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Nach dem Aufstieg am Samstag. Zwei einflussreiche Persönlichkeiten, die sich noch nicht auf eine weitere Zusammenarbeit geeinigt haben: Spieler und Berater Michael Fink (l.) und Geschäftsführer Jörg Fischer. (Fotos: Friedrich)

FC Gießen

Warum die Personalplanungen des FC Gießen stocken

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Nach dem Regionalliga-Aufstieg beginnt für den FC Gießen die heiße Phase der Personalpolitik. Das Duo Cimen/Fink, dessen Verbleib nicht sicher ist, muss sich noch mit dem Budget abfinden.

Beim FC Gießen ist derzeit der klassische Fall zweier verschiedener Ansichten zu beobachten: "Dass Michael Fink und ich verwundert darüber sind, dass beim Aufstieg das Budget gekürzt wird, ist klar", sagt Trainer Daniyel Cimen. "Michael ist damals gekommen, nachdem wir ihm erklärt haben, dass der Verein sehr ambitioniert ist. Die aktuellen Umstände sind nicht so, wie es damals besprochen wurde."

Cimen als Trainer sowie Fink als Führungsfigur auf dem Platz und Berater im Hintergrund sind beide Ex-Profis von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt – und wollen früher oder später zurück ins höherklassige Geschäft, sprich, mindestens Liga drei. Angesprochen auf das Budget von 1,1 Millionen Euro für die erste Mannschaft sagt Cimen nun: "Es ist utopisch, dass man mit dem Etat eine gute Rolle in der Regionalliga spielen kann. Da geht’s nur um den Klassenerhalt."

Im Interview mit dieser Zeitung hatte Fink im Februar gesagt: "Ich muss sehen, dass der Verein gewillt ist, eine Mannschaft zusammenzustellen, mit der man sagen kann: Wir kämpfen nicht Woche für Woche ums Überleben." Er kündigte an, dass eine Entscheidung über seine Zukunft in "ein bis zwei Monaten" fallen werde. Mittlerweile ist es Mai und es ist immer noch völlig offen, ob Michael Fink dem FC Gießen treu bleibt.

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Auf der anderen Seite steht das Gesicht des Vereins, Geschäftsführer Jörg Fischer, der sagt: "Es gibt zwei Sichtweisen und Interessen, aber am Ende entscheidet der Verein." Auf die Frage, ob es nicht ein Widerspruch sei, dass die "Resonanz von neuen Sponsoren super" sei und man gleichzeitig das Budget für die erste Mannschaft um etwa 100 000 Euro zurückfahre, sagt Fischer: "Wir müssen die Kosten auf breitere Schultern verteilen."

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird der Anteil von GHI reduziert und durch mehrere neue Sponsoren ausgeglichen. Insgesamt findet dieses Jahr eine Umverteilung hin zu mehr Investitionen ins Waldstadion statt, das Gesamtvolumen bleibt bei 1,8 Millionen Euro. Der Tenor ist klar: Langfristig und solide planen. "Die Regionalliga ist für uns hochattraktiv", sagt Fischer und bezieht sich auf Gegner wie Kickers Offenbach oder 1. FC Saarbrücken. Die eine Sichtweise ist also die der sportlich fachkundigen, gleichzeitig ehrgeizigen Ex-Profis, die andere die des Mannes, der den Überblick behalten muss und für den die Regionalliga nach aktuellem Stand das Höchste der Gefühle ist.

In den 1,1 Millionen Euro ist alles drin, was die erste Mannschaft betrifft

Geschäftsführer Jörg Fischer

Dass man mit dem geplanten Etat die Klasse in der Regionalliga Südwest halten kann, steht außer Frage. Schließlich hat es der FSV Frankfurt in zuletzt zwei Jahren hintereinander geschafft, mit einem Personaletat von 750 000 Euro in der vierten Liga zu bleiben. Tatsächlich aber ist der finanzielle Spielraum der Gießener für die Gehaltskosten geringer als 1,1 Millionen Euro. Denn Fischer bestätigt, dass in diesem Betrag "alles, was die erste Mannschaft betrifft", inkludiert sei. Also auch die Kosten für das Trainer- und Betreuerteam, die Fahrtkosten/Übernachtungen, Trainingslager usw.

Damit lässt sich zweifelsfrei arbeiten, damit kann man aber keine Spieler wie den 27-jährigen Jannik Sommer verpflichten. Der torgefährliche und regionalligaerfahrene Mittelfeldspieler von Waldhof Mannheim wäre einer nach dem Geschmack von Cimen/Fink, "das wäre eine Topverpflichtung gewesen". Sommer aber entschied sich für den Ligazweiten der Südstaffel, den FC Homburg. "Ich denke, dass wir keine Topspieler der Regionalliga verpflichten werden können", sagt Cimen.

Ich bin nicht der Typ, der sich auf Euphorie und Glück verlässt

Trainer Daniyel Cimen

Vor rund einer Woche saß er mit Fischer zusammen, üm über Finanzen und Entscheidungsspielräume zu reden. Das Gespräch war positiv, betonen beide. Wichtiges Thema war der Freiraum, den das sportliche Führungsduo bei Neuzugängen hat. "Als wir uns unlängst mit einem Spieler einig waren, da befand sich Jörg gerade im verdienten Urlaub. Das hat die Sache dann erschwert", erklärt Cimen. "Aber das ist geklärt."

Fink und Cimen wissen angesichts ihres Netzwerkes und ihrer guten Arbeit um ihre Bedeutung im Verein. Fischer betont öffentlich, dass er den Ehrgeiz der beiden nicht negativ sieht: "Es ist normal, dass ein Trainer so viele Möglichkeiten, wie es geht, haben möchte." Ändern wird sich am finanziellen Rahmen – Stand jetzt – aber nichts.

So stellen sich alle auf eine Saison mit Abstiegskampf ein. "Ich gehe als Trainer und Realist nicht von Märchen aus und bin nicht der Typ, der sich auf Euphorie und Glück verlässt", sagt Cimen. Wenn sich alle Seiten beruhigt haben und beschließen, das Projekt Klassenverbleib gemeinsam anzugehen, kann der FC verhältnismäßig ähnlich erfolgreich agieren wie im ersten Vereinsjahr.

Die generelle Tendenz besagt: Cimen und Fink bleiben, arrangieren sich mit dem Etat und investieren ihre volle Kraft in den Klassenverbleib – mehr als ein Jahr Abstiegskampf in der Regionalliga werden beide aber nicht mitmachen.

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