Fußballer Michael Fink von Regionalligist FC Gießen am Ball.
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Michael Fink hat dem FC Gießen zu einem neuen Höhenflug verholfen.

FC Gießen

Fink und Parson: So haben wir den FC Gießen in die Spur gebracht

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Mit den Routiniers kam der Erfolg: Der bald 39- jährige Michael Fink und der 41-jährige Gino Parson wirken auf den FC Gießen ein und tragen ihren Teil zum bislang goldenen Januar in der Fußball- Regionalliga Südwest bei. Im Doppel-Interview sprechen beide offen über Abläufe in der Kabine, ihre Liebe zum Fußball und ihren inneren Antrieb.

Im Januar kamen Michael Fink (38) und Gino Parson (41) zum FC Gießen - und mit ihnen der Erfolg: Nach vier Siegen aus fünf Spielen ist der FC vor dem Spiel beim KSV Hessen Kassel (Sa., 14 Uhr) auf Platz zwölf der Fußball-Regionalliga Südwest gesprungen.

Herr Fink, Herr Parson, viele verbinden den Aufschwung des FC Gießen mit Ihren Personen.

Michael Fink: Es hat ein bisschen Stabilität gefehlt. Es wird viel auf mich im Speziellen geschaut, man erwartet viel von mir und weniger von den anderen. Das nimmt jungen Spielern den Druck, sie können mehr auf sich schauen. Das gibt manchem ein paar Prozente. Und die reichen oftmals schon.

Gino Parson: Der eine oder andere hat einen starken Rücken gebraucht. Manchmal ist es einfach nur das Dasein. Wir beide halten auch mal eine Ansprache, reden viel.

Nach der Niederlage in Mainz habe ich auf dem Platz eine Ansprache gehalten.

Michael Fink

Was sprechen zwei Routiniers wie Sie an?

Fink: Ich habe mir nach dem Spiel in Pirmasens Marco Boras geschnappt, der an beiden Elfmetern des Gegners beteiligt war. Er war nach dem Spiel sehr unzufrieden mit sich. Man baut so einen Jungen wieder auf. Er spielt sehr gut, mit 19 Jahren spielt man nicht selbstverständlich in der Innenverteidigung der Regionalliga. In der ersten Situation darf er nicht so auf Ballgewinn gehen. Man muss eine Armlänge Abstand halten. Er sagte dann: ›Ja, aber ich habe einen anderen Anspruch an mich.‹ Und ich sagte: ›Das ist egal, wichtig ist, dass du daraus lernst, das annimmst und es im nächsten Spiel cleverer machst. Du spielst gut. Sei weiter selbstbewusst und bring es auf den Platz.‹ So pickt man sich immer mal einen raus.

Wann haben Sie an die Mannschaft gesprochen?

Fink: Nach der Niederlage in Mainz habe ich noch auf dem Platz eine kleine Ansprache gehalten: Da haben mir in der ersten Halbzeit zehn Prozent Leidenschaft und Einsatz vom Team gefehlt. Das habe ich klar angesprochen.

Immer wieder hört man von der guten Stimmung, seit Sie beide da sind. Toptorschütze Tim Korzuschek sagte dieser Tage: »Ich freue mich jeden Tag, in die Kabine zu kommen und einen lustigen Spruch von Gino zu hören.«

Fink: Der Gino ist ein unglaublich wichtiger Teil der Mannschaft. Man hat das Gefühl, er kommt jeden Tag mit Lebensfreude auf den Platz. So jemanden braucht man.

Gino Parson bringt seine Routine mit 41 Jahren beim FC Gießen ein.

Parson: Das hat ein bisschen gefehlt. Das schweißt zusammen. Als wir gekommen sind, war das Gefühl: Training und raus. Jetzt ist es so: Vor dem Training da sein, ein bisschen reden, nach dem Training ein bisschen Blödsinn reden.

Fink: Die Spieler, die auf der Bank sitzen, fiebern extrem mit. Das ist nicht selbstverständlich und jeder merkt: Es geht um alle.

Zum Fußball gehört auch dazu, dass du Spaß hast.

Gino Parson

Parson: Wir haben ein bisschen was entfacht. Zum Fußball gehört auch dazu, dass du Spaß hast. Jedes Training, jedes Spiel. Wir zittern und schimpfen auf der Bank mit. Wir klatschen uns ab. Wenn wir uns warm machen, rennen wir zu Freddi (Löhe, Torhüter, Anm. d. Red.) und umarmen uns. Ich glaube, viele spielen gerade nicht gerne gegen Gießen, weil wir Feuer drin haben. Es ist unsere Aufgabe, dass das anhält.

Fink: Auch wenn mal eine Niederlage kommen wird, muss man weiter Gas geben. Drei Siege in Serie sind nicht selbstverständlich. Wir werden in dieser Woche keine Eier schaukeln und dann entspannt in Kassel gewinnen. Gino und ich leben das vor.

Michael Fink beim Interview via Videochat.

Stichwort Vorbildfunktion. Herr Fink, Sie waren in der Zwangspause läuferisch enorm viel unterwegs.

Fink: Im Dezember, als klar wurde, dass ich wieder für Gießen spiele, habe ich über 20 Läufe und fünf Tennismatches gehabt, bin also an die 200 Kilometer im Monat gekommen, habe Intervalläufe gemacht. Die Jungs laufen dir sonst weg. Schnelligkeitsmäßig können wir nicht mehr mithalten, also müssen wir von der Fitness her mithalten. (beide lachen)

Herr Parson, Sie haben neulich gesagt: »So einen Körper bekommst du nicht geschenkt.«

Parson: (lacht) Ich hab ja zwei Jungs, irgendwann haben die nur auf Laufen auch keinen Bock mehr und wollen mal was anderes machen. Unseren Technikraum haben wir in einen kleinen Fitnessraum umgebaut. Das ist alles vorbeugend. Ich merke ja auch: Hier ein Wehwechen, da ein Wehwechen, aber es ist okay.

Das Schlimmste im Leben ist für mich, wenn man andere von oben herab betrachtet.

Michael Fink

Fink: Umso älter man wird, umso mehr Arbeit gehört dazu. Ich nutze zu Hause auch die Blackroll, das Heizkissen, die Massagepistole. Ein junger Spieler kann sich, keine Ahnung was, in die Birne kippen und läuft am nächsten Tag auf - bei uns würde es drei Tage dauern, bis wir wieder komplett die Alten sind. Da steckt Arbeit dahinter, das darf man nicht unterschätzen.

Beim Thema Einstellung kommt einem eine Szene in den Sinn: Mai 2019, SWG-Kreispokal, der FC Gießen führt bei A-Ligist FSG Bessingen/Ettingshausen/Langsdorf mit 5:0 und Michael Fink sprintet spät in der zweiten Halbzeit nach einem Ballverlust den kompletten Platz entlang, um ein Gegentor zu verhindern.

Parson: Das steckt in uns: Wir können nicht verlieren, dann sind wir stinksauer. Und das bedeutet dann auch: Ich will hier kein Gegentor kriegen, auch bei einem A-Ligisten nicht!

Fink: Ich komme, um erfolgreich zu sein - dazu gehört auch Respekt zu haben vor Mannschaften, die in unteren Klassen spielen. Die geben auch Gas und wollen etwas erreichen. Das Schlimmste im Leben ist für mich, wenn man andere von oben herab betrachtet. Das geht für mich gar nicht. Man ist nichts Besseres, egal, was man verdient hat, wo man gearbeitet hat. Für mich zählt einzig und alleine der Charakter des Menschen.

Wenn Sie beide sich auch abseits des Rasens merklich betätigen, um fit zu bleiben - was ist Ihr innerer Antrieb?

Fink: Um das Finanzielle geht es mir nicht. Für mich geht’s darum: Wenn sich die Mannschaft für einen begeistert, ist man stolz darauf. Es ist einfach ein geiles Gefühl, wenn man Spiele gewinnt und danach nach Hause fährt. Wenn man Vollblutfußballer ist, versteht man das. Ich habe seit Ende Oktober kein Spiel mehr gehabt - mir hat das extrem gefehlt. Meine Frau hat mir einige Male gesagt: Geh raus, mach was, ich kann dich in diesem Zustand echt schwer ertragen. Meine Leidenschaft für den Fußball ist viel zu groß, als dass ich ihm den Rücken kehren könnte. Und: Wer freut sich nicht über Bestätigung?

Wir sind brutal ehrgeizig, wir sind noch hungrig.

Gino Parson

Parson: Ich mach’s kurz, bei mir geht’s nur ums Finanzielle. (beide lachen) Nein, im Ernst: Ich glaube, für uns ist das Alter gar nicht so wichtig. Wir schauen: Wo können wir noch mitmachen, was steckt in uns, wieviel Lust haben wir? Man merkt einfach: Wir sind brutal ehrgeizig, wir sind noch hungrig. Ich habe schnell gemerkt: Michael und ich sind von der Einstellung her auf einer Ebene. Wir können ohne Fußball nicht. Gießen ist meine Stadt. Da steckt viel Bock dahinter.

Gino Parson beim Interview via Video-Chat.

Es wird oft betont, dass Michael Fink »Ruhe ins Spiel« des FC Gießen bringt. Was verstehen Sie darunter, Herr Parson?

Parson: Micha hat Lösungen, die sehen viele nicht. Er lässt den Ball zu 99 Prozent bei uns. Ich habe eine Szene gegen Haiger im Kopf: Er wird von drei Mann bedrängt, der Ball kommt volley zu ihm. Nahezu jeder hätte den Ball volley nach vorne gedroschen. Er spielt ihn gekonnt zurück zu Henne (Starostzik, Anm. d. Red.) und wir bleiben in Ballbesitz. Das ist für mich Ruhe. Wenn man den Ball wegdrischt und sagt: Wir können uns neu ordnen, mag das auch Ruhe sein, aber es ist eine andere Art von Ruhe. So bleiben wir dank Micha in Ballbesitz, haben kein Negativerlebnis und können neu aufbauen. Es ist auch ein Unterschied, ob du ein Kopfballduell gewinnst und wir in Ballbesitz sind oder ob du den Ball nach vorne zum Gegner köpfst.

In der Bundesliga machen die Spieler Laufwege, die schwerer zu verteidigen sind.

Michael Fink

Herr Fink, ist es einfacher, in Liga vier Räume zu erkennen, wenn man die Champions League kennt?

Fink: Vorab: Ginos Anteil ist genauso groß wie meiner, denn es gibt ganz vieles abseits des Rasens, was wichtig ist. Ansonsten: Natürlich ist es etwas einfacher, Räume zu erkennen, weil das Tempo etwas langsamer ist. In der Bundesliga sind die Spieler spielintelligenter und machen andere Laufwege, die schwer zu verteidigen und zu erkennen sind. Das machen in der vierten Liga nur wenige. Aber: Auch die Regionalliga ist wirklich guter Anspruch, das darf man nicht unterschätzen. Die vierte Liga in Deutschland ist in vielen anderen Ländern zweite, dritte Liga.

Sie lieben beide den Fußball und sind mit ihm groß geworden. Was haben sie durch ihn gelernt?

Fink: Der Fußball hat mir nicht nur Disziplin gelehrt und gezeigt, dass man für Arbeit belohnt wird, er hat mir vor allem auch Freude geschenkt. Das war früher immer so: Von der Schule nach Hause, Mama hat was gekocht, und dann sofort auf den Fußballplatz mit den Freunden. Das war das Geilste.

Der Fußball bietet dir ein Spektrum, das du vorher nicht kanntest.

Gino Parson

Parson: Ich komme mehr oder weniger aus einem sozialen Brennpunkt, vom Eulenkopf. Da warst du auf dem Bolzplatz, da hat der Stärkere gewonnen. Wenn du ein Tor gemacht hast, hat der andere gesagt: Ja, Pech gehabt, zählt net. (beide lachen) Ich denke heute noch gerne an die Zeit zurück. Aber man muss sagen: Der Fußball ermöglicht dir neue soziale Kontakte, er bietet dir ein Spektrum, was du vorher nicht kanntest. Mir hat der Fußball mehrere Türen geöffnet, auch beruflich. Ich habe durch den Sport meine Frau kennengelernt. Du gewinnst echte Freunde.

Herr Fink, Sie sagen: »Ich liebe das Lachen in der Kabine mit den Jungs.«

Fink: So ist es. Zu Hause bin ich ein ruhiger Mensch. So viel Blödsinn wie im Fußball kann man zu Hause und in der Geschäftswelt nicht quatschen. So eine Fußballerkabine hält einen jung. Es macht Spaß, sich in der Kabine auch mal ein komisches Gespräch zwischen zwei jungen Spielern anzuhören. Das Blödsinn babbeln hat mir gefehlt. In so einer Kabine kann man auch einiges lernen. (Parson lacht)

Zum Beispiel?

Parson: Eine ganz neue Sprache: Alter, digga, bruda. (beide lachen)

Fink: Zum Beispiel, oder im medialen Bereich: TikTok kannte ich gar nicht.

Niederlagen werden kommen. Wie wirkt man ihnen entgegen?

Fink: Die Stimmung muss beibehalten werden. Es ist wichtig, dass Leidenschaft und Wille im Training immer vorhanden sind. Sobald der eine sagt: ›Jetzt mach ich mal weniger‹, sagt der nächste: ›Ich mach auch mal weniger.‹ Dann sagt der erste von der Bank: ›Ich müsste spielen.‹ Dann drohst du in eine Spirale zu kommen. Dafür sind Gino und ich auch da. Für einen Spieler ist es einfacher als für einen Trainer, weil wir mittendrin sind.

Parson: Wichtig ist, dass wir eine Niederlage genauso thematisieren wie einen Sieg und dass wir nicht übereinander, sondern miteinander reden.

Wo es derzeit so gut läuft: Könnten Sie sich vorstellen, in welcher Funktion auch immer, dem FC länger verbunden zu bleiben?

Parson: Das ist mein Verein. Ich würde mich freuen, wenn sich eine Position beim FC Gießen finden würde.

Fink: Ich bin bis zum Sommer auch an Hanau gebunden. Wenn man ehrlich ist: Wenn es etwas anders gelaufen wäre, hätte ich Gießen nie verlassen. Das Ziel ist, mit Daniyel (Cimen, Trainer, Anm. d. Red.) eng zusammenzuarbeiten, auch, wenn ich nicht mehr spiele.

Herr Parson, stimmen Sie der These zu: Es wäre fahrlässig, einen Mann wie Michael Fink ein zweites Mal aus Gießen ziehen zu lassen?

Parson: Also wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich das Ding in irgendeiner Form glatt machen. (beide lachen)

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