zu kommen. Es ist ein Stück Zuhause.

Uta Weyell, Oberaufseherin am Kampfgericht

Und der 53-jährige Hering, der die längste Dienstzeit am Tisch vorweist, gibt gleich noch eine Anekdote zum Besten. In Zeiten, als der dribbel- und wurfstarke Josef Waniek erst unter Coach Bernd Röder geformt wurde und anschließend unter dem Trainerdreigestirn Hans Heß, Günter Lindenstruth und Heino Dörr zu seiner Bestform auflief, brachte Hering in den 80er Jahren das Kassettendeck seines Vaters zu den Basketballspielen mit, damit sich der damalige MTV 1846 Gießen für die Bundesliga-Partien mit Musik aufwärmen konnte. Schon zu jener Zeit stimulierte "Sirius" von Alan Parsons Projekt – die Einlaufhymne der Chicago Bulls um den legendären Michael "Air" Jordan und auch die aktuelle der Gießen 46ers, die Korbjäger in der Osthalle. "In der Auszeit habe ich damals den Song auch angemacht. Da sagte der TK zu mir, dass das nicht ginge, da man in einer Auszeit keine Musik laufen lassen könne, da würden sich die Spieler und die Trainer nicht verstehen – und sie bräuchten doch ihre Ruhe", legt Hering offen. Wie sich doch die Zeiten ändern.

Nervennahrung muss her

Das Personal des Kampfgerichts verrichtet indes seine Arbeit schon seit geraumer Zeit in fast gleicher Besetzung. Zum Stammpersonal gehören neben Kraushaar und Hering noch Anna Wagner, Ruth Seegräber (sie füllen den Anschreibebogen), die beiden Schünemann-Zwillinge Meike und Gesche (sie bedienen das Board für alle Anzeigetafeln) und Uta Weyell. Die 49-Jährige hat die Oberaufsicht, kann alle Bereiche abdecken, ist das "Mädchen für alles" und Organisatorin.

Gleichwohl hat sie noch eine ganz wichtige Aufgabe: Die Erzieherin ist für die Nervennahrung verantwortlich – für die auf dem Tisch für alle sehbare große Schüssel mit Fruchtgummis. "Das habe ich vor 25 Jahren bei Siggi Wichard in Wetzlar gesehen und dann übernommen. Seit mir dann Anne Müller eine Tupper-Dose schenkte, habe ich die immer gefüllt dabei. Die Schiedsrichter und TKs greifen alle rein, die meisten fragen gar nicht mehr", freut sich Weyell darüber, dass die Süßigkeiten für lau schon fast eine Tradition bei den Heimspielen der Gießen 46ers sind und so gut ankommen. Aber nicht nur da, sondern zum Beispiel auch bei den Jugendspielen der 46ers, den Rackelos und bei den Rollis des RSV Lahn-Dill, für die Weyell ebenfalls in Sachen Kampfgericht federführend tätig ist.

Für die in Oppenheim aufgewachsene Weyell, die seit 1986 in Gießen wohnt, selbst aktiv in der Regionalliga spielte und als Kind von Brigitte Wucherer, der Mutter des Ex-Gießener Trainers Denis Wucherer, das Basketballspiel lernte, ist die Arbeit am Kampfgerichtstisch Routine, aber immer noch etwas Besonderes: "Ich liebe diesen Sport. Es ist schön, in die Halle zu kommen. Es ist ein Stück Zuhause." Kraushaar stimmt dem Gesagten zu und fügt an: "Wir sitzen mitten im Hexenkessel. Kriegen die Anweisungen mit, sitzen in der ersten Reihe. Das ist schon toll." Reich werden sie durch die Tätigkeit nicht, das wollen sie auch gar nicht. Sie sind mit dem Obolus zufrieden und fühlen sich als Teil des Teams der Gießen 46ers.

Höchste Konzentration für die Anzeigentafel

Dass Kraushaar seinen Sohn Bjarne vom Tisch aus auf dem Feld im Trikot der 46ers begutachten kann, ist für den 54-jährigen Gießener nichts Außergewöhnliches mehr. "Ich bin dann genau wie er im Tunnel." Überhaupt sei er die zwei Stunden während der Partie fokussiert: "Ich trinke mindestens zwei Liter Wasser in der Zeit, um die Konzentration hochzuhalten."

Von der hohen Anforderung beim genauen Spiel beobachten kann Meike Schünemann ein Lied singen. Sie bedient das Board für die Anzeigetafeln. Für einen Korb mit anschließendem Freiwurf müsse sie bis zu 21 Klicks in weniger als zehn Sekunden machen, erklärt Weyell. Das geht an die körperliche Substanz. Die Anlage sei aufgrund der Baulichkeiten in der Halle überaltert, sodass es nicht anders ginge. Teilweise passierten die merkwürdigsten Dinge – wie zum Beispiel 2:64 Sekunden Spielzeit oder ein Spielstand von 726:18 auf den Anzeigetafeln in der Mitte. Erklärbar seien sie nicht.

Was passiert bei einem Fehler?

Auf die Frage, ob der Bammel groß ist, Fehler zu begehen, antwortete Weyell: "Es ist meine Angst, es passiert uns mal was Spielentscheidendes. Das habe ich immer im Hinterkopf." Sie erinnert sich an den ehemaligen MTV-Spieler Douglas Roth Anfang der 90er Jahre, als Armin Andres die Gießener Bundesliga-Basketballer coachte. Drei Fouls standen für den Center auf der Anzeigetafel, auf dem Block aber vier – was offiziell maßgeblich war. Er blieb auf dem Feld, machte sein fünftes Foul und musste runter. Das sei spielentscheidend gewesen, das Spiel ging dann auch an den Gegner. "Natürlich machst du dir dann darüber einen Kopf", so Weyell.

Die Fehler hielten sich aber in Grenzen, sagt sie weiter. Nach jedem Spiel erhält das Gießener Kampfgericht eine Bewertung des Technischen Kommissars. "Die fällt für uns meist sehr gut aus", gibt Weyell preis. Dabei klopft sie mit den Fingern toi-toi-sagend auf den Tisch, denn bereits heute Abend sitzt ihre Truppe wieder in der Osthalle und wird den Job des Kampfgerichts beim Spiel gegen Braunschweig absolvieren.

Info

Das Kampfgericht der Gießen 46ers

Ruth Seegräber (47 Jahre, Launsbach): Kampfgericht mache ich seit 1995 – in meiner ersten Saison bin ich hin und wieder für Oli Schaefer eingesprungen. Die Motivation ist begründet vor allem mit unserem tollen Team mit lauter netten Leuten. Highlights waren unsere gemeinsame Zeit (mit Michael Hering und Uta Weyell) bei der Damen-WM 1997 in Rotenburg – und unsere gemeinsamen Grillabende. Am Kampfgericht habe ich die Gelegenheit, das Spiel aus "neutraler" Sicht zu beobachten, insbesondere taktische Maßnahmen lassen sich dort gut beobachten. Durch den Kontakt zu Trainern und Schiedsrichtern ist man einfach "näher dran". Interessant ist, wie sich die Spieler entwickeln: Wir machen schon bei den Trainingsspielen im Sommer Kampfgericht und sehen dann die Neuverpflichtungen: zum Beispiel war Chuck Eidson in diesen Vorbereitungsspielen ein unauffälliger Spieler. 

Meike Schünemann (36 Jahre, Linden): Insgesamt seit rund 15 Jahren bin ich im Kampfgerichtsteam, seit sechs Jahren wohne ich wieder in der Gegend und bin seitdem dauerhaft dabei. Davor bin ich immer mal eingesprungen, wenn jemand gebraucht wurde. Ich habe Spaß an der Kampfgerichtsarbeit und kann so die Spiele hautnah miterleben. Bammel habe ich eigentlich vor nichts. Ich mache es ja schon sehr lange. Wir sind natürlich immer auf eine funktionierende Technik angewiesen. Wenn es da mal klemmt, kann es stressig werden.

Anna Wagner (36 Jahre, Wettenberg): Ich bin seit 2011 im Team. Basketball ist einfach ein großer Teil meines Lebens. Und so kann ich etwas zurückgeben. Jedes Spiel ist anders und hat neue Herausforderungen parat. Man muss immer konzentriert und fokussiert sein. Klar hat man Respekt, einen (spielentscheidenden) Fehler zu machen. Daher nehme immer jedes Spiel wichtig und nicht auf die leichte Schulter, obwohl man es schon so häufig gemacht hat. 

Michael Hering (53 Jahre, Gießener, wohnt in Wißmar): Ich bin seit etwa 1987 dabei, da hat noch Josef Waniek gespielt. Angefangen hatte ich mit "Mück" (Klaus Barthel), Peter und Axel Mohr. Die hatten Helfer gesucht, die die Regeln kennen, und da ich Regionalligaschiedsrichter war, passte es. Eigentlich mache ich es, weil es einfach Spaß in der Truppe macht und man irgendwie ein Teil von dem Team der Gießen 46ers ist. Wir haben in den Jahren schon viele Spieler, Coaches und Manager gesehen und einiges erlebt. Außerdem sind wir dadurch immer wieder bei Trainings- und offiziellen Spielen der Nationalmannschaft bzw. der Weltmeisterschaft usw. dabei. Ansonsten ist das für viele von uns nach der eigenen Spieler- und Schiedsrichterkarriere der letzte aktive Bezug zum Basketball. Bammel haben wir eigentlich wenig, zumal wir viele TKs noch als aktive Schiris kennen. Aber am meisten Probleme bekommen wir, wenn wieder mal die Technik nicht funktioniert. 

Uta Weyell (49 Jahre, Gießen): Ich bin seit 1988 dabei und dazugekommen, weil "Mück" Klaus Barthel verstorben war. Irgendwann hat der damalige MTV-Manager Jens Röder entschieden, dass ich das Ganze organisieren soll – und das ist bis heute so. Es ist auch Routine, aber wenn der Sprungball ist, heißt es, voll da zu sein. Ich liebe Basketball. Es ist Idealismus. Du zeigst, was dir der Sport bedeutet. 

Stefan Kraushaar (54 Jahre, Gießen): Ich bin seit 2006 dabei und wurde von Uta (Weyell) rekrutiert. Ich fahre auch manchmal auswärts mit, um ein Spiel ohne Stress zu sehen. Ich liebe das Spiel. Wir sitzen mitten im Hexenkessel. Nach vier fünf Monaten Pause ist es schön, alle wiederzusehen. Wir sind eine tolle Truppe, die sich einfach gut versteht. Die Wertschätzung seitens des Clubs hat zugenommen. Das war früher nicht so.

Gesche Schünemann (36 Jahre, Gießenerin, wohnt in Nürnberg): Ich bin schon seit 15 Jahren, eventuell auch schon ein paar mehr. dabei So genau weiß ich das nicht mehr. Als ich noch beim RSV Lahn-Dill gespielt habe, war ich immer dabei. Während meiner aktiven Zeit in Hamburg aufgrund der Distanz ganz selten. Jetzt bin ich zu (fast) jedem Spiel in der Heimat und helfe immer aus, wenn Not am Mann ist. Ich habe viel Spaß daran und schaue mir sehr gerne Basketballspiele live an. Zudem haben wir in Gießen eine super Truppe, die sich richtig gut versteht.

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