46ers-Hoffnungsträger ist der neue Spielmacher Diante Garrett.
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46ers-Hoffnungsträger ist der neue Spielmacher Diante Garrett.

Basketball-Bundesliga

Die sechs Baustellen der Gießen 46ers

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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  • Markus Konle
    Markus Konle
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Für die Gießen 46ers läuft es in der Basketball-Bundesliga zur Zeit nicht gut: Sie stehen auf einem Abstiegsplatz. Im Verein gibt es mehrere Baustellen.

  • Die Gießen 46ers stehen in der Basketball-Bundesliga zur Zeit auf einem Abstiegsplatz.
  • Den Gießener Basketballern sind in 18 Spielen nur drei Siege gelungen.
  • Welche Baustellen gibt es bei dem BBL-Team? Eine Analyse.

Die Gießen 46ers durchleben schwere Zeiten in der Basketball-Bundesliga. Nach 18 Spielen stehen sie nach nur drei Siegen auf dem vorletzten Rang – einem Abstiegsplatz. Zwar sind noch 16 Partien zu absolvieren, aber Erfolge müssen so schnell wie möglich her. Wir blicken auf die Baustellen.

Die Baustellen der Gießen 46ers: Der Kader

Auf sie kommt es an: Die Basketball-Profis der Gießen 46ers, die in der zweiten Saisonhälfte noch den Erstliga-Klassenerhalt schaffen wollen. Trainer Rolf Scholz stuft die Aufgabe als »sehr, sehr schwer« ein – aber sie ist nicht unmöglich. Nach dem Kaderumbau im laufenden Betrieb – Chad Brown, John Bryant und Diante Garrett kamen, Liam O’Reilly, Johannes Richter und Andrew Rosey gingen – hat die Mannschaft weiter drei große Baustellen: Verteidigung, Konstanz, Stressresistenz.

Das Team kann nur Spiele gewinnen, wenn alle Leistungsträger über 40 Minuten ihr oberes Limit erreichen. Oft genug hat die Mannschaft starke Leistungen gezeigt, aber eben nur phasenweise. Jüngstes Beispiel: Die Niederlage gegen Hamburg, als die Gießener zur Pause nach 17 Punkten von Jonathan Stark mit 46:41 führten, am Ende aber 78:95 verloren – von Stark war in der zweiten Hälfte nichts mehr zu sehen. Die Rechnung, dass er durch die Verpflichtung Garretts befreiter aufspielen kann, weil er nicht mehr die Last des Spielaufbaus tragen muss, ging bisher nur bedingt auf. Viele Hoffnungen ruhen deshalb auf Garrett, der mehr Struktur und Ordnung ins Spiel bringen soll. Mit dem Trainerwechsel und der personellen Neuausrichtung hat sich der Spielstil verändert – weg vom »run an gun«, hin zu mehr Kontrolle und Inside-Spiel. Allerdings ist die erfahrene und auf dem Feld für den Abstiegskampf zu brave Truppe mit vier Ü30-Profis ein fragiles Gebilde – es fehlen harte Verteidiger, Dynamik und Schnelligkeit sowie Automatismen vor allem in der Defensive. In Drucksituationen fallen die 46ers schnell auseinander. Wer im Schnitt 95,4 Punkte kassiert, kann die Klasse kaum halten. Hier hat Scholz in der Länderspielpause angesetzt – und hofft auf sichtbare Ergebnis schon im Nachholspiel am Mittwoch in Würzburg.

Die Baustellen der Gießen 46ers: Der Trainer

Rolf Scholz ist um seine schwere Aufgabe nicht zu beneiden. Aber er hat sich ihr gestellt. Und das ist dem Gießener hoch anzurechnen. Nach kurzer Zeit fuhr er die für die Stimmung im und außerhalb des Teams wichtigen Siege in Bayreuth und gegen Frankfurt ein. Die nicht endende Niederlagenserie von Coach Ingo Freyer war Vergangenheit. Zudem war eine Spielstruktur zu erkennen, der Fokus wurde auch auf Verteidigung gelegt. Danach stagnierte es. Was nicht verwunderte. Denn mit den Nachverpflichtungen kam Unruhe in die Mannschaft, zudem musste sich eine neue Rollenverteilung herauskristallisieren. Beachtlichen Auftritten gegen starke Teams wie Berlin und Ludwigsburg folgten Partien gegen Mannschaften auf Augenhöhe, die aufgrund eines ganz schwachen Viertels – meist das dritte – vergeigt wurden. Scholz betonte zuletzt, dass er zum großen Teil nicht für die Zusammenstellung des Kaders verantwortlich sei. Das wusste er aber vorher, als er seinen Job als »Retter« angetreten hat – und daran wird er gemessen. Zudem war er maßgeblich an den Nachverpflichtungen von Bryant, Brown und Garrett beteiligt. Scholz steht ständig im regen Austausch mit Sportdirektor und Geschäftsführer Michael Koch – das bestätigte Koch. »Wir sind mit Rolf übereingekommen, dass wir mit ihm den eingeschlagenen Weg bis Sommer weitergehen. Und dass er sich dann auch entscheiden muss, ober er in den Polizeidienst als Beamter zurückkehren möchte, was im Gegensatz zum Sportgeschäft auch eine Sicherheit gibt, oder ob er von sich aus sagt: Nee, ich möchte weiter Headcoach sein. Und dann werden wir sehr, sehr gerne mit ihm ins Gespräch kommen. Aktuell zählt nur, dass wir erfolgreich die Saison zu Ende spielen«, erklärt Stephan Dehler, der zweite 46ers-Geschäftsführer. 

Die Baustellen der Gießen 46ers: Die Finanzen

Manche Klubs klagen über erhebliche wirtschaftliche Probleme durch den Zuschauerausschluss und dessen Folgen – die 46ers sind trotz der ungeplanten Mehrausgaben durch Nachverpflichtungen und den Trainerwechsel (Ingo Freyer besitzt noch bis Ende der Saison einen Vertrag) im grünen Bereich. »Wir werden die Saison überstehen, ob Zuschauer oder keine mehr kommen. Finanziell sind wir in dieser Saison auf der sicheren Seite, vorausgesetzt ist die Solidarität unserer Sponsoren«, sagt Geschäftsführer Michael Koch.

Die fehlenden Einnahmen durch den Ticketverkauf werden zu einem Großteil mit der Corona-Hilfe Profisport durch den Bund abgefangen – die Klubs können bis zu 80 Prozent ihrer ausbleibenden Zuschauereinnahmen als Kompensation erhalten, maximal 800 000 Euro. Hinzukommt ein Landeförderprogramm im Form eines Darlehens. Kochs Geschäftsführer-Kollege Stephan Dehler erklärt, dass die Gelder beantragt wurden und zum Teil auch schon geflossen sind – wie viel genau, will Dehler nicht sagen, zumal das Hilfsprogramm des Bundes bis 30. Juni verlängert wurde. Fehlende Einnahmen sind aber nur ein Aspekt. »Viele Sponsoren stellen ihre Werbeleistung in der Osthalle dar und sind drauf angewiesen, dass Fans und Zuschauer diese Werbung sehen«, sagt Dehler. Auch andere vereinbarte Leistungen können die 46ers coronabedingt derzeit nicht erbringen, doch Rückforderungen seitens der Geschäftspartner sind bislang kein Thema bei den Gießenern, erklärt Dehler, der dankbar für die Solidarität der Sponsoren ist: »Klar ist: Diese Saison können wir nur positiv mit einem blauen Auge abschließen, wenn nicht am Ende noch alle Sponsoren sagen, sie wollen alle ihr Geld zurückhaben. Aber wir sind guter Dinge, dass es dazu nicht kommen wird.«

Die Baustellen der Gießen 46ers: Die Infrastruktur

Für einen Bundesliga-Klub ist es ein Armutszeugnis, dass er noch nicht einmal auf eine eigene Trainingshalle zurückgreifen kann. Geschweige denn, die Spielstätte Osthalle dann nutzen kann, wenn es für ihn von Bedeutung ist. Die 46ers hinken den anderen BBL-Teams beim Thema Infrastruktur weit hinterher: Diesbezüglich herrscht in Gießen seit Jahren Stillstand. Die 46ers spielen immer noch in einer Schulsporthalle, die zwar vor 14 Jahren aufgepimpt wurde, aber heutzutage den modernen Ansprüchen nicht mehr genügt. Momentan sind die 46ers froh darüber, dass sie in der Krofdorfer Eduard-David-Halle untergekommen sind, da ihre vorwiegend zum Vormittagstraining genutzte Rivers-Halle seit Monaten das Corona-Testcenter beherbergt. Die Problematik ist der 46ers-Führungsriege bekannt. »Gerade in der Verbesserung der Infrastruktur kommen auf uns große Aufgaben zu«, sagt Koch. Im Juli letzten Jahres ließ OB Dietlind Grabe-Bolz verlauten, dass eine vertiefende Studie über die Machbarkeit einer Multifunktionsarena als neue Heimspielstätte für die 46ers in Auftrag gegeben worden sei. Ein Lichtblick?! 

Die Baustellen der Gießen 46ers: Die Rackelos

Das Gießener Farmteam hat sich zu einem großen Sympathieträger in Gießen entwickelt. Aktuell rangiert die Pro B-Truppe um Trainer Lutz Mandler auf Rang zwei im Südpool – mit Aussichten auf einen Aufstieg. Junge Spieler aus der Region, die nicht gleich den Sprung ins Bundesliga-Team schaffen, werden bei den »kleinen 46ers« weiterentwickelt, auf höhere Aufgaben vorbereitet.

Nicht nur die Verantwortlichen fragen sich aber, was passiert, wenn die »großen 46ers« absteigen? Dazu nimmt Koch Stellung: »Wir haben uns entschieden, dass Programm mit der BBA Gießen 46ers und ihren JBBL-, und NBBL-Mannschaften, Pro B und BBL zu fahren. Wir sind glücklich und froh darüber, dass die Rackelos wieder so eine starke Saison spielen und dass sie einen Unterbau für das BBL-Team bilden. Spieler wie Tim Köpple und Tim Uhlemann, die auch bei der BBL mittrainieren, erhalten dort ihre Bühne. Wir haben mit Bjarne Kraushaar und Alen Pjanic zwei Gießener Eigegengewächse im BBL-Team. Viele andere BBL-Mannschaften haben so etwas nicht«, sagt Koch: »Das heißt, unser Programm, wie es steht, ist gut. Das ist ein Konstrukt, das wir beibehalten müssen. Natürlich muss man dann überlegen, was passiert, wenn es zu einem Abstieg kommen sollte.«

Die Baustellen der Gießen 46ers: Die Zukunft

Vier Punkte liegen die 46ers hinter einem Nichtabstiegsplatz zurück – und jetzt kommen sechs Spiele in Folge gegen Gegner auf Augenhöhe. Im Februar und März stehen die Partien gegen Würzburg (24. Februar/20. März), Bayreuth (27. Februar), den Mitteldeutschen BC (3. März), Bonn (6. März), und Frankfurt (13. März) an. Mit einer Siegesserie würde sich die Situation auf dem Weg zum Ligaerhalt, für den in der Vergangenheit meist neun oder zehn Siege nötig waren, verbessern.

Unabhängig davon, dass die Verantwortlichen an den sportlichen Klassenerhalt der 46ers glauben, gibt es noch eine weitere vage Hoffnung: Dass die BBL – so wie z. B. im Eishockey die DEL und DEL 2 oder im Basketball die Pro A und Pro B – den Abstieg in dieser Corona-Saison aussetzt. »Das wird sicherlich demnächst einmal Thema werden müssen«, sagt 46ers-Geschäftsfüher Stephan Dehler, der meint: »Diese Saison ist unabhängig von unserer eigenen sportlichen Leistung oder dem Tabellenstand sportlich und wirtschaftlich kein fairer Wettbewerb mehr.« Als Argumente führt er unterschiedliche Quarantänebestimmungen an oder während der Saison veränderte Bestimmungen im Umgang mit Spielern mit Doppellizenz. Ob das die Mehrheit der Klubs ähnlich sieht, ist aber fraglich.

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