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Deutschland gibt nach: Manuel Neuer trägt keine „One-Love“-Kapitänsbinde

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Von: Stefan Schmid, Christoph Klaucke

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Mit der One-Love-Kapitänsbinde wollen die Teams ein Zeichen setzen. Die FIFA durchkreuzt aber offenbar den Plan von Deutschland und Manuel Neuer.

Update vom 21. November, 11.10 Uhr: Der DFB und die anderen europäischen Nationen knicken offenbar vor der FIFA ein und werden nicht die One-Love-Binde als Zeichen für Vielfalt tragen. Das berichtet die Bild.

Demnach hat der Weltverband in Gesprächen noch einmal deutlich gemacht, dass sportliche Konsequenzen drohen, falls die Binde getragen wird. Die Teams fürchten offenbar nicht nur eine Gelbe Karte für ihren Kapitän sondern auch Punktabzüge. Dementsprechend trägt Manuel Neuer gegen Japan eine andere Binde.

WM 2022
Manuel Neuer mit der One-Love-Binde. © Markus Ulmer / Ulmer / Imago Images

„One-Love“-Kapitänsbinde: Deutschland und seine Mitstreiter geben nach

Der britische Reporter Rob Harris veröffentlichte am Montagvormittag auf Twitter ein Statement von den Mannschaften, die die One-Love-Binde tragen wollten. Die Mitteilung wurde demnach von Deutschland, England, Wales, Holland, Dänemark, Belgien und der Schweiz gemeinsam verfasst.

„Die Fifa hat sehr deutlich gemacht, dass sie sportliche Sanktionen verhängen wird, wenn unsere Kapitäne die Armbinden auf dem Spielfeld tragen. Als nationale Verbände können wir unsere Spieler nicht in eine Lage bringen, dass ihnen sportliche Sanktionen wie Sperren drohen, also haben wir unsere Kapitäne gebeten, die Binde nicht in Fifa-WM-Spielen zu tragen.“ Man sei dazu bereit gewesen, Geldstrafen zu zahlen. Man könne die Spieler jedoch nicht in die Situation bringen, dass sie mit Gelb verwarnt werden oder sogar das Spielfeld verlassen müssen.

„Wir sind sehr frustriert über die Entscheidung der FIFA, die unserer Meinung nach beispiellos ist. Wir haben die FIFA im September schriftlich über unseren Wunsch informiert, die „One Love“-Armbinde zu tragen, um die Inklusion im Fußball aktiv zu unterstützen, und haben keine Antwort erhalten. Unsere Spieler und Trainer sind enttäuscht – sie sind starke Befürworter der Inklusion, und werden ihre Unterstützung auf andere Weise zeigen.“

„One-Love“-Kapitänsbinde: DFB knickt ein – Präsident Neuendorf verurteilt FIFA-Entscheidung scharf

„Wir erleben einen beispiellosen Vorgang in der WM-Geschichte. Die von der FIFA herbeigeführte Konfrontation werden wir nicht auf dem Rücken von Manuel Neuer austragen“, sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf in einer Stellungnahme. „Dass die FIFA uns auf dem Platz bestrafen will, ist einmalig und geht gegen den Geist des Sports, der Millionen verbindet“, hieß es vom niederländischen Verband KNVB.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hatte bereits am Sonntag von Meinungsverschiedenheiten mit der FIFA gesprochen, aber noch geäußert: „Wir haben gesagt, wir bleiben dabei, dass wir mit der Binde auflaufen. Wir haben mit langem Vorlauf die FIFA immer wieder darauf hingewiesen, dass wir mit dieser Binde auflaufen wollen, es gab keine Reaktion der FIFA dazu.“ Nach Beratungen am Montag änderten die Verbände ihre Meinung.

FIFA verbietet „One-Love“-Kapitänsbinde – Fan-Organisation wütend

Die Fan-Organisation „Football Supporters Europe“ kritisierte den Vorgang scharf. „Heute empfinden wir Verachtung für eine Organisation, die ihre wahren Werte unter Beweis gestellt hat, indem sie den Spielern die Gelbe Karte und der Toleranz die Rote Karte gezeigt hat“, twitterte „FSE“.

Die FIFA hatte erst am Freitag eigene neue Kapitänsbinden vorgestellt - zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel. „Die teilnehmenden Mannschaften erhalten während der Spiele über die Armbinden der Mannschaftskapitäne die Möglichkeit, Botschaften zu übermitteln“, teilte der Weltverband mit. Eine Binde mit der Aufschrift „No Discrimination“ (Keine Diskriminierung) können die Teams nun auch während des kompletten Turniers anstatt, wie zuvor geplant, nur im Viertelfinale tragen. Die Botschaften hat die FIFA laut Mitteilung gemeinsam mit drei Organisationen der Vereinten Nationen erdacht.

Erstmeldung vom 20. November: München/Katar - Es galt als ausgemachte Sache, dass Kapitäne einiger europäischer Länder bei der WM 2022 in Katar mit der „One-Love“-Binde am Arm auflaufen werden. Sie ist dazu gedacht, ein Zeichen für Toleranz und Selbstbestimmung sowie gegen Diskriminierung im Allgemeinen zu setzen. Nun aber scheint die FIFA auch in diesem Bereich in letzter Minute an den Gastgeber Katar Eingeständnisse machen zu wollen. In letzter Minute schafft der Weltverband eine Konkurrenz-Kampagne und könnte diese gar mit Sperren gegenüber den Kapitänen durchsetzen.

Bierhoff: „Wirkt, als ob die FIFA keine klare Haltung hat“

Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel zwischen Katar und Ecuador (Gruppe A) präsentierte die FIFA in Kooperation mit Organisationen der Vereinten Nationen eine geplante Präsentation von sozialen Kampagnen. Transportiert werden sollen die Botschaften ausgerechnet mittels eines Aufdrucks auf den Kapitänsbinden. Diese wollten unter anderem die Mannschaften von Deutschland, Dänemark und England dazu verwenden, ihr eigenes Signal mittels der „One-Love“-Binde zu senden.

Der Vorstoß der FIFA, der vorsieht, jeden Spieltag einer anderen sozialen Organisation eine Bühne auf der Binde zu bieten, würde im luftleeren Raum wohl kaum für Kritik sorgen. Durch die zeitliche Kurzfristigkeit der Verkündung in Verbindung mit der ablehnenden Haltung Katars gegen die „One-Love“-Binden drängt sich allerdings die Vermutung auf, dass FIFA-Chef Gianni Infantino abermals vor dem Gastgeberland einknickt. Ähnlich äußert sich DFB-Geschäftsführer Oliver Bierhoff. „Natürlich ist die Kurzfristigkeit überraschend, es wirkt, als ob die FIFA keine klare Haltung hat.“

DFB nimmt finanzielle Strafen in Kauf und will sich mit anderen Nationen beraten

Fest steht, dass nach den Statuen des Weltverbandes geregelt ist, dass dieser den Mannschaften vorschreiben darf, mit welcher Kapitänsbinde sie auflaufen müssen. Bei Zuwiderhandlung droht den Verbänden eine Strafe, die man aber wohl bereit wäre zu zahlen. So unterstreicht Bernd Neuendorf, DFB-Präsident, dass die „One-Love“-Binde „keine politische Äußerung, sondern ein Statement für die Menschenrechte“ sei.

DFB-Kapitän Manuel Neuer beim Testspiel gegen den Oman mit „One-Love“-Kapitänsbinde.
DFB-Kapitän Manuel Neuer beim Testspiel gegen den Oman mit „One-Love“-Kapitänsbinde. © IMAGO/ULMER/Markus Ulmer

Dem pflichtet auch DFB-Kapitän Manuel Neuer, der die Binde schlussendlich tragen würde, bei. „Ich finde gut, dass wir zusammen (mit den anderen Nationen, d. Red.) ein Statement setzen können“ und verspricht: „Wir werden versuchen, das durchzusetzen und zu vertreten.“ Auch Bierhoff setzt weiter auf das gemeinsame Zeichen und will sich „mit den anderen Nationen abstimmen, weil es wichtig ist, dass es die Stimme mehrerer Nationen ist, nicht nur von einer.“

Bei einer Beratung der Arbeitsgruppe der Europäischen Fußball-Union UEFA mit FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura wurde am Sonntag keine Einigung erzielt. „Wir haben gesagt, wir bleiben dabei, dass wir mit der Binde auflaufen“, sagte DFB-Präsident Neuendorf anschließend im ZDF-Interview. Es habe daher keine Einigung gegeben. „Wir haben mit langem Vorlauf die FIFA immer wieder darauf hingewiesen, dass wir mit dieser Binde auflaufen wollen, es gab keine Reaktion der FIFA dazu“, sagte Neuendorf.

Bei Missachtung könnten Kapitäne gesperrt werden

Durch die Festlegung der Kapitänsbinden als offizielles Equipment der Spieler vonseiten der FIFA könnte bei Missachtung der Vorgaben nicht nur eine finanzielle Strafe auf die Verbände zukommen. Trägt ein Spieler nicht die vorgeschriebene Kleidung im Rahmen der Verordnungen, so kann dies vom Schiedsrichter mit einer Gelben Karte bestraft werden. Heißt konkret: Jeder Kapitän, der mit einer „One-Love“-Binde aufläuft, könnte gleich zu Beginn der Partie eine Verwarnung kassieren.

Kassiert ein Spieler im Verlauf des Turniers zum zweiten Mal den gelben Karton, so ist er für das darauffolgende Spiel gesperrt. Im Fall von Manuel Neuer hieße das, dass er beim letzten Gruppenspiel gegen Costa Rica nicht spielen dürfte. Nach Informationen der Bild berät man sich beim DFB darüber, wie man damit umgeht, wenn die FIFA die Unparteiischen anhält, die Regularien in voller Härte umzusetzen. Mit Frankreich hat bereits eine Mannschaft, im Gegensatz zu den anderen europäischen Vertretern, bekannt gegeben, nicht mit der „One-Love“-Binde aufzulaufen.

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