Turgay Schmidt ist mittlerweile "alleinverantwortlicher Notvorstand" des FC Gießen. FOTO: VOGLER
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Turgay Schmidt ist mittlerweile "alleinverantwortlicher Notvorstand" des FC Gießen. FOTO: VOGLER

FC Gießen

Turgay Schmidt: "Müssen beim FC Gießen alles ehrlich aufarbeiten"

  • Sven Nordmann
    vonSven Nordmann
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Der Rechtsanwalt Turgay Schmidt, der den FC Gießen seit 6. Oktober als Notvorstand alleine führt, erklärt im Interview, dass die Aufklärung der finanziellen Situation zum zentralen Thema wird.

"Ehrlich aufarbeiten - das ist mein Job. Ich bin ein großer Freund von Transparenz." Mit diesen Worten startet der Rechtsanwalt Turgay Schmidt im Oktober 2020 die Aufgabe, den in Schieflage geratenen Fußball-Regionalligisten FC Gießen in "ruhigere Fahrwasser zu führen".

Nachdem bis auf den 2. Vorsitzenden Thilo Harnisch der gesamte FC-Vorstand zurücktrat, wandten sich Mitglieder an Turgay Schmidt. Der 55-Jährige erklärte sich nach dem Antrag des Vereins beim Amtsgericht auf Bestellung eines Notvorstandes bereit, den Posten zu übernehmen und ist nach dem Rückzug von Harnisch nun "alleinverantwortlicher Notvorstand" von Gießens führendem Fußballverein.

FC Gießen: Der zurückgetretene Vorstand ist nicht aus der Verantwortung

Seine Zielsetzung: Eine Situation zu schaffen, in der sich "geeignete Personen" finden, die sich auf einer Mitgliederversammlung in einen neuen Vorstand wählen lassen.

Der zurückgetrene geschäftsführende Vorstand mit Geschäftsführer Jörg Fischer und Sohn Dominik Fischer als Vorsitzenden an der Spitze ist gleichwohl nicht aus jedweder Verantwortung und Haftung, kann Schmidt bei der Aufarbeitung nun aber entscheidend helfen.

Turgay Schmidt: "Die etwaigen Altlasten sind ein zentrales Thema"

Angesprochen auf die undurchsichtige finanzielle Situation, wegen der sich kein Vorstandsmitglied in den geschäftsführenden Vorstand wählen ließ, sagt Schmidt: "Die etwaigen Altlasten sind ein zentrales Thema. Ich werde mit allen Verantwortlichen der letzten zwei Jahre sprechen."

Der Mann, der den FC Gießen 1927 Teutonia/1900 VfB e.V. nun führt, ist im heimischen Fußball durchaus bekannt. Turgay Schmidt ist Vorsitzender des FC Grüningen, hat den Mädchen- und Frauenfußball beim FFC Pohlheim groß gemacht, trainiert die B-Juniorinnen in der Bundesliga und hat bereits mehrere Fußballvereine in Hessen juristisch vertreten. Mit seinem Bruder Ramazan ist er in einer Rechtsanwaltskanzlei in der Gießener Goethestraße tätig.

Herr Schmidt, erklären Sie uns noch einmal kurz, wie Sie nun als Einzelperson den FC Gießen führen können?

Nachdem der Verein durch die Rücktrittswelle nicht mehr handlungsfähig war, hat sich keine Person gefunden, die sich in den geschäftsführenden Vorstand wählen lässt. Der Verein hat sich an mich und an das Amtsgericht gewendet - nunmehr bin ich als vom Amtsgericht bestellter alleinverantwortlicher Notvorstand des Vereins tätig.

Wie lange werden Sie diese Position ausüben?

Bis wir zu dem Punkt kommen, an dem man sagen kann: Es gibt geeignete Personen, die sich für einen neuen Vorstand auf einer einzuberufenen Mitgliederversammlung zur Wahl stellen. Dieser Zeitpunkt ist derzeit noch nicht absehbar - bei Blau-Weiß Gießen hat das zwei Jahre gedauert.

Damit sich ein neuer Vorstand wählen lässt, muss eine Basis geschaffen werden. Wie sieht diese aus?

Es muss ja Gründe gegeben haben, warum der gesamte Vorstand zurücktritt. Ich werde sämtliche Dokumente sichten, recherchieren und Gespräche mit den bisher handelnden Personen führen - um dann eine positive Entwicklung im Verein anzustoßen.

Inwiefern spielt die unklare finanzielle Situation im Verein dabei die Hauptrolle?

Verträge, etwaige Altlasten, das sind zentrale Themen. Das Ziel sollte sein, dass der Verein wirtschaftlich gut aufgestellt ist. Sonst wird sich das Ganze auch auf den sportlichen Bereich auswirken. Für diesen sehe ich derzeit keine Probleme.

Welche Rolle wird die "FCG Offensive GmbH" spielen, die die Vermarktung und Finanzierung der Regionalliga-Mannschaft übernimmt, aber keine Spielrechte besitzt?

Das kann ich noch nicht abschließend sagen. Ich bin erst seit dem 6. Oktober eingesetzt. Aber ja, soweit ich das einschätze, liegen die Spielrechte beim Verein und es gibt keine rechtliche Verbindung zwischen Gesellschaft und Verein. Der Schritt, dass eine Ausgliederung bzw. Überführung der Spielrechte stattfindet, wie im Profibereich üblich, ist bislang nicht vollzogen worden.

Muss ein Insolvenzantrag, wie ihn zuletzt u.a. lokale Konkurrenten wie Kickers Offenbach oder Hessen Kassel gestellt haben, in Betracht gezogen werden?

Dazu fehlen mir noch die Informationen. Eine Insolvenz sollte vermieden werden, das ist der allerletzte Schritt. Ich bin kein Liquidator, der abwickelt, sondern jemand, der analysiert, gestaltet und Strukturen verändern will.

Sind Sie optimistisch, dass Sie bei der Aufarbeitung vollends unterstützt werden?

Ich muss den bisherigen zweiten Vorsitzenden Thilo Harnisch loben. Er wurde ja alleine gelassen und hat sich gefragt, was er tun soll. Er hat das in der Übergangszeit transparent abgewickelt. Ich gehe davon aus, dass mich sämtliche verantwortliche Personen seit Gründung unterstützen und dabei helfen werden, die entstandenen Probleme im Verein zu lösen.

Hatten Sie bis dato eine Verbindung zum FCG?

Nein, ich war noch nie bei einem Spiel des FC im Waldstadion, weil ich durch meine Trainer- und Funktionärstätigkeit anderweitig beschäftigt war. Ich habe die Entwicklung seit der Gründung aber mit Interesse verfolgt.

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