Enttäuschung bei Gießens Luke Petrasek nach der Niederlage im "Karnevalsspiel" in Bonn. FOTO: SCHÄFER
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Enttäuschung bei Gießens Luke Petrasek nach der Niederlage im "Karnevalsspiel" in Bonn. FOTO: SCHÄFER

Gießen 46ers

Ausnahmezustand in Bonn für Gießen 46ers von Nachteil

  • Wolfgang Gärtner
    vonWolfgang Gärtner
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In Bonn brannte beim "Karnevalsspiel" der Hardtberg. 6000 Jecken brüllten die Baskets im Kellerduell zum 112:96 gegen die Gießen 46ers. Die Freyer-Truppe muss nun aufpassen, dass sie nicht noch mehr in den Abstiegsstrudel gerät.

Ausnahmezustand im Bonner Telekom Dome: 6000 kostümierte Fans waren aus dem Häuschen. Der 112:96-Sieg gegen die Gießen 46ers im "Karnevalsspiel" war der erhoffte Befreiungsschlag für die Baskets Bonn, die bislang in der BBL noch keinen Tritt gefasst haben. Die Mannschaft spielte auf nationaler Ebene bisher weit unter ihren Möglichkeiten, war als ein Playoff-Kandidat gehandelt worden. International ist sie bereits ins Achtelfinale der Champions League eingezogen.

Ernüchterung dagegen bei den Gießen 46ers, die nach dem Hinspiel-85:88 auf Revanche sannen. Das Team von Trainer Ingo Freyer hat nach der Auswärtsniederlage den Abstand zum Tabellenkeller nicht vergrößern können. Nun sind es vier Punkte Vorsprung zu den Bonnern, die den drittletzten Rang belegen. Hamburg und der MBC aus Weißenfels nehmen mit sechs Zählern die beiden letzten Tabellenplätze ein, die Gießener haben zwölf Punkte auf ihrem Konto. Nur eine Mannschaft steigt bekanntlich ab.

Die 46ers zeigten am Samstagabend wieder ihre zwei Gesichter. Den Start verschliefen sie vollends. Nach 30 Sekunden führten die Rheinländer mit 6:0. Die Gießener wirkten völlig indisponiert, die Bonner spielten sich dagegen in einen Rausch. Keine Rebounds, keine Körpersprache, kein Umschaltspiel, kein Kampf bei den 46ers. Nach dem schwachen ersten Viertel, das rekordverdächtig mit 35:16 an den Gastgeber ging, schwante einem Schlimmes.

Pustekuchen! Die Freyer-Truppe berappelte sich. Playmaker Bjarne Kraushaar, das 20-jährige Eigengewächs musste schon frühzeitig ran, da Stephen Brown mit Fouls belastet war, ordnete das Spiel und fand die freien Kollegen. Allen voran Brandon Thomas. Der 35-jährige Allrounder startete mit seinen Dreiern eine furiose Aufholjagd. Da sich dieser die gesamte Mannschaft anschloss - und nun endlich auch in der Defensive beherzter zupackte -, legten die Mittelhessen einen famosen 30:13-Lauf zur Pause hin. Die Jecken verstummten. Nur noch die Fans der Gäste waren zu hören. Beim 46:48 aus hessischer Sicht war alles wieder offen. Benjamin Lischka, der Ex-Gießener in den Reihen der Bonner, analysierte das zweite Quarter mit den Worten: "Wir haben den Gießenern zu viele Rebounds gelassen."

Doch anstatt das Momentum mit ins dritte Viertel zu nehmen und die Zweifel der Bonner zu erhöhen, kamen die Gießener erneut langsam aus den Startlöchern. Nach vier Minuten hatte Freyer die Nase voll vom Gezeigten seines Teams (52:60-Rückstand). In der Auszeit wurde es laut und deutlich - die Worte waren besonders an Jordan Barnett gerichtet. Freyer brachte sich vor dem Powerforward in lehrbuchhafte Defensehaltung. Er machte es dem US-Amerikaner vor, wie aggressiv verteidigt wird. Barnett nickte mit dem Kopf - und Freyer schickte ihm noch ein "tu es dann auch!" hinterher.

Spieler wie Luke Petrasek, Barnett und auch Thomas sind nicht die geborenen Kämpfer, sie haben andere Vorzüge. Hätten sie das komplette Paket, wären die 46ers sicherlich nicht ihr Arbeitgeber.

Die Gießener bekamen in diesem Abschnitt keinen Zugriff - weder in der Abwehr noch im Angriff. Eine Schlüsselszene gab es 1:50 Minuten vor dem Ende des dritten Quarters: Zweimal hintereinander holten sich die Bonner den Rebound am gegnerischen Brett, sodass Simons dreimal von jenseits der 6,75-m-Linie werfen konnte. Der letzte Versuch traf - Bonn führte 73:62. Man hätte sich in dieser wichtigen Aufholphase von den Gießenern gewünscht, dass sich einer den Ball, wie auch immer, sichert. Doch sowohl John Bryant, Kraushaar, Alen Pjanic, Matt Tiby und Teyvon Myers bekamen das Spielgerät einfach nicht in die Hände. Rebound ist Ausboxen, Antizipation und Einstellungs- sowie Willenssache. Mit dem 80:66 ging es ins finale Viertel.

Die Gießener ließen sich aber nicht unterkriegen, starteten erneut einen Run - und waren beim 85:89 (Dreier Barnett, 4:08 Minuten vor dem Schluss) auf Schlagdistanz. Myers vergab aber seinen Floater, und Tiby ließ sich vom Center Martin Breunig vernaschen. Der willensstarke 2,03-m-Center der Bonner setzte sich im Dribbling von der Dreipunktelinie durch, legte erfolgreich ab und traf auch noch den anschließen Bonuswurf zum vorentscheidenden 92:85.

"Wir haben nie den Rhythmus gefunden - und deshalb geht der Sieg für Bonn in Ordnung", konstatierte Gießens Trainer Freyer. Der 48-Jährige sprach die außergewöhnliche Stimmung an: "Das war eine ganz schöne Hölle hier, ein super Publikum, natürlich mit diesen Karnevalsliedern und das dann alle mit einsetzen - das war sehr schwer zu spielen." Ein großer Vorteil für Bonn. Und Freyer sagte: "Deshalb ist es sehr schade, dass wir zugestimmt haben, hier zu spielen. Das war schon ein enormer Nachteil."

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